ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2012Internetportal: Entscheidungshilfe für Patienten

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Internetportal: Entscheidungshilfe für Patienten

Dtsch Arztebl 2012; 109(6): A-242 / B-213 / C-213

Krüger-Brand, Heike E.

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www.igel-monitor.de: Das Portal zu individuellen Gesundheitsleistungen enthält abgestufte Informationen für Laien und Experten.
www.igel-monitor.de: Das Portal zu individuellen Gesundheitsleistungen enthält abgestufte Informationen für Laien und Experten.

Mit dem „IGeL-Monitor“ wollen die Krankenkassen über individuelle Gesundheitsleistungen aufklären und mehr Transparenz schaffen.

Der Markt für die nicht vom Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung abgedeckten ärztlichen Leistungen – die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) – boomt: Circa 1,5 Milliarden Euro bezahlen Versicherte inzwischen jährlich aus eigener Tasche für IGeL. Nach einer im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Ende 2011 durchgeführten Studie stieg der Anteil der gesetzlich Versicherten, denen eine „Selbstzahlerleistung“ angeboten wurde, von 22 Prozent im Jahr 2008 auf 24 Prozent. Gleichzeitig nahm die Anzahl der gesetzlich Versicherten zu (von 15 auf 19 Prozent), die eine zu kurze Bedenkzeit bei der Entscheidung für eine Selbstzahlerleistung in der Arztpraxis monierten.

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Nützlich, überflüssig, medizinisch bedenklich

Die Krankenkassen beobachten diese Entwicklung kritisch. IGeL seien häufig sehr nützlich für Patienten, in vielen Fällen jedoch ein großes Ärgernis oder sogar medizinisch bedenklich, warnte Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes. Zudem gab es laut Pfeiffer in weniger als der Hälfte aller Fälle eine schriftliche Vereinbarung über die Selbstzahlerleistungen, und für jede siebte IGeL auch keine Rechnung. Über eine eigene Website, den vom Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS) entwickelten „IGeL-Monitor“, sollen die Versicherten sich künftig neutral, verständlich und wissenschaftlich abgesichert über Wirksamkeit, Nutzen und Schaden von IGeL informieren können.

Die ursprünglich als Beratungsinstrument für Kassenmitarbeiter entwickelte nichtkommerzielle Plattform enthält derzeit 24 systematisch aufbereitete, laut MDS auf den Methoden der evidenzbasierten Medizin beruhende Bewertungen von Selbstzahlerleistungen, die in der Praxis besonders häufig anzutreffen sind. Monatlich soll mindestens eine weitere IGeL-Bewertung hinzukommen. Zusätzlich bietet die Website Hintergrundinformationen zum IGeL-Markt, geht auf Rolle und Interessen der Akteure ein und gibt den Versicherten Tipps im Umgang mit IGeL-Angeboten.

„Wir bewerten die einzelnen IGeL nach einem festgelegten Schema in fünf Kategorien: von ,positiv‘, ,tendenziell positiv‘ und ,unklar‘ bis zu ,tendenziell negativ‘ und ,negativ‘. Dabei war uns wichtig, dass für jedermann nachvollziehbar ist, wie wir zu unserer Nutzen-Schaden-Bilanz kommen“, erläuterte die Projektleiterin Dr. med. Monika Lelgemann. Das Resultat: Elf Leistungen sind dem Portal zufolge als eher negativ zu bewerten, davon vier mit einer klar negativen Nutzen-Schaden-Bilanz, wie etwa der Ultraschall der Eierstöcke zur Früherkennung von Eierstockkrebs und die Colon-Hydro-Therapie. Nur zwei IGeL, die Akupunktur zur Migräneprophylaxe und die Lichttherapie bei saisonaler Depression, erhielten die Wertung „tendenziell positiv“. Vier Leistungen werden überwiegend deskriptiv abgehandelt, wie Atteste und Sportuntersuchungen, bei den restlichen sieben IGeL lautete das Fazit der MDS-Experten „unklar“, weil Nutzen und Schaden sich die Waage hielten oder keine Daten verfügbar waren.

