ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Sexuelle Übergriffe in der Therapie: Opfer brauchen unkomplizierte Hilfe

THEMEN DER ZEIT

Sexuelle Übergriffe in der Therapie: Opfer brauchen unkomplizierte Hilfe

PP 11, Ausgabe Februar 2012, Seite 69

Meißner, Marc

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Sexuelle Grenzüberschreitungen im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung sind immer noch ein Tabuthema. Vor allem für betroffene Patienten fehlen oft niedrigschwellige Angebote, um einen Übergriff zu melden.

Beziehungen zwischen Therapeut und Patient – selbst nach einer erfolgreichen Therapie sollten Therapeuten länger keinen privaten Kontakt zu einem ehemaligen Patienten suchen. Foto: Fotolia
Beziehungen zwischen Therapeut und Patient – selbst nach einer erfolgreichen Therapie sollten Therapeuten länger keinen privaten Kontakt zu einem ehemaligen Patienten suchen. Foto: Fotolia

Frau Schmidt trägt bei ihrer heutigen Therapiesitzung ein Abendkleid. Normalerweise kleidet sie sich eher schlicht, aber im Anschluss an diese Sitzung ist sie noch auf ein Fest eingeladen. Ihr Therapeut macht ihr am Ende der Sitzung ein Kompliment: „Das Kleid steht Ihnen gut. Das können sie gerne öfter tragen.“

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Hat der Therapeut hier schon eine Grenze überschritten? Oder erst, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt? „Das hängt ganz von der Patientin ab“, befand Monika Holzbecher auf einer Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) zum Thema „Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung“, die Ende November in Hannover stattfand. Die Diplom-Psychologin ist Mitglied des Ethikausschusses der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächstherapie. „Manche Patientinnen reagieren auf ein solches Kompliment hoch verstört“, weiß Holzbecher. Sie bekämen das Gefühl, den Bedürfnissen des Therapeuten entsprechen zu müssen, und versuchten, sich bei künftigen Sitzungen entsprechend zu kleiden. Solche Patientinnen empfänden bei einem solchen Kompliment oft, dass ihr Aussehen über ihre Persönlichkeit gestellt werde, und werteten dies als Vertrauensbruch, wie die Diplom-Psychologin erklärte. „Dies kann dazu führen, dass die ganze Therapie wertlos wird.“

Wann genau der Therapeut eine Grenze überschreitet und wann noch nicht, ist jedoch schwer zu definieren. „Das hängt stark vom subjektiven Erleben der Patienten ab“, sagte Holzbecher. „Es kann sein, dass eine Bemerkung von einem Patienten positiv aufgenommen wird, während ein anderer entsetzt darauf reagiert.“

Selbst wenn es zum sexuellen Kontakt zwischen Therapeut und Patient käme, sei es oft schwierig, gleich von Missbrauch zu reden, stellte Monika Bormann, Mitglied der DGVT-Fachgruppe Frauen in der psychosozialen Versorgung, fest. „Schließlich handelt es sich um zwei Erwachsene, die eine Beziehung eingehen, und die Frauen sind weder hilflos noch unselbstständig“, erklärte sie. „Trotzdem sagen wir, es ist Missbrauch, wenn ein Therapeut eine sexuelle Beziehung mit einer Patientin eingeht.“ Bei einer psychotherapeutischen Behandlung besteht eine besondere Abhängigkeit des Patienten vom Therapeuten. Während der Patient sich öffnet, gibt der Therapeut nur sehr kontrolliert Dinge von sich preis. „Deshalb kann man sagen, dass der Patient nicht die gleichen Voraussetzungen hatte, sich für oder gegen eine Beziehung mit dem Therapeuten zu entscheiden. Das ist eine andere Situation, als wenn sie sich auf einer Party kennengelernt hätten“, stellte Bormann klar.

