ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Berufsunfähigkeitsgutachten bei psychischen Erkrankungen: Mehr Orientierung geboten

THEMEN DER ZEIT

Berufsunfähigkeitsgutachten bei psychischen Erkrankungen: Mehr Orientierung geboten

PP 11, Ausgabe Februar 2012, Seite 71

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Frühberentungen aufgrund von psychischen Erkrankungen haben deutlich zugenommen. Ein neuer Leitfaden von Experten für Rentenversicherungen soll die Begutachtung bei Berufsunfähigkeit auf eine solide Basis stellen.

Foto: Fotolia
Foto: Fotolia

Die Zahl der Krankschreibungen, Berufsunfähigkeitsfälle und Frühberentungen aufgrund psychischer und psychosomatischer Erkrankungen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Etwa jeder dritte Fall ist mittlerweile darauf zurückzuführen. Berufsunfähigkeit wird vor allem von Depressionen verursacht, aber auch Angsterkrankungen und Erschöpfungssyndrome (Burn-out) tragen in jüngerer Zeit vermehrt dazu bei, dass Berufstätige ihrer Arbeit dauerhaft nicht mehr nachgehen können.

Anzeige

Die Feststellung einer Berufsunfähigkeit ist aufwendig und setzt unter anderem die Mitwirkungspflicht des Antragstellers und eine qualifizierte Begutachtung voraus. Psychische und psychosomatische Erkrankungen stellen hierbei eine besondere Herausforderung dar, weil sich ihr Ausmaß und ihre Auswirkungen ungleich schwerer beurteilen lassen als körperliche Beeinträchtigungen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens können viele Symptome nicht objektiv gemessen werden (zum Beispiel Schmerz), zweitens neigen manche Patienten dazu, absichtlich oder unabsichtlich falsche Angaben zu machen (siehe Kasten), und drittens fehlte es bisher an verlässlichen Maßstäben.

Höhere Transparenz der gutachterlichen Entscheidung

Seit kurzem liegt jedoch ein Diagnose- und Beurteilungsinstrument vor, das verschiedene Kriterien zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit definiert und somit die Begutachtung auf eine solide Basis stellt. Es handelt sich um einen Leitfaden, mit dessen Hilfe Gutachter von Rentenversicherungen das Vorliegen psychischer Erkrankungen und die damit verbundene Leistungsfähigkeit umfassend beurteilen können. Er wurde von 2009 bis 2010 im Rahmen einer multizentrischen Studie entwickelt, an der sechs deutsche Universitäten unter Federführung von Prof. Dr. Dr. Wolfgang Schneider vom Universitätsklinikum Rostock beteiligt waren. „Das Ziel bestand darin, den gutachterlichen Entscheidungsprozess verlässlicher, valider und transparenter zu gestalten und damit die Objektivität und Gerechtigkeit des gutachterlichen Verfahrens zu erhöhen“, kommentieren Schneider und Kollegen die Leitfadenentwicklung. Die genannten Kriterien sind für Versicherte relevant, denen es neben finanziellen häufig auch um psychologisch relevante Aspekte wie Anerkennung von Erkrankungen und Krankheitsfolgen geht, und für Versicherer, für die neben materiellen Gesichtspunkten die Angemessenheit von Leistungsansprüchen im Vordergrund steht.

Dem Leitfaden liegt ein diagnostisches Modell der Begutachtung der beruflichen Leistungsfähigkeit zugrunde, demzufolge sich die Leistungsfähigkeit einer Person mit einer psychischen oder psychosomatischen Erkrankung nicht allein aus der Symptomatik ergibt, sondern eine Folge der Wechselwirkung von individuellen Verarbeitungsprozessen und Umweltfaktoren darstellt. Die Leistungsfähigkeit wird über folgende Variablen definiert:

  • Art und Ausmaß psychischer und psychosomatischer Funktionen und Funktionsstörungen: Hierzu zählen Funktionen, Beeinträchtigungen und Ressourcen auf psychophysiologischer, emotionaler, kognitiver, verhaltensbezogener und interaktioneller Ebene, die das klinische Erscheinungsbild aktuell und in der jüngsten Vergangenheit bestimmt haben.
  • Krankheitsverarbeitung: Hier spielen Leidensdruck, Krankheitskonzept sowie Veränderungsmotivation und -ressourcen eine Rolle.
  • Aktivitäten: Damit sind Aktivitäten und Fähigkeiten gemeint, die eine Person noch umsetzt oder prinzipiell noch umsetzen könnte (Partizipation). Zur Beurteilung sollten alle berufsrelevanten Aktivitäten und Funktionen herangezogen werden.

Die Bewertung der beruflichen Leistungsfähigkeit ergibt sich aus dem Abgleich der möglichen Aktivitäten und Fähigkeiten mit dem beruflichen Anforderungsprofil. Entscheidend ist, dass in allen Bereichen sowohl Hemmnisse als auch Fähigkeiten, Fertigkeiten, Stärken und Motivationen erfasst werden, um festzustellen, wie vorhandene Einschränkungen gleich oder künftig möglicherweise kompensiert werden können.

Der Leitfaden liegt als Manual vor. Im ersten Teil wird das Konstrukt der beruflichen Leistungsfähigkeit erörtert, im zweiten Teil werden die diagnostischen Merkmale definiert und durch Kriterien beschrieben. Es folgen eine Skala, mit der der Ausprägungsgrad der Merkmale eingestuft werden kann, und ein Beurteilungsbogen, mit dem die diagnostischen Merkmale bewertet werden. Ferner wird der Prozess der gutachterlichen Entscheidungsfindung beschrieben. Im Anhang befindet sich ein Glossar.

Bewertung der Leistungsfähigkeit

Die Bewertung der beruflichen Leistungsfähigkeit erfolgt auf Basis folgender Abschnitte: (A) psychiatrische und psychosomatische Vorbefunde, (B) psychische und psychosomatische Funktionen, (C) Krankheitsverarbeitung, (D) Aktivität, (E) Beurteilung tendenziöser Haltungen (Kasten), (F) Beurteilung der beruflichen Leistungsfähigkeit und (G) Prognose aus Sicht des Gutachters. Unter (F) müssen die berufsbezogenen Aufgaben in die unterschiedlichen Aktivitätskategorien übersetzt werden, zum Beispiel wird die Unterrichtung von Schülern unter anderem durch die Aktivitätskategorien Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit sowie Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit determiniert. (G) erfordert eine Einschätzung der künftigen Entwicklung der Leistungsfähigkeit und ihrer Beeinflussbarkeit durch therapeutische und/oder rehabilitative Interventionen. Die abschließende Gesamtschau befasst sich mit Aktivitäten und Kompetenzen, die im Alltag umgesetzt werden können, mit dem Transfer dieser Aktivitäten und Kompetenzen in den Arbeitsprozess und mit dem Ausmaß und der Richtung der sozialen Unterstützung.

Als Besonderheit der Begutachtung ist hervorzuheben, dass meistens mehrere Personen beteiligt sind (zum Beispiel Gutachtenauftraggeber, zu Begutachtender und Gutachter), so dass der Gutachter den Überblick und genügend Abstand bewahren muss und sich nicht von der Dynamik, die sich aus den divergierenden Interessen und Absichten der beteiligten Personen und Institutionen ergeben, beeinflussen lassen darf. Darüber hinaus muss sich der Gutachter möglicher Gegenübertragungsprozesse bewusst sein, die ein hohes Ausmaß an Unschärfe oder Urteilsverzerrungen mit sich bringen können, wenn sie nicht reflektiert werden. Um solche Probleme zu vermeiden, sollten sich Gutachter für die praktische Arbeit mit dem Begutachtungsleitfaden schulen lassen. „Hier bleibt abzuwarten, inwieweit Gutachter motiviert und bereit sind, mit dem Gutachtenansatz zu arbeiten und die dafür notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben“, erklären die Wissenschaftler. Wenn Versicherer und Gerichte entsprechende Standards an die Gutachten anlegen und deren Umsetzung bei der Beauftragung von Gutachtern berücksichtigen würden, könnte dieses Vorgehen Gutachter künftig motivieren, sich entsprechend zu qualifizieren.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Beschwerdenvalidierung

Im Rahmen der Begutachtung ist zu prüfen, ob Beschwerden beabsichtigt oder unabsichtlich von den Patienten verzerrt oder verfälscht dargestellt werden (sogenannte Beschwerdenvalidierung). Dazu sollten möglichst viele Methoden herangezogen werden, zum Beispiel Interviews, Fragebogen, Verhaltensbeobachtungen sowie Funktions-, Leistungs- und Labortest. Häufige Verfälschungstendenzen sind

  • Aggravation: bewusste, absichtlich verschlimmernde beziehungsweise überhöhende Darstellung einer tatsächlichen vorhandenen Störung
  • Dissimulation: verneinende oder herunterspielende Darstellung von Beschwerden
  • Simulation: bewusste, absichtliche Vortäuschung von nicht vorhandenen Beschwerden auf verbalem oder nonverbalem Weg.

Mit den Verfälschungstendenzen werden in der Regel bestimmte Ziele verfolgt, etwa ein Rentenbegehren durchzusetzen oder eine möglichst hohe Berufsunfähigkeitsrente zu beziehen. Davon abzugrenzen ist die Verdeutlichungstendenz, die häufig unbewusst motiviert ist und darauf abzielt, den Begutachter vom Vorhandensein der Beschwerden zu überzeugen.

1.
Becker D, Schneider W: Beurteilung der beruflichen Leistungsfähigkeit – Beispiel aus der Praxis. Psychotherapeut 2010; 55(5): 424–8.
2.
Schneider W et al.: Berufliche Leistungsfähigkeit – Begutachtung bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Psychotherapeut 2010; 55(5): 373–9.
3.
Schneider W et al.: Gutachterleitfaden – Berufliche Leistungsbegutachtung bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Psychotherapeut 2010; 55(5): 380–8.
4.
Schneider W et al.: Begutachtung der Leistungsfähigkeit bei Personen mit psychischen und psychosomatischen Störungen – Ein diagnostisches Modell. Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin 2011; 6(1): 21–7.
1.Becker D, Schneider W: Beurteilung der beruflichen Leistungsfähigkeit – Beispiel aus der Praxis. Psychotherapeut 2010; 55(5): 424–8.
2.Schneider W et al.: Berufliche Leistungsfähigkeit – Begutachtung bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Psychotherapeut 2010; 55(5): 373–9.
3.Schneider W et al.: Gutachterleitfaden – Berufliche Leistungsbegutachtung bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Psychotherapeut 2010; 55(5): 380–8.
4.Schneider W et al.: Begutachtung der Leistungsfähigkeit bei Personen mit psychischen und psychosomatischen Störungen – Ein diagnostisches Modell. Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin 2011; 6(1): 21–7.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige