ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Psychotherapie in Europa: Finnland – Aktiv gegen Depressionen

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Psychotherapie in Europa: Finnland – Aktiv gegen Depressionen

PP 11, Ausgabe Februar 2012, Seite 67

Sonnenmoser, Marion

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Psychotherapie ist in Finnland für Patienten fast kostenfrei. Doch die Versorgung auf dem Land ist schlecht, und auch in den Städten sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz lang.

Depressionen kommen in Finnland im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich häufig vor. Fotos: iStockphoto/Fotolia
Depressionen kommen in Finnland im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich häufig vor. Fotos: iStockphoto/Fotolia

Finnland ist in vielem vorbildlich. Es kann zum Beispiel ein sehr gutes Schulsystem, eine niedrige Arbeitslosenquote und eine starke Verbreitung des Internets aufweisen. Wie aber steht es um die Psychotherapie?

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Die Psychotherapie in Finnland ist eingebunden in das staatliche Gesundheitssystem. Für die Organisation des nationalen Gesundheitsdienstes sind etwa 450 Gemeinden zuständig. Sie finanzieren mit Hilfe von verschiedenen Steuergeldern circa 270 Gesundheitszentren, die die ambulante Versorgung sicherstellen. In den Gesundheitszentren sind unter anderem Allgemein- und Fachärzte, Krankenschwestern, Hebammen, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Psychologen, Psychotherapeuten und Verwaltungsangestellte tätig, die bei den Gemeinden angestellt sind. Das Leistungsangebot der verschiedenen Gesundheitszentren fällt je nach Größe, Bevölkerungsdichte und Finanzkraft der Gemeinden unterschiedlich aus. In größeren Städten sind oft mehr als 100 Ärzte in einem Gesundheitszentrum beschäftigt, wohingegen in dünn besiedelten Gebieten meistens nur eine medizinische Basis- und Notfallversorgung angeboten werden kann.

Einheitliche Versicherung

In Finnland gibt es eine einheitliche Kran­ken­ver­siche­rung, in der alle Einwohner pflichtversichert sind. Auch jeder zugelassene Arzt ist in dieses System einbezogen. Die finnische Kran­ken­ver­siche­rung unterteilt sich in zwei Bereiche: Der erste Bereich betrifft die Einkommensversicherung, die bei Einkommensausfällen im Krankheitsfall und bei Geburt eines Kindes aufkommt. Der zweite Bereich ist die medizinische Versicherung. Sie übernimmt nach dem Kostenerstattungsprinzip die Kosten für die medizinische Versorgung. Bleiben die Versicherten im Netzwerk der öffentlichen Gesundheitsdienste, sind ambulante und stationäre Behandlungen für sie fast kostenfrei; sie müssen für einen Arztbesuch je nach Gemeinde lediglich ungefähr zehn Euro für die ersten drei Konsultationen im Kalenderjahr oder eine Jahresgebühr von circa 22 Euro bezahlen. Auch an Kranken­haus­auf­enthalten müssen sie sich nur geringfügig selbst beteiligen. Begeben sich die Versicherten hingegen in Privatpraxen und -kliniken, werden die Behandlungskosten nur teilweise erstattet beziehungsweise müssen von den Patienten selbst getragen werden.

Geschützter Titel

Das trifft auch auf die Psychotherapie zu: In öffentlichen Gesundheitszentren und Kliniken ist die Behandlung fast kostenfrei, in Privatpraxen trägt die einheitliche Kran­ken­ver­siche­rung die Kosten für eine Dauer von zwei Jahren; den Rest müssen die Patienten selbst bezahlen. Seit 2007 beteiligt sich die Kran­ken­ver­siche­rung nicht nur an einer Langzeittherapie, sondern auch an Kurzzeittherapien. Angeboten wird hauptsächlich psychodynamische Psychotherapie, aber auch kognitive, kognitiv-verhaltenstherapeutische und problemlösende Verfahren sowie Paar-, Familien- und Gruppentherapie.

Die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ ist in Finnland geschützt. Um diesen Titel zu erwerben, muss ein Anwärter eine abgeschlossene Berufsausbildung und eine mindestens drei- bis vierjährige Zusatzausbildung vorweisen. Will er als Psychotherapeut über das öffentliche Gesundheitssystem abrechnen, muss er zusätzlich bei der nationalen Versicherung registriert sein. Die Ausbildung zum Psychotherapeuten steht vielen verschiedenen Berufsgruppen offen, unter anderem Krankenschwestern, Sozialarbeitern, Theologen, Pädagogen, Lehrern, Ärzten und Psychologen. Momentan praktizieren circa 4 500 Psychotherapeuten in Finnland, von denen allerdings nicht alle den offiziellen Titel führen dürfen. Im öffentlichen Bereich bieten zudem zahlreiche andere Berufsgruppen und Anwärter psychotherapeutische Dienstleistungen unter Aufsicht zertifizierter Psychotherapeuten an.