Grenzverletzungen in der Psychotherapie sind besonders schwerwiegend, denn während der Therapie lässt ein Patient Hemmungen und Schutzmechanismen fallen, die er in einer Beziehung zu anderen Menschen aufrechterhalten würde. Die dadurch entstehende Abhängigkeit vom Therapeuten endet nicht, wenn die Behandlung erfolgreich abgeschlossen wurde. Deshalb sehen viele Kammern und Verbände eine sogenannte Abstinenz im Anschluss an eine Therapie vor. Das heißt, der Therapeut sollte keinen persönlichen Kontakt zu ehemaligen Patienten haben. Die Meinungen, wie lange die Abstinenz dauern sollte, gehen jedoch weit auseinander. „Die eine extreme Position ist, dass mit der beendeten Therapie der Patient geheilt und damit das Verhältnis zum Therapeuten auch wieder gleichberechtigt ist“, erläuterte Bormann. „Einige Schulen vertreten hingegen die Meinung, dass sich die Abhängigkeit nie ganz auflösen wird, und empfehlen deshalb eine lebenslange Abstinenz.“

BPtK sieht mindestens ein Jahr Abstinenz vor

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hat sich in ihrer (Muster)-Berufsordnung für einen Mittelweg entschieden: Sie sieht vor, dass mindestens ein Jahr vergangen sein muss, bevor private Kontakte mit ehemaligen Patienten aufgenommen werden dürfen. Im Strafgesetz werden seit 1998 sexuelle Grenzüberschreitungen in der Therapie geahndet (§ 174 c Strafgesetzbuch) und mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft – allerdings nur, wenn der Patient noch in Behandlung ist. Eine Abstinenz danach sieht das Gesetz nicht vor.

Durch die Einführung dieses Paragrafen sei trotzdem viel bewegt worden, stellte Dr. Giulietta Tibone fest. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie. „Obwohl Begriffe wie Abstinenz bekannt waren, wurde in der Ausbildung und in den Fachgesprächen die sexuelle Grenzüberschreitung nicht thematisiert. Es war ein Tabuthema.“ Beschwerden hätte es nur wenige gegeben, vor allem, weil es keine Stellen gab, denen ein solcher Übergriff hätte gemeldet werden können, erinnerte Tibone. Mit der Aufnahme ins Strafgesetzbuch fingen auch die Fachverbände und Psychotherapeutenkammern an, entsprechende Regelungen in ihre Satzungen beziehungsweise Berufsordnungen aufzunehmen. Auch wurden erstmals Beschwerdestellen eingerichtet und Verfahren entwickelt, wie bei Vorwürfen vorzugehen ist.

Ein eher ernüchterndes Fazit zog hingegen Dr. med. Andrea Schleu, Fachverband für Eye-Movement Desensitization and Reprocessing: „Trotz des Gesetzes hat sich wenig geändert.“ Studien zufolge gebe es circa 600 Grenzüberschreitungen pro Jahr. „Jedoch weniger als ein Prozent der Patienten kann seine Rechte geltend machen“, beklagte sie.

Dies liege vor allem an fehlenden Beratungsangeboten für die Betroffenen. „Man braucht unabhängige, niedrigschwellige, professionelle Stellen, an die sich die Patienten anonym und kostenlos wenden können.“ Gerade niedrigschwellige Angebote seien jedoch ein Problem: Da es sich um einen Straftatbestand handelt, wird fast immer eine schriftliche Beschwerde verlangt. Sprechen falle den meisten Betroffenen jedoch leichter, erklärte Schleu: „Allein die Aufforderung, die Beschwerde schriftlich einzureichen, führt oft dazu, dass die Patienten aufgeben.“

Beratungsstellen müssen der Schweigepflicht unterliegen

Wichtig sei auch, dass die Beratungsstellen der Schweigepflicht unterliegen. „Für die Patienten besteht sonst nicht nur die Gefahr einer Verleumdungsklage“, erklärte Schleu. „Es kann auch passieren, dass sie ungewollt in ein juristisches Verfahren hineingezogen werden.“ Denn sexuelle Grenzüberschreitungen durch einen Therapeuten sind ein Offizialdelikt. Das heißt: Auch wenn der Betroffene keine Anzeige erstattet, wird das Vergehen weiterverfolgt und entsprechend ermittelt.

