ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Kostenerstattung in der Psychotherapie: Wenn das System versagt

POLITIK

Kostenerstattung in der Psychotherapie: Wenn das System versagt

PP 11, Ausgabe Februar 2012, Seite 55

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung setzt wenig Hoffnung in die Auswirkungen des Versorgungsstrukturgesetzes. Als vorübergehenden Ausweg aus der Versorgungsmisere will der Berufsverband die Kostenerstattung fördern.

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPTV) ist enttäuscht vom GKV-Versorgungsstrukturgesetz, das gerade in Kraft getreten ist. „Obwohl wir den Gesetzgeber immer wieder darauf hingewiesen haben, dass die Unterversorgung psychisch Kranker angegangen werden muss, ist nichts passiert“, beklagte der Bundesvorsitzende, Dieter Best, vor Journalisten in Berlin. Statt eine konkrete Neuberechnung der Verhältniszahlen – wie erhofft – im Gesetz vorzuschreiben, sei die Verantwortung für die Bedarfsplanung nun dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss übertragen worden. Ob sich die psychotherapeutische Versorgung mit der Reform verbessere, sei ungewiss. „Die Lage für Psychotherapie suchende Menschen ist aber prekär, und die Sicherstellung in manchen Regionen schon jetzt nicht mehr gewährleistet“, kritisierte Best.

Die DPTV – und auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer – wollen deshalb offensiv die Kostenerstattung nach § 13 Absatz 3 Sozialgesetzbuch (SGB) V fördern. Nach dieser Vorschrift können psychisch Kranke, die vergeblich einen Therapieplatz bei einem im Kassenarztsystem zugelassenen Psychotherapeuten gesucht haben, auch approbierte Psychotherapeuten, die in privater Praxis ohne Zulassung arbeiten, aufsuchen. Das SGB V sieht vor, dass gesetzliche Krankenkassen die Kosten für eine notwendige unaufschiebbare Leistung erstatten müssen, wenn diese im Sachleistungsprinzip nicht rechtzeitig erbracht werden kann. Diese Regelung ist unabhängig von der „Kostenerstattung auf Wunsch des Patienten“ in § 13 Absatz 2, dem Wahlrecht auf Kostenerstattung.

Anzeige

„Die Kostenerstattung bei Systemversagen nimmt für die Psychotherapie jährlich um circa 20 bis 25 Prozent zu“, erläuterte Best. Gab die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) 2005 hierfür noch 10,4 Millionen Euro aus, waren es 2010 bereits 30,5 Millionen Euro, die an den KVen vorbei ausgezahlt wurden (Datenquelle: GKV-Spitzenverband).

Gleiche Qualifizierung

Nicht wenige approbierte Psychotherapeuten arbeiten in privater Praxis (siehe Tabelle). Sie sind ebenso qualifiziert wie ihre niedergelassenen Kollegen und behandeln mit antragspflichtiger Richtlinien-Psychotherapie – auch privat Versicherte. Meist sind es jüngere Therapeuten, die auf einen Praxissitz warten. Jährlich erwerben 1 700 Psychotherapeuten die Approbation.

Eva Martin, Psychologische Psychotherapeutin in Brandenburg, arbeitet seit Frühjahr 2010 privat im Rahmen der Kostenerstattung. Die junge Therapeutin sah keine Chance auf eine KV-Zulassung und wagte so den Sprung in die Selbstständigkeit. „Meine Praxis ist trotzdem ausgelastet, und ich kenne viele in Privatpraxis, die ebenfalls Wartelisten führen“, berichtete Martin. Die Patienten kommen häufig auf Empfehlung von zugelassenen Kollegen oder von anderen Patienten.

Große Hürden für Patienten

Die Hürden für die Patienten, eine Therapie im Rahmen der Kostenerstattung aufzunehmen, seien allerdings ungleich höher, sagte Martin: „Gerade für Menschen mit Depressionen, die häufig antriebsschwach sind, stellt die Beantragung der Therapie eine große Belastung dar.“ Die Patienten müssen vorab einen formlosen Antrag an ihre Krankenkasse stellen und begründen, warum sie eine Psychotherapie brauchen. Dabei müssen sie belegen, innerhalb einer zumutbaren Wartezeit keinen Therapieplatz bei einem zugelassen Therapeuten bekommen zu haben; fünf bis zehn Absagen sind vorzuweisen. Außerdem haben sie eine Notwendigkeits- oder Dringlichkeitsbescheinigung von einem Therapeuten oder Arzt einzureichen.

Für die Psychotherapeuten ist die Kostenerstattung ein vorübergehender Ausweg aus der Versorgungsmisere. Das Interesse der Krankenkassen daran scheint indes begrenzt: Eva Martin hört immer wieder von Therapiewilligen, wie schwierig es war, bei der Kasse an die richtigen Informationen zu kommen: „Oftmals wissen die Sachbearbeiter gar nicht, dass Kostenerstattung in der Psychotherapie überhaupt möglich ist.“

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema