ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Jahresthema 2012: Tabu – Weltberühmte Affen

KUNST + PSYCHE

Jahresthema 2012: Tabu – Weltberühmte Affen

Kraft, Hartmut

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„Drei Affen“. Unterschiedliche Skulpturen aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts Foto: Eberhard Hahne
„Drei Affen“. Unterschiedliche Skulpturen aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts Foto: Eberhard Hahne

Wer kennt sie nicht – die Skulptur der drei Affen „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“? Eng aneinandergeschmiegt sitzen sie da und zeigen mit ihren Gesten, was sie vermeiden wollen – insofern erscheinen sie als eine ebenso knappe wie treffende Darstellung der Tabuthematik schlechthin. In einer großen Anzahl von Variationen stehen sie als Kleinplastiken in Vitrinen und auf Schreibtischen in zahlreichen Haushalten.

Trotz ihrer weiten Verbreitung und ihres hohen Bekanntheitsgrads ist ihre Herkunft aus Japan weitgehend unbekannt. Das Vorbild befindet sich an einem Tempel in Nikko. Beim shintoistisch-buddhistischen Koshin-Fest erstatten diese Affen als Boten der Götter Bericht über die Menschen. In diesem Zusammenhang werden sie in der Pose „Wir hören, sprechen und sehen nichts Böses“ dargestellt. Gegenüber der ursprünglichen Form und Bedeutung haben die drei Affen auf ihrem Weg in die Welt offensichtlich einen Wandel erfahren. Während sie auf der Darstellung in Japan herumzutollen scheinen, sitzen sie nun still und artig nebeneinander. Wesentlicher noch ist die Bedeutungsveränderung, die sie erfahren haben. Abgelöst von ihrem religiösen Hintergrund erscheinen sie nun als Handlungsvorbild für manche Menschen, auf deren Schreibtisch sie stehen. Sie könnten die Paten des „Ohnemichel“ sein, der die Augen und Ohren vor den Missständen der Welt verschließt, nicht Stellung nimmt, sich heraushält. So dürfte es wohl kaum ein Zufall sein, dass sich die drei Affen in unzähligen kunsthandwerklichen Varianten in deutschen Wohnungen nach dem Zweiten Weltkrieg befanden. Viel Erlebtes und Erlittenes, viele Scham- und Schuldgefühle mussten unmittelbar nach dem Krieg verdrängt werden, da sie so zeitnah noch nicht aufgearbeitet werden konnten. In der Rückschau erscheinen die drei kleinen Affen wie ein Signum der Nachkriegsepoche. Die Beliebtheit der drei kleinen Affen scheint inzwischen etwas abgenommen zu haben, wohingegen diese Skulpturengruppen in ihrem Ursprungsland Japan mit seiner zahlreiche Tabus beachtenden Gesellschaft weiterhin zu den beliebten Geschenken und Andenken zählen.

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Dr. med. Hartmut Kraft

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