Für die Opfer kann dies bedeuten, dass sie unter Strafandrohung gezwungen werden, ihrem Therapeuten in einem Gerichtsverfahren als Zeugen gegenüberzutreten, selbst wenn sie auf eine Strafverfolgung verzichtet haben. „Für den Patienten besteht dabei allein durch die Befragung des Verteidigers ein hohes Retraumatisierungsrisiko“, warnte die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin.

Die Opfer können sich meist erst nach einer Folgebehandlung aktiv für ihre Rechte einsetzen. Das Problem dabei: Bis diese erfolgreich abgeschlossen ist, sind die Verjährungsfristen für eine straf- oder zivilrechtliche Verfolgung meist abgelaufen. „Die Schäden durch die Übergriffe sind für die Patienten sehr viel schwerwiegender, als bei der Gesetzgebung angenommen wurde“, stellte Schleu fest. Die Zeiten müssten verlängert oder im Vorfeld juristische Vereinbarungen getroffen werden, die den Abschluss einer Nachbehandlung ermöglichen. „Das setzt aber einen geständigen Therapeuten voraus“, ergänzte Schleu.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

Resolution

Die Teilnehmer der DGVT-Fachtagung „Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung“ haben eine Resolution mit mehreren Forderungen verabschiedet, um Missbrauch im Rahmen von psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlungen zu vermeiden und die Situation der Opfer zu verbessern. Die wichtigsten Punkte:

  • Verbände, Ausbildungsinstitute und Kliniken müssen verstärkt auf eine professionelle therapeutische Beziehung zwischen Behandler und Patient achten und Fehlverhalten angemessen sanktionieren. Vertrauliche Beratungsangebote für Täter und Opfer sind dazu notwendig.
  • Die Themen Erotik in der Psychotherapie, Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe müssen fester Bestandteil aller Psychologie-Curricula werden. Dabei sollte der Beratung und Nachfolgebehandlung von Opfern besonderer Raum eingeräumt werden.
  • Niedrigschwellige, professionelle und kostenlose Beratungsmöglichkeiten und Nachbehandlungsangebote müssen ausgebaut und unterstützt werden.
  • In der Regel sind betroffene Patienten erst im Anschluss an eine Nachfolgepsychotherapie in der Lage, juristisch ihre Ansprüche geltend zu machen. Deshalb müssen die Verjährungsfristen bei sexuellen Grenzverletzungen entsprechend verlängert werden.

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Avatar #701087
OpferMissbrauchDurchAW
am Sonntag, 19. Juli 2015, 17:34

keine Chance vor Gericht

Ich hatte in meinem Fall von Anfang an vor, Strafanzeige zu erstatten. Ich brauchte aber mehrere Jahre, um mich dazu durchzuringen. Ich dachte immer "ich brauche erst sichere Beweise", ich dachte ich kann Polizisten dafür gewinnen, mit versteckten Mikrofonen ein Gespräch zwischen mir und dem ehemaligen Therapeuten, das ich versucht hätte anzuleiern, abzuhören. Aber natürlich taten sie sowas nicht.
Ich hatte Indizien, aber die wurden nicht mal betrachtet.

Es gab eine Begutachtung, das war dann das einzige was interessierte, noch vor Prozess-Aufnahme.
Interessanterweise sagte mir die Gutachterin zum Abschied noch, die anderen Indizien würde sich das Gericht dann sicher noch ansehen und sie werde höchstwahrscheinlich auch bei der Verhandlung anwesend sein, aber ihr Gutachten war dann so schlecht für mich, dass das Verfahren gar nicht mehr aufgenommen wurde.

Es hieß im Gutachten, ich sei mit hoher Sicherheit von der Wahrheit dessen, was ich sagte, überzeugt (aha). ABER:

es sei eben nicht sicher, ob ich das Erlebte nicht mit jemand ANDERS erlebt hätte.

Interessanterweise stand an anderer Stelle im Gutachten wiederum, dass die Verwebung von Therapiegeschehen und Übergriffen so sei, dass sie sich nur die wenigsten Menschen ausdenken könnten.
(Wie also sollte ich das Erlebte mit jemand anderem erlebt haben??!)

Was mich heute noch besonders wütend macht:

Die Gutachterin fragte mich zwischen zwei Tonbandaufnahmen auch, was ich zu einem damals gerade in den Medien breitgetretenen Vergewaltigungsfall (kein Missbrauch in Therapie) hielte.
Ich wollte da gar nichts zu sagen, dachte mir "was habe ich damit zu tun", aber sie insistierte so lange, bis ich halt irgendwas sagte von wegen "Naja, ich hoffe, dass das jetzt nicht gerade ein Fall ist, wo die Frau sich das ausgedacht hat". Ich dachte halt: Könnte die Richter oder so mir gegenüber negativ stimmen oder sowas.
Die Gutachterin dann: Aber das habe doch mit MIR nichts zu tun!
Sie sagte das ganz entsetzt, empört, vorwurfsvoll.
So wie wenn ich nun gezeigt hätte, dass ich alles phantasiert hätte.

Das Besondere an der Sache ist: Ich hatte Strafanzeige gestellt BEVOR diese Sache in den Medien öffentlich geworden war.
Ich KONNTE da also gar nichts vermischt haben.

Ich wäre davon ausgegangen, dass das so eine wichtige Gutachterin und ausgebildete Psychologin, die so gründlich zu arbeiten schien, schon auch noch bemerken würde und ich dann jeden Misstrauens diesbezüglich befreit würde.
Aber dem war wohl nicht so.

Ich merkte, dass sie mir zunehmend misstraute.

Ich bin unendlich ohnmächtig und wütend und hilflos, wenn ich immer wieder merke, dass ich einfach keine Möglichkeit habe, zweifelsfrei zu BEWEISEN, dass ich die Wahrheit gesagt habe.
Es wissen auf der ganzen Welt genau zwei Personen, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Und das sind der Täter und ich.

Und irgendwie habe ich den Verdacht, dass der Täter es vor sich selbst so zurechtbiegen wird, dass er moralisch unschuldig ist (ich bin die böse, dumme, schwierige Patientin, ich habe ihn verführt, ... irgendwie so wird es in seinen Augen sein... Ich glaube, er denkt: Ich hätte ein schuldbehaftetes Verhältnis zu Sexualität an sich und käme nun mit den sexuellen Vorfällen zwischen uns nicht zurecht und würde ihn daher diabolisieren. Ich glaube, er denkt bis heute, dass er mir gar nicht geschadet hat mit dem was er tat und dass ich in Wahrheit dankbar sein müsste dafür, dass er sich zu mir herabgelassen hat.)

Mein Vetrauen in die Welt, in Justiz und in Menschen generell, ist in einem Ausmaß erschüttert, für das ich keine Worte habe.
Und hätte ich es selbst nicht erlebt, wüsste ich auch nicht, was gemeint ist, wenn mir das jemand versuchen würde zu beschreiben.
Man kann nicht wissen, wie schlimm es ist, wenn man nicht selbst erlebt hat, wie es ist, wenn die eigene Identität zersplittert und man an nichts Gutes mehr glauben kann.

...
Ich wünsche mir vor allem eines:
Gründlichere und verantwortungsvollere Arbeit der Staatsanwaltschaften und der Gutachter.
Sie sollen sich bewusst sein, was von ihrer Arbeit abhängt. Und zwar nicht nur der Gefahr, Täter zu unrecht zu verurteilen. Auch der Gefahr, Opfern ein zweites Trauma anzutun.
Geschädigte sollen die Möglichkeit bekommen, direkt Kontakt zu den ermittelnden Staatsanwälten zu bekommen und Aussagen (auch Fehler!) in Gutachten (es wurde in meinem Protokoll der Vernehmung zum Beispiel auch an einer recht wichtigen, weil sinnentstellenden, Stelle ein "nicht" nicht protokolliert. Ich hatte "nicht" gesagt, und es stand dann das Gegenteil im Protokoll) zu kommentieren: Fragen zu stellen, Erklärungen zu liefern, auf Fehler hinzuweisen.

Mein Arzt von damals praktiziert überigens noch immer.
Und wenn er in Bewertungs-Portalen schlechte Bewertungen bekommt, dann lässt er die offenbar löschen und schreibt sich (das merkt man) selbst einen Lobgesang nach dem anderen.

Die Folgetherapeuten, egal wie renommiert und erfahren, haben allesamt offenbar keine Erfahrung mit dieser speziellen Form des Missbrauchs gehabt.

Alles, was ich an Aha-Erlebnissen inzwischen hatte, beruht auf Veröffentlichungen, die es von Experten inzwischen im Internet dazu gibt. (Damals, als ich selbst Orientierung im Internet suchte und mich fragte "ist das wirklich noch alles richtig, was da bei uns geschieht?" fand ich nur ein einziges, äußerst knappes Dokument dazu.)
Folgetherapeuten wissen nicht um die speziellen Folgeschäden, und dass es wichtig ist, erst das Missbrauchs-Trauma zu bearbeiten.
Ich glaube, die meisten denken einfach, es sei ein Missbrauch wie jeder andere auch, etwa im Kindesalter.
Ich stimme darin überein, dass er (wie Kindesmissbrauch wahrscheinlich auch) dramatische Folgen mit sich bringt, aber ich glaube, er bringt zusätzlich noch sehr charakteristische Schädigungen mit sich, die Folgetherapeuten kennen sollten.

Und wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte: Öffentliche (moralische) Verurteilungen in aller Schärfe und möglichst auch Einzelfälle betreffend.

Opfer werden mundtot gemacht, sie dürfen nichts sagen, jedenfalls vermute ich das (wer kennt sich juristisch schon wirklich aus). Die Täter können weitermachen als wäre nichts geschehen.

Es fehlt auch an juristischer Klärung:

Dürfen Opfer zum Beispiel (nachweislich wahrheitsgemäß) sagen "Gegen XY wurde strafrechtlich ermittelt von dann bis dann"?
(Das könnte das Opfer ja beweisen, im Gegensatz zu den Missbrauchshandlungen selbst.)
Oder darf man das auch schon nicht?

Was passiert, wenn weitere Patienten vom selben Täter missbraucht werden? Liegt dann die frühere Strafanzeige (bei der das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde) zumindest noch vor? Oder werden solche Daten alle zum Schutz des womöglich ja unschuldigen armen Täters wieder gelöscht, wenn keine Verurteilung zustande kam oder sogar gar kein Prozess eingeleitet wurde?

Avatar #690611
abcdEF78
am Montag, 22. September 2014, 21:37

als Opfer

Man hat keine Chance.
Selbst wenn das Opfer Anzeige erstattet: Man hat vor Gericht keine Chance. Ich habe das selbst erfahren.
Wer hat schon eindeutige Beweise...
Ich dachte sogar, dass ich relativ viel Indizien hätte, sogar eine Tonbandaufnahme, aber es hat alles nicht interessiert.
Es gab eine Glaubhaftigkeitsbegutachtung durch eine offenbar völlig unerfahrene Gutachterin, junge Psychologin, und da wurde das Verrückteste unterstellt/ in Erwägung gezogen (was ja bereits ausreicht, um meine Anzeige scheitern zu lassen).
Man hat keine Chance.

Und es zerstört einem die Persönlichkeit.
Es zerstört ein Menschenleben.

Ich kämpfe seit über zehn Jahren gegen die unfassbaren Folgen und Auswirkungen, die sich erst nach und nach so gezeigt und entwickelt haben.

Ich habe mir das nicht ausgesucht, verstehen Sie. Ich wollte nicht Opfer solch eines Unrechts werden.
Aber ich bin es geworden, ich konnte es nicht verhindern.

Und Hilfe habe ich keine bekommen bis heute.
Ja, natürlich, ich war bei all den Stellen, habe mich beraten lassen usw.
Aber bis heute habe ich in all den hoch-karätigen Folge-Therapien nie erklärt bekommen, was da abging und wie das passieren konnte und was dahintersteckte und welche von meinen Symptomen weshalb entstanden sind.
... Und warum er das tat ....

Ich musste mir das selbst anlesen, das wenige was man als Patient dazu online finden kann.
Vielleicht hätte man der Gutachterin im Ermittlungsverfahren mal was erzählen sollen vom Rachetypus und Wunscherfüllertypus (wie unpassend ich letztere Bezeichnung dabei finde: Es klingt, als hätte man beim Weihnachtsmann persönlich auf dem Schoß sitzen dürfen!).
Meine Gutachterin jedenfalls hat NICHTS verstanden.
Es MUSS ja irgendeine Erklärung geben dafür, dass ich (angeblich) auf bestimmte Fragen ausweichend reagiert habe.
Teils lag das meiner Meinung nach einfach daran, dass die Übergriffe über soooooo einen langen Zeitraum hinweg stattfanden, sich immer wieder wiederholten, varriert und erweitert wurden, usw. In der Begutachtung wurde ich dann aufgefordert, "für alle Arten von Übergriffen mal ein Beispiel zu nennen und genauer zu beschreiben". Mich hat das schlicht überfordert. Ich hatte diese Vorfälle nicht so systematisch und geordnet (sortiert, klassifiziert nach Übergriffs-Art !!!!) abgespeichert. Das war ein riesiger Klotz in mir, ein riesiger Brocken, unzerteilt, nicht ohne totale innere Aufregung überhaupt in die Hand nehmbar. Und dann sollte ich offenbar wohl darüber reden wie jemand, der gerade Inventur in seinem Geschäft macht?
Ich weiß es nicht.
Bestimmt gab es noch andere Erklärungen.
Es MUSS ja erklärbar gewesen sein: alles was ich sagte und zeigte und was angeblich Zweifel nicht ausschließen ließ.
Aber die Gutachterin war dazu nicht in der Lage oder nicht gewillt.
Ich glaube, die wollte einfach nur ihre Karriere machen - wie alle.

Und so frage ich mich jetzt: Was ist geblieben?
Außer Trümmern und zerstörtem Leben?

Was haben all die Forschungen, die durchgeführt wurden, gebracht? Was hat sich getan? Ich sehe für mich leider nichts Greifbares.
Einen guten Anwalt kann ein Opfer noch heute in der Regel nicht bezahlen.
Im Ermittlungsverfahren hat man noch immer keine Chance.

Es hätte ja mal jemand meine Akte anfordern können, an diesem Fallbeispiel studieren können, wie so etwas vor sich geht, wie eine Gutachterin zu solch einem vernichtenden Ergebnis kommen konnte. Da kann doch was nicht richtig sein!!!
Man hätte ja mal bei der Staatsanwaltschaft nachfragen können. Ich hätte dem nicht entgegengestanden: Hätte mal jemand das alles durchgearbeitet, wenn es die bei der Staatsanwalt (wie mir scheint) schon nicht gründlich getan haben.
Aber darum geht es niemandem. Denen, die Vereine gründen nicht, und denen die wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen, auch nicht.
Es bleibt nur Bitterkeit und Zerstörung in mir zurück.
Ein zerstörtes junges Leben.

