ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2012Vitamin-D-Substitution: Bewusster Umgang gefordert

MEDIZINREPORT

Vitamin-D-Substitution: Bewusster Umgang gefordert

Dtsch Arztebl 2012; 109(6): A-261 / B-227 / C-227

Karsten, Miriam

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Die Referenzwerte für die Vitamin-D-Zufuhr wurden erhöht. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie hält Messungen der Serumkonzentration von 25(OH)-Vitamin D (Calcitriol) nur für bestimmte Altersgruppen und Risikopopulationen für erforderlich.

Die Substitution mit Vitamin D (zusammen mit Calcium) gehört evidenzbasiert zur Basistherapie der Osteoporose. Foto: iStockphoto/Fotolia [m]
Die Substitution mit Vitamin D (zusammen mit Calcium) gehört evidenzbasiert zur Basistherapie der Osteoporose. Foto: iStockphoto/Fotolia [m]

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat den Referenzwert für die Vitamin-D-Zufuhr kürzlich erhöht: Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen liegt er nun bei 20 µg (800 IE) Vitamin D pro Tag, Säuglinge benötigen danach 10 µg (400 IE). Als Indikator für eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung gilt eine 25-Hydroxyvitamin-D-Serumkonzentration (Calcitriol) von mindestens 20 ng/ml (50 nmol/l). Diesen Wert erreichen nach Angaben der Ernährungsexperten jedoch 60 Prozent der Bevölkerung nicht. Zum Vergleich: International gilt ein 25(OH)-Vitamin-D-Spiegel von über 30 ng/ml als optimal, 20 bis 29 ng/ml werden als ausreichend angesehen.

Vitamin D bildet der Körper unter Einfluss von Sonnenlicht zum überwiegenden Teil selbst, ein kleinerer Teil ist in Lebensmitteln enthalten. Hierzulande nehmen Jugendliche und Erwachsene über die Ernährung täglich zwischen 2 und 4 µg (80 bis 160 IE) Vitamin D auf, Kinder 1 bis 2 µg (40 bis 80 IE). Der restliche Bedarf, so resümiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, müsse daher über die Vitamin-D-Bildung in der Haut und/oder über die Substitution durch ein Vitamin-D-Präparat gedeckt werden.

Eingeschränkter Nutzen

Nach Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ist ein positiver Effekt einer zusätzlichen Vitamin-D-Gabe allerdings nur für einen bestimmten Personenkreis gesichert: Zur Vorbeugung von Rachitis bei Säuglingen, für Patienten mit Osteomalazie, chronischer Niereninsuffizienz und Hypoparathyroidismus sowie für Senioren, die Osteoporose- und sturzgefährdet sind.

Zur Frage einer über die muskuloskelettale Wirkung hinausgehenden, „pleiotropen“ Wirksamkeit von Vitamin D verweist der Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, Prof. Dr. med. Helmut Schatz, Bochum, auf einen Kommentar in JAMA (2011, 305: 2565–6). Danach liegt keine Evidenz für ein vermindertes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes durch Vitamin D vor. Eine Metaanalyse vom Dezember 2011 ergab keine einheitlichen, robusten Daten für eine vor Krebs schützenden Wirkung von Vitamin D (Ann Intern Med 2011, 155: 827–38).

In einer randomisierten placebokontrollierten Studie an mehr als 5 000 älteren Personen bewirkten 20 µg (800 IE) Vitamin D pro Tag keinen Schutz vor Herz-Gefäß-Tod, Krebserkrankung oder Krebstod (J Clin Endocrinol Metabol 2011, DOI: 10.1210jc. 2011–1309). Eine Cochrane-Analyse aus dem Jahr 2011 (Issue 7) ergab keinen Effekt von Vitamin D auf einen Herz-Kreislauf-Tod, und die Krebssterblichkeit nahm darin insgesamt nicht signifikant ab. Hingegen errechneten die Forscher hier eine signifikante Zunahme einer Hyperkalzämie.

„Über die klinische Bedeutung eines alleinigen, als insuffizient oder auch ausreichend eingestuften Vitamin-D-Werts wird heftig diskutiert“, betont Schatz. Wegen unzureichender Evidenz rät der Endokrinologe davon ab, Vitamin D zur Prävention von Erkrankungen außerhalb des muskuloskelettalen Bereichs flächendeckend einzusetzen. Auch Reihenuntersuchungen in der Bevölkerung auf den 25(OH)-Vitamin-D-Spiegel sollten der Fachgesellschaft zufolge derzeit nur gezielt bei bestimmten Altersgruppen und Risikopopulationen vorgenommen werden. Nach einem Kommentar in Lancet (2012, 379: 95–6) seien generelle Vitamin-D-Bestimmungen „costly, confusing, and without credibility“. Eine Bestimmung des 25(OH)-Vitamin D kostet in Deutschland 18,40 Euro.

Zukunftsperspektive

Zurzeit laufen zwei große Studien zur Wirksamkeit einer Vitamin-D-Zufuhr an, geplant an je 20 000 Personen in den USA und in Großbritannien: In der amerikanischen VITAL-Studie werden täglich 50 µg (2 000 IE) Vitamin D gegeben, in der britischen VIDAL-Studie monatlich 2 500 µg (100 000 IE), was 80 µg (3 200 IE) pro Tag entspricht. Ergebnisse sind frühestens 2016 zu erwarten.

Miriam Karsten

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Avatar #678584
Musikfreund
am Dienstag, 11. Februar 2014, 01:53

Nicht Calcitriol, sondern....

Calcidiol ist das 25(OH)-Vitamin D (oder 25-Hydroxy-Colecalciferol). Daraus stellt der Körper das hormonell wirksame Calcitriol her, indem einfach noch eine dritte OH-Gruppe angehängt wird - 1,25(OH)-Vitamin D = CalciTRIol !

Die Calcidiolbestimmung i.S. kostet leider mehr als 18,40 Euro. GOÄ-Ziffer 4138, zur Zeit 27,98 Euro. Als Privatpatient bekomme ich dafür eine Laborrechnung über 36,17 Euro (incl. "Versandkosten").
Avatar #67593
von Helden
am Sonntag, 13. Mai 2012, 21:09

Hypercalciämie? Cochrane falsch zitiert!

Die Passage: "signifikante Zunahme einer Hyperkalzämie" ist falsch zitiert. in der Cohcrane-Studie bezieht sich das eindeutig auf aktive Formen des Vitamin D, z.B. Alfacalcidiol. So wie es hier steht ist es daher irreführend.
Prof Schatz hat diese Passage nach einer Korrespondenz im Februar 2012 bereits auf der Hompage der DGE korrigiert.

Dr. med Raimund von Helden
P.S.:
Zudem ist der fehlende Effekt von 800 E pro Tag nicht verwunderlich. Solche Dosierungen sind nicht in der Lage suffiziente Spiegel von 32 ng/ml und mehr zu garantieren.

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