Trotz mancher Vorteile der öffentlichen Versorgung (zum Beispiel der geringe Eigenanteil) gibt es auch Nachteile. Beispielsweise ist die Versorgung in ländlichen und abgelegenen Gebieten relativ schlecht, und die Wartezeiten auf eine Behandlung sind selbst im städtischen Raum teilweise extrem lang. Um die Gesundheitskosten zu senken, werden zudem immer seltener lang dauernde Psychotherapien und stattdessen immer häufiger Kurzzeittherapien finanziert. Darüber hinaus findet in den Gesundheitszentren eine Vorauswahl der Patienten durch Krankenschwestern in den (Not-)Aufnahmestellen statt (sogenannte Priorisierung). Sie dient dazu, das qualifizierte Fachpersonal (zum Beispiel Ärzte) möglichst selten einzusetzen. Daher werden Patienten oft mit ein paar Informationen und Rezepten wieder nach Hause geschickt, lediglich am Telefon beraten oder von Krankenschwestern grundversorgt, aber nicht zu einer intensiveren Diagnostik und Therapie weitergeleitet. Zugang zu einer fachgerechten Behandlung zu bekommen, wird für finnische Patienten daher zunehmend schwieriger. Ein weiteres Problem besteht nach Meinung von Gesundheitsexperten um Sinikka Sihvo vom National Research and Development Centre for Welfare and Health in Helsinki in der oft inadäquaten Versorgung psychischer Störungen wie zum Beispiel von Angsterkrankungen. Sie berichten: „Sehr viele Angsterkrankungen bleiben unbehandelt.“ Erfolgt dennoch eine Behandlung, werden meistens Psychopharmaka und nur selten Psychotherapien eingesetzt. So gesehen ist die Psychotherapie in Finnland wenig vorbildlich, sondern eher verbesserungsbedürftig.

Hohe Suizidrate

Im Hinblick auf die Häufigkeit psychischer Erkrankungen nimmt Finnland bei Depressionen im weltweiten Vergleich eine Spitzenposition ein. Auch Suizide kommen überdurchschnittlich häufig vor. Depressionen verursachen in Finnland enorme Gesundheitskosten. „Allein 15 Prozent der Ausgaben für die Behandlung psychischer Störungen entfallen auf Depressionen, und in 49 Prozent aller Anträge auf Frühberentung werden Depressionen als Ursache genannt“, sagt der Psychotherapieprofessor Jaakko Seikkula von der Universität Jyväskylä.

Um die Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Depressionen zu reduzieren, hat das finnische Sozial- und Ge­sund­heits­mi­nis­terium im Jahr 2007 das „Masto“-Projekt ins Leben gerufen (www.tartumasennukseen.fi). Das Projekt hat zum Ziel, das Wohlbefinden der Berufstätigen am Arbeitsplatz zu steigern, die Rückkehr in den Beruf zu erleichtern und Depressionen allgemein zu verhindern. Darüber hinaus sollen erste Anzeichen von Depressionen frühzeitig erkannt werden und fachgerechte Behandlungen und Rehabilitationsangebote zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt endete im Jahr 2011. Ob es Wirkung gezeigt hat, werden die projektbegleitenden Evaluationen in Kürze zeigen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Korkeila J: Current trends in psychiatry care in Finland with special focus on private practice psychiatry and psychotherapy. Nordic Journal of Psychiatry 2009; 63(1): 87–90.
2.
Lahti A et al.: Youth suicide trends in Finland, 1969–2008. Journal of Child Psychology and Psychiatry 2011; 52(9): 984–91.
3.
Seikkula J: Finland. In: Bundes­psycho­therapeuten­kammer: Psychotherapy in Europe – Disease management strategies for depression. Berlin 2011: 10–1.
4.
Sinikka S et al.: Treatment of anxiety disorders in the Finnish general population. Journal of Affective Disorders 2006; 96(1–2): 31–8.
1.Korkeila J: Current trends in psychiatry care in Finland with special focus on private practice psychiatry and psychotherapy. Nordic Journal of Psychiatry 2009; 63(1): 87–90.
2.Lahti A et al.: Youth suicide trends in Finland, 1969–2008. Journal of Child Psychology and Psychiatry 2011; 52(9): 984–91.
3.Seikkula J: Finland. In: Bundes­psycho­therapeuten­kammer: Psychotherapy in Europe – Disease management strategies for depression. Berlin 2011: 10–1.
4.Sinikka S et al.: Treatment of anxiety disorders in the Finnish general population. Journal of Affective Disorders 2006; 96(1–2): 31–8.

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