Zerstört durch einen Arzt mit vermutlich starker narzisstischer Störung.
Er hat seine eigene Störung gut verdrängen können, verstecken können in der Öffentlichkeit. Hat seine Agressionen an mir ausgelebt wie jemand mit doppelter Identität, wie jemand mit zwei Gesichtern, wie wenn das Böse aus ihm herausgebrochen wäre immer wieder, sein Hass auf mich (die Agression spüre ich inzwischen in seinem Handeln von damals, so daß ich denke, dass da was war, auch wenn er "nett tat", er war sehr wütend auf mich, voller Agressionen auf mich, seine Patientin die ihm die Erfolgserlebnisse als Arzt und Therapeut nicht schnell genug lieferte oder vielleicht generell nicht in Aussicht stellte.)

Die Veröffentlichungen zum Thema erschienen größtenteils NACH meinem eigenen Erleben in der Therapie - .... nicht dass noch jemand glaubt, ich hätte mir das zusammenphantasiert auf Grundlage von dem, was man inzwischen so im Internet lesen kann .... es wird einem ja immer ALLES MÖGLICHE unterstellt, nur dass es vielleicht einfach die Wahrheit ist, was man sagt, GENAU DIE WAHRHEIT, kein Krümel mehr und kein Krümel weniger, das scheint den Leuten nicht wahrscheinlich genug. Dabei hätte ich mir mein Schicksal, das was ich erleben musste und was ich 10 Jahre später noch immer nicht begreifen und fassen und in ruhigem innerem Zustand äußern kann, niemals so ausgedacht, darauf wäre ich - bei aller Phantasie - nicht gekommen. Dazu erschien und erscheint es mir selbst ja viel zu lange Zeit viel(!) zu widersprüchlich, emotional widersprüchlich, auf sowas wäre ich gar nicht gekommen.

Dieser Arzt praktiziert noch immer.
Er wird sich selbst und sein Umfeld noch immer belügen.
Er wird sich noch immer als den Guten sehen.
Er ist ein kranker Lügner, ein gewieftes Arschloch (sorry).
Er war ein starker Manipulateur. Hat alles offenbar sehr geschickt verdeckt (und eingfädelt, also doch auch GEPLANT? letzteres weiß ich bis heute nicht, ist mir ein Rätsel). Er hat vorgebaut. Er hat Kontakte zu Leuten unterbunden, mich ganz geschickt dahingehend beeinflusst (direkt verbieten musste er mir den Kontakt gar nicht, er kannte mich!!), dass ich den Kontakt einschränke und mich niemandem von seinen Kollegen mehr anvertraue.

Und keiner hat mich gewarnt.
Ich ging als 22-Jährige so naiv in diese Behandlung. Ich kannte damals nicht mal den Unterschied zwischen Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierter Therapie (hätte mich aber auch nicht gerettet, wenn ich den gekannt hätte). Will damit sagen: Erstrecht hatte ich kein (theoretisches) Wissen zu Übertragung und ähnlichem. Ich vertraute dem Arzt.

Ich glaube immer mehr, dass der Arzt da etwas "abgespalten" hat.

Er erzählte mir unter anderem ja immer, dass die Penetrationen und Berührungen usw. Teil der Therapie seien, mein Selbstbewusstsein stärken sollten usw.

