ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Internate: Aufbruch zu neuen Ufern

VARIA: Bildung und Erziehung

Internate: Aufbruch zu neuen Ufern

Sievers, Markus

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LNSLNS Es herrscht wieder Friede im Hause Salem: Nach jahrelangem Streit und zähen gerichtlichen Auseinandersetzungen haben sich das Markgräfliche Haus als Eigentümer des berühmten Schlosses und die Schulleitung versöhnt. Inzwischen haben die Schloßherren sogar die Kündigung der Internatsräume wieder zurückgezogen. Dennoch wird sich in Salem in den nächsten Jahren vieles ändern.


Rückblick in die 80er Jahre: Seine Königliche Hoheit Max Markgraf von Baden ist verärgert. Salem – das sein Großvater Prinz Max von Baden 1920 zusammen mit dem berühmten Pädagogen Kurt Hahn gegründet hatte – ist nicht mehr das, was es einmal war. Liberale Erziehungsmethoden haben Einzug gehalten in das Internat, das sich zwar inzwischen auf drei Standorte verteilt, dessen Mittelstufe aber immer noch im markgräflichen Schloß untergebracht ist. Doch das soll sich ändern. Mitte der 80er Jahre kündigt der Schloßbesitzer und Enkel des letzten Reichskanzlers die Mietverträge mit dem Internat und gibt bekannt, statt dessen ein Konkurrenzinstitut ins Leben rufen zu wollen.
Daß er ein Mann von Prinzipien ist, daran hat Seine Königliche Hoheit nie einen Zweifel gelassen. Zu lasch und zu lax sei das, was sich da in den Unterrichtsräumen im Westflügel seines Schlosses abspiele, teilt er der Öffentlichkeit bei jeder Gelegenheit mit. In der Tat hatte Salem sich schon frühzeitig vom spartanischen Erziehungsideal der ersten Jahre verabschiedet. Das obligatorische Kaltduschen wurde abgeschafft, ebenso wie das "Strafboxen" und die tägliche Gewissensprüfung durch den selbstauferlegten Gewissensplan. Statt dessen werden Eigenverantwortung und soziales Engagement der Zöglinge gefördert. "Ohne Mitarbeit der Schüler", sagt Bernhard Bueb, Direktor der Schule, "würde der Internatsbetrieb zusammenbrechen." Alle Ämter bis hin zu denen der Schulsprecher werden heute per Wahl vergeben und nicht mehr durch die Schulleitung. Schlimmer noch: Auch im Schulträgerverein gelten demokratische Prinzipien. Seit 1963 hat die königliche Familie nur noch eine Stimme – und die kann manchmal sehr einsam sein. Als zwei Lehrerinnen – ohne Trauschein – schwanger werden, fordert der Markgraf ihre Entlassung. Vergeblich: Königliche Hoheit muß sich dem Mehrheitsvotum beugen. Im Zentrum der Kritik steht stets Bernhard Bueb, der das Amt des Direktors gegen den erbitterten Widerstand des Markgrafen 1974 übernommen hat und bis heute die Schule leitet. Schon die Vergangenheit von Bueb weist einen Makel auf: in Bielefeld war er einmal Assistent von Hartmut von Hentig, einem als progressiv bekannten Pädagogen. In den 80er Jahren beteiligte sich der Professor sogar an den Blockaden des Raketendepots von Mutlangen. Solcherlei Irrungen fallen natürlich auf seinen ehemaligen Assistenten zurück (obwohl der in Mutlangen nie gesehen wurde und wohl auch wenig Sympathien für die Blockierer hegte).
Wie dem auch sei: Bueb, der sich selbst als "durch und durch konservativ" bezeichnet, stellt sich unter Erziehung etwas anderes vor als Drill und kaltes Duschen. Dabei beruft er sich ausgerechnet auf die Pädagogik des Gründungsvaters Kurt Hahn. Der hatte die Erlebnispädagogik propagiert und gefordert, den "ganzen Menschen" in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen. Diese Tradition will Bueb fortsetzen und an die modernen Zeiten anpassen. Hahns Anspruch auf eine "Erziehung zum Mut" nimmt der Internats-Direktor wörtlich und läßt sich auf die Auseinandersetzungen mit dem Markgrafen ein. Erst scheint der Streit die Schule zu lähmen – doch dann setzt der "Erfahrungsschock" (so die Süddeutsche Zeitung) neue Kräfte frei. Pläne entstehen, in Überlingen am Bodensee ein neues Oberstufengebäude zu errichten – im modernen Campus-Stil und nach britischem Vorbild. Dann wäre im Oberstufengebäude – im Schloß Spetzgart – Platz für die Mittelstufe, die der Markgraf ja nicht mehr in seinem Schloß haben will.
1994 kauft die Schule das für den Neubau benötigte Grundstück in Überlingen am Bodensee – und dann kommt doch alles ganz anders. Denn im Markgräflichen Haus vollzieht sich ein Generationswechsel: Seine Königliche Hoheit gibt die Verantwortung für das Schloß weiter an seinen Sohn Prinz Bernhard von Baden. Und der ist nicht nur deutlich aufgeschlossener gegenüber den modernen Erziehungsmethoden, sondern zieht auch die Kündigung zurück. Das Internat kann also im Schloß Salem verbleiben – und damit hat die Schulleitung ein neues Problem: Soll man die Neubaupläne in Überlingen nun auf einmal fallen lassen? Nein, entscheidet der Schulträgerverein. Denn die Vorbereitungen sind bereits weit fortgeschritten, ein internationaler Architekten-Wettbewerb steht kurz vor der Entscheidung. Das College soll also gebaut werden – so oder so. Unklar ist dagegen, was mit den Mittelstufen-Räumen im alten Schloß Salem passiert. "Denkbar ist, daß das Internat erweitert wird und sich künftig auf vier statt bisher drei Standorte verteilt", berichtet Hartmut Ferenschild, Pressesprecher der Schule. Unwahrscheinlich, wenn auch nicht ganz ausgeschlossen, ist aber auch, daß das Internat das Traditionsgebäude verläßt – freiwillig. Die Entscheidung soll in wenigen Tagen der Öffentlichkeit bekanntgegeben werden. Markus Sievers

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