ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Psychotherapeutische Versorgung: Schon mal da gewesen

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Psychotherapeutische Versorgung: Schon mal da gewesen

PP 11, Ausgabe Februar 2012, Seite 49

Bühring, Petra

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Wer sich seit vielen Jahren mit Gesundheitspolitik unter besonderer Berücksichtigung der Psychotherapeuten befasst, hat in diesen Tagen gleich zwei Déjà-vus: Die Kostenerstattung ist wieder da, ebenso die Forderung nach einem dritten Vergütungstopf für psychotherapeutische Leistungen.

Mitte der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts wurde etwa die Hälfte der psychotherapeutischen Versorgung im Kostenerstattungssystem erbracht. Psychotherapie wurde zunehmend nachgefragt; der Bedarf konnte aber weder von Ärzten noch im damals üblichen Delegationsverfahren (Arzt delegierte Behandlung an Diplom-Psychologen) gedeckt werden. Die Techniker-Krankenkasse führte deshalb die Kostenerstattung als regelhaftes Genehmigungsverfahren ein, andere Kassen zogen nach. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) sahen zunehmend ihren Sicherstellungsauftrag gefährdet. Gleichzeitig hatte sich mit den „Kostenerstattlern“ ein grauer Psychotherapiemarkt gebildet, auf dem nicht nur wissenschaftlich überprüfte Behandlungsmethoden angeboten wurden. 1996 wurde die Kostenerstattung gerichtlich für unzulässig erklärt, drei Jahre später das Psychotherapeutengesetz eingeführt, das die Psychotherapie als Heilberuf neu ordnete.

Die Psychologischen Psychotherapeuten (PP), die heute im Rahmen der Kostenerstattung nach § 13 Absatz 3 Sozialgesetzbuch V arbeiten, haben mit den damaligen wenig gemein (siehe Artikel auf Seite 55). Es sind approbierte PP, die die gleichen wissenschaftlich anerkannten Verfahren anwenden wie ihre Kollegen im KV-System. Was ihnen fehlt, ist einzig der Praxissitz, denn die allermeisten Gebiete sind für Neuzulassungen gesperrt. Zu hoffen ist, dass eine reformierte Bedarfsplanung die Situation verbessert.

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Die Ausgaben für eine Kostenerstattung bei Systemversagen steigen jährlich um circa 20 bis 25 Prozent: 2010 gab die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) bereits 30,5 Millionen Euro dafür aus – an den KVen vorbei. Wenngleich der GKV-Spitzenverband nicht sagen kann, wie viel für Psychotherapie innerhalb des KV-Systems ausgegeben wird, ist das nicht wenig. Das Geld, das die Krankenkassen ja offensichtlich haben, könnte besser als extrabudgetäre Vergütung psychotherapeutischer Leistungen Verwendung finden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Berufsverbände hatten an den Gesetzgeber im Vorfeld des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes appelliert, den wachsenden Bedarf an Psychotherapie nicht aus der Gesamtvergütung finanzieren zu lassen, sondern stattdessen für eine extrabudgetäre Vergütung zu sorgen. Vergebens.

Auftrieb bekommt diese Forderung jetzt mit den Reaktionen auf das Gutachten der KBV zur psychotherapeutischen Versorgung (siehe Seite 56). Die KV Baden-Württemberg regt an, neben der Ausbudgetierung einen eigenen Versorgungstopf für die Psychotherapie einzurichten. Nur so könne verhindert werden, dass die steigende Last psychischer Erkrankungen zulasten der somatisch kranken Patienten gehe. Der Bayerische Facharztverband geht noch einen Schritt weiter und regt die Gründung von Kassenpsychotherapeutischen Vereinigungen an. Auch diese Idee kam in den ersten Jahren nach dem Psychotherapeutengesetz, als sich alle an die Integration der PP in das Vertragsarztsystem gewöhnen mussten, immer mal wieder auf.

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