Jede der bewerteten Leistungen wird in mehreren, fortlaufend detaillierteren Stufen dargestellt. Auf die Zusammenfassung der Nutzen-Schaden-Abwägung folgen eine Kurzinformation („IGeL-Info kompakt“) und eine ausführlichere Beschreibung – beides laienverständlich aufbereitet. Dort ist auch nachzulesen, welche Leistungen die gesetzlichen Krankenkassen beim jeweiligen Behandlungsanlass übernehmen und was die IGeL in etwa kostet. Die Rubriken „Ergebnisbericht“ und „Evidenzsynthese“ wenden sich dagegen an den Fachexperten. Sie enthalten die Quellen und methodischen Grundlagen zu den Bewertungen. „Damit haben vor allem auch Ärzte die Möglichkeit, unsere Bewertungen nachzuvollziehen“, erklärte Lelgemann.

Das Thema IGeL sorgt auch unter den Ärzten immer wieder für Diskussionen. So hatte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Köhler im Hinblick auf die Ergebnisse der Versichertenbefragung an die Ärzte appelliert, „mit dem Thema IGeL sensibel umzugehen“ und das Vertrauen der Patienten nicht aufs Spiel zu setzen. „Das Portal ist erneut ein Beleg dafür, dass IGeL ein echtes Thema sind“, meinte KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl. Die Ärzteschaft sei gut beraten, sich damit zu beschäftigen. Bei KBV und Bundes­ärzte­kammer gebe es daher die Überlegung, gemeinsam ein Gütesiegel für medizinisch sinnvolle IGeL zu vergeben.

Genaue Grenze nicht immer einfach zu ziehen

Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery verwies darauf, dass zum IGeL-Spektrum auch Behandlungsmethoden wie Sportuntersuchungen oder Reiseimpfungen zählen, die aus der Erstattungspflicht der Krankenkassen herausgenommen wurden, im Einzelfall jedoch sinnvoll sein könnten und von den Patienten gezielt nachgefragt würden. „Das verschweigen die Krankenkassen aber gerne“, kritisierte er. Es sei nicht immer ganz einfach, eine genaue Grenze zu ziehen zwischen dem, was medizinisch notwendig ist, und dem, was von den Patienten als Wunschleistung gefordert und auch noch ärztlich empfehlenswert oder vertretbar sei.

Bereits 2006 hatte der Deutsche Ärztetag Empfehlungen zum verantwortungsvollen Umgang mit IGeL beschlossen. Sie umfassen unter anderem die unaufdringliche, sachliche Beratung der Patienten, einen schriftlichen Vertragsschluss, ausreichende Bedenkzeit für die Patienten, Aufklärung über die Behandlungskosten sowie eine Rechnung auf der Grundlage der ärztlichen Gebührenordnung.

Heike E. Krüger-Brand

@Empfehlungen zu IGeL:
www.aerzteblatt.de/12242

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Avatar #647134
carina12
am Montag, 13. Februar 2012, 10:36

IGEL-Monitor nicht immer sachgerecht


Sehr geehrte Damen und Herren,

leider bestätigt sich bei Durchsicht erster Bewertungen die Vermutung einer in zahlreichen Medien publizierten Ablenkung von der Insuffizienz der von den GKV bestimmten Reparatur-Medizin ! Hier steht der Marketing-Effekt dieser Aktion vor der inhaltlichen Qualität !

Die Bewertung des "Sport-Check" ist voller formaler und inhaltlicher Fehler.
Ein wissenschaftlich UND praktisch erfahrener und damit qualifizierter Sportarzt (internistisch und orthopädisch) ist offensichtlich nicht entscheidend beteiligt worden. In der jetzigen Qualität kann von einer Vertretung von Versicherten-Interessen sicher nicht die Rede sein !
Medizin reduziert auf die heutige Kassenmedizin ist nicht das , was den ärztlichen Beruf im Interesse der Patienten ausmachen sollte. Die Folgen sind bereits vielfältig unübersehbar.
Es würde dem Ansehen der gesetzlichen Kassen nicht schaden, ihre Rolle anzunehmen, und sogar die Optionen einer optimierten Medizin ihren Versicherten positiv zu vermitteln!
Die verbliebene engagierte Fachärzteschaft hat es nicht verdient, durch wenig qualifizierte Bewertung ergänzender Diagnostik-und Therapie diffamiert zu werden !

Es wäre schön gewesen, wenn das DÄB zuvor von Fachärzten die angewandten Kriterien des IGeL-Monitors hätte überprüfen lassen.

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