ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2012Krankenhaus: Karriere trotz Teilzeit

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Krankenhaus: Karriere trotz Teilzeit

Dtsch Arztebl 2012; 109(6): A-289 / B-253 / C-249

Rothe, Andrea

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Empfehlungen für eine Beschleunigung und Verbesserung der fachärztlichen Weiterbildung in Teilzeit

Mir ist klar, dass ich es nicht mehr in eine medizinische Spitzenposition schaffen werde, weil ich jetzt in Teilzeit arbeite“, sagt eine 30-jährige Ärztin, die im Rahmen einer Studie der Städtisches Klinikum München GmbH (StKM) befragt wurde. Eine andere ergänzt: „Das Problem ist, dass die Arbeitszeiten auf Vollzeitarbeit ausgelegt sind.“ Die beiden Ärztinnen benennen wesentliche Punkte, weswegen es kaum gelingt, Ärztinnen für eine medizinische Karriere im Krankenhaus zu motivieren. Dabei hält der Trend an, dass mehr Frauen als Männer das humanmedizinische Studium abschließen. Gleichzeitig gibt es nur marginale Verbesserungen bei der Beteiligung von Ärztinnen an den medizinischen Führungspositionen (siehe Grafik).

Die Gründe für den extremen Verlust von Ärztinnen im Karriereverlauf sind vielfältig und reichen von Mechanismen der homosozialen Reproduktion der Verhältnisse bis hin zu Widerständen, die sich daraus ergeben, dass die gerechte Teilhabe von Frauen in Führungspositionen immer auch eine Verschiebung tradierter männlicher Machtverhältnisse darstellt. Zudem überwiegen im medizinischen Dienst in Kliniken oft noch spezifische Kulturen, die unter anderem dazu führen, dass die Qualität der Tätigkeit des Ärztenachwuchses an deren Bereitschaft zu quantitativ langen Arbeitszeiten gemessen wird. Das schreckt junge Ärztinnen (und auch junge Ärzte) ab und ist häufig mit ihren Lebensentwürfen kaum mehr zu verbinden.

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Da der Verlust der Ärztinnen in und nach der fachärztlichen Weiterbildung beginnt, war es das Ziel dieser qualitativen Studie, Empfehlungen zu erarbeiten, die zu einer Beschleunigung und Verbesserung der Bedingungen für eine fachärztliche Weiterbildung in Teilzeit beitragen und die gleichzeitig die Planungssicherheit der Chefärztinnen und Chefärzte erhöhen. Sie fußt auf Interviews mit drei Chefärzten aus den Fachgebieten Chirurgie, Anästhesie und Präklinik/Notaufnahme sowie mit drei Ärztinnen aus diesen Abteilungen, die derzeit ihre Weiterbildung familienbedingt in Teilzeit absolvieren. Es konnten zum Teil einfach umzusetzende Empfehlungen formuliert werden:

  • Verträge über die gesamte Laufzeit der Weiterbildung. Es ist wichtig, den Ärztinnen und Ärzten Vertragssicherheit für die Weiterbildung zu geben, anstatt Kurzzeitverträge, die oft nur über zwei Jahre laufen. Letztere setzen Ärztinnen und Ärzte, die durch Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeiten vorübergehend ausscheiden, unter Druck und führen zu Verunsicherungen und auch zu Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber.
  • Frühzeitige Information über das Curriculum der Weiterbildung. Als notwendig wird von den Chefärzten und Ärztinnen eine sehr frühe Aufklärung über Inhalt und Ablauf des Weiterbildungskatalogs erachtet. Diese Aufklärung durch die Chefärztinnen und Chefärzte sollte transparent auch darüber informieren, welche Phasen der Weiterbildung in Teilzeit machbar sind und welche Phasen eigentlich fast nur in Vollzeit zu leisten sind.
  • Einführung eines klinikweiten Kontakt-Halte-Programms. Ein strukturiertes Programm, das die Begleitung der Eltern vor, während und nach dem Mutterschutz und der Elternzeit erlaubt, wird von allen Interviewten positiv gesehen. Vonseiten der Ärztinnen wird es befürwortet, weil es ohne Kontakt innerhalb kurzer Zeit zu einer Entfremdung von der Arbeit und der Abteilung kommt, was zu Verunsicherung führt. Vonseiten der Chefärzte wird die Hoffnung formuliert, dass sich die Planungssicherheit für den Wiedereinstieg verbessert und gegebenenfalls die Abwesenheitszeiten reduziert und Einarbeitungszeiten verkürzt werden können.
  • Verbesserung der Akzeptanz von Teilzeittätigkeit. Ärztinnen und Ärzte, die wegen Kindererziehung in Teilzeit arbeiten, stoßen bei Chefärztinnen und Chefärzten, aber auch bei vielen Kolleginnen und Kollegen, immer noch auf wenig Verständnis. Ganz wichtig ist den befragten Ärztinnen daher, dass die Chefärztinnen und Chefärzte den betroffenen Eltern bereits vor der Beurlaubung das Gefühl geben, dass sie auch in Teilzeit wieder willkommen sind und sie diese positive Haltung gegenüber der Abteilung kommunizieren.
  • Arbeitszeitmodelle für den Wiedereinstieg. Um den Wiedereinstieg nach einer familienbedingten Unterbrechung in Teilzeit zu erleichtern, sind konkrete Arbeitszeitmodelle hilfreich, die grundsätzlich zum Beispiel für die Arbeit auf Station oder einer Notaufnahme geeignet und zeitlich befristet sind, um Anpassungen zu ermöglichen. Die jeweils erste Umsetzung der Arbeitszeitmodelle sollte eng begleitet und evaluiert werden.
  • Häuserübergreifende Rotationen. Die Anzahl der großen Klinikverbünde mit dezentralen Standorten nimmt zu. Rotationen innerhalb und zwischen den medizinischen Disziplinen über die Häuser hinweg werden von allen Befragten als Möglichkeit gesehen, Engpässe und Konkurrenzen bei der fachärztlichen Weiterbildung zu vermeiden. Um Rotationsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit in der Weiterbildung zu verbessern, sollten mehr Stellen entsprechend ausgeschrieben und besetzt werden. Gleichzeitig ist bei den Rotationen für diese Gruppe darauf zu achten, dass bei weit auseinanderliegenden Einsatzorten der pünktliche Arbeitsbeginn und die Kinderbetreuung vereinbar sind.
  • Bewusste Förderung und Ermöglichung von Führung in Teilzeit, geteilter Führung und Jobsharing für medizinische Führungspositionen. Auch die mangelnde berufliche Perspektive nach der Weiterbildung in Teilzeit trifft arbeitende Ärztinnen und Ärzte mit Familienverantwortung besonders. Gemeint ist damit nicht nur eine Festanstellung als Fachärztin/Facharzt, sondern auch die immer noch schlechten Chancen, in Teilzeit eine medizinische Karriere in einer Klinik zu realisieren.

Für eine Verbesserung der Weiterbildung in Teilzeit ist es den Chefärzten noch wichtig, dass die Nachbesetzung bei Beschäftigungsverboten und Mutterschutz schnell geht. Auch befürworten sie die gezielte Ausschreibung und Besetzung von Teilzeitstellen für die Weiterbildung sowie die Einrichtung eines Ruf- und Springerdienstes für kurze familienbedingte Abwesenheiten.

Die Ärztinnen wünschen sich zudem eine bewusste Bevorzugung beim Wiedereinstieg nach dem Mutterschutz/Elternzeit als Ausgleich für Nachteile, die sie durch die Beschäftigungsverbote während der Schwangerschaft hatten. Bisher verstärken sich die Nachteile durch die Teilzeittätigkeit oft noch, was dazu führt, dass sich die Weiterbildung nicht nur proportional zur Teilzeit verlängert, sondern darüber hinaus. Ergänzend dazu wünschen sich die Ärztinnen ausreichende Kinderbetreuungsangebote.

Die Städtische Klinikum München GmbH engagiert sich dafür, dass die medizinische Qualifikation mehr Einfluss auf eine medizinische Karriere im Krankenhaus hat als die Geschlechtszugehörigkeit. Um dies in der Unternehmenskultur zu verankern, ist eine klare Haltung der Klinikleitung notwendig ebenso wie die Bereitschaft der Chefärztinnen und Chefärzte, die Belange von Ärztinnen und Ärzten mit Erziehungsverantwortung ernst zu nehmen. Um den Chefärztinnen und Chefärzten dies zu ermöglichen, brauchen aber auch sie Strukturen, die es ihnen erlauben, ihre verantwortungsvolle Tätigkeit für die Patientinnen und Patienten aufrechtzuerhalten. Je früher sich Krankenhäuser auf diese Veränderungen einlassen, desto besser sind ihre Wettbewerbschancen um gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Dr. Andrea Rothe,

Stabsstelle Betriebliche Gleichbehandlung, Städtisches Klinikum München GmbH

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