Als mir nach über einem Jahr dieser Übergriffe einige Zweifel kamen, sich Bahn brachen in mir, ohne dass ich das so richtig wollte, aber ich spürte einfach langsam, dass da was nicht gut war und sprach es sogar hin und wieder bei ihm aus. Aufgrund dieser aufkommenden Zweifel fragte ich ihn auch Dinge wie: Ob seine Lebensgefährtin denn von diesen Berührungen usw. wisse?
Er beteuerte mir, dass ja.
(Und ich war interessanterweise dadurch fast irgendwie "beruhigt" übrigens.)
Als dann später doch alles aufflog, mir die Augen geöffnet wurden und ich nicht mehr leugnen konnte, dass (zumindest in den Augen der Außenwelt!!!!!!!!!) etwas Illegales geschah, das offenbar sogar strafbar war was er tat, da rief ich bei ihm zuhause an. Ich wollte diese eine Sache wissen, um für mich Klarheit zu gewinnen: Stimmte es, dass seine Lebensgefährtin Bescheid wusste von allem??
Er stand im Telefonbuch, es war nicht schwer.
Ich rief dort an. Ich erzählte keine Details, es war mir damals absolut nicht nach Rache oder danach, ihm Probleme mit seiner Freundin zu bereiten. Ich wollte einfach nur meine Information! Darum ging es mir. Und entsprechend fragte ich genau danach. Und (zu meiner damaligen Überraschung?) verneinte sie natürlich, bzw.: Statt zu verneinen, bestritt sie es.
Sie fing an, ihn zu verteidigen, sagte mir wörtlich "Natürlich schütze ich meinen Freund". Und sie sagte, dass sie wisse, dass ihr Freund seine Patienten "auch berühre" in der Therapie (ich hatte aber nicht nur von neutralem Berühren gesprochen gehabt) und sagte dann, dass ihr Freund und Kollegen von ihm ÖFTER schon darüber GEREDET hätten, dass es diese Gefahr gebe, dass Patientinnen (fälschlicherweise!) ihren Arzt, also einen von den Kollegen, beschuldigen würden.
Sie drehte das also irgendwie um und stellte in den Raum, dass ihr Freund OPFER einer falschen Anschuldigung werde, so wie er es angeblich schon öfter thematisiert hatte.

Ich frage mich, ob er das tatsächlich erzählt hatte und weshalb?
Weil er vorbauen wollte für den Fall, dass mal eine Beschwerde aufkommen würde? (Aber wäre das klug gewesen??)
Oder aber wieder als Teil dieses Verdrängens und Leugnens, dieser doppelten Persönlichkeit, die ich in ihm zu spüren meine rückblickend?

Hat er damit vielleicht tatsächlich auf so absurde Weise sein Selbstbild geschützt oder irgendwas bereinigt für sich selbst?
Wie krank wäre das denn?!
Wie könnte sich ein Mensch DERART offensichtlich selbst belügen? Das hätte er doch dann auch merken müssen, hätte ihm doch bewusst werden müssen? Und was dann tun, um mit dieser Scham in sich dann seinerseits wieder zurechtzukommen?? Vielleicht wieder an der Patientin vergehen, die Wut an ihr ausleben? War das der Mechanismus, von dem ich immer nur den einen Teil erlebte und mitbekam (den Teil der Übergriffe und Manipulationen und emotionalen und psychischen Hirnwäschen und Eingriffen bis ins Tiefste meines Privatlebens und Erlebens und Weltbildes)?
Er hat etwas so Krankes an mir ausgelebt und in mich hineingesetzt, so habe ich das Gefühl. Er hat da etwas in mich und meine Welt eingeführt, zu dem er mir nicht mal sagte was es war, mich das nie wissen ließ. Er hat etwas in mir hinterlassen an Zerstörung und Hass und Bitterkeit und Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, und er hat mir nicht mal einen Zettel dazugelegt, auf dem steht was es ist, was er mir da eingepflanzt hat.
Er hat mein Denken beeinflusst, mir gesagt was ich tun soll, mein Leben durcheinandergebracht, in jeder Hinsicht alles mit einbezogen, so daß ich nach Jahren noch immer nicht weiß, was einmal zu mir gehörte und was von ihm stammte, was gut war und was schlecht, was ich behalten will und was ich loswerden will.
Ich bin nicht mehr arbeitsfähig seit Jahren und im Grunde nicht mehr lebensfähig.

Er hat zerstört.
Ein Menschenleben.
Es ist nur eins, es gibt viele Menschen auf der Erde, es ist ein bedauerndwertes Einzelschicksal.
... Aber leider ist es mein Leben, mein einziges Leben, ich habe kein zweites. Ich bin dieser bedauerndwerte Einzelfall. Dieser eine, dem man nicht helfen konnte und wo es "einfach dumm gelaufen" ist?
Für mich ist es mein einziges Leben, das jetzt kaputt ist.




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