ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Qualitätssicherung: Unsinniges Gutachterverfahren
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Ich bin dankbar für die beiden Leserbriefe, denen ich aus tiefstem Herzen zustimme. Auch meine Lebensqualität würde sicher wieder deutlich steigen nach Abschaffung des unsinnigen Gutachterverfahrens. Könnte ich meine an sich freie Zeit an den Wochenenden wieder eher einmal zum Entspannen, für mich oder die Familie oder ein gutes Fachbuch nutzen, statt lästige Berichte schreiben zu müssen, könnte ich mich sicher wieder vom Rande des Burn-outs fortbewegen, was der Qualität meiner auch ohne Berichteschreiberei guten jahrelangen therapeutischen Arbeit vermutlich zuträglicher wäre. Auch mir wäre es dann zeitlich und kräftemäßig möglich, noch ein paar weitere Patienten in Therapie zu nehmen, was ja nach Abschaffung des Gutachterverfahrens sogar ohne zusätzliche Kosten für die Kassen möglich wäre, wie der Kollege Schubert so schön dargelegt hat.

Die Absurdität dieses Verfahrens wurde mir kürzlich wieder sehr deutlich, als ein Gutachter keine weiteren Sitzungen befürwortet hat, weil ich in einem Bericht geschrieben habe, dass ich bei der Behandlung einer in ihrer Kindheit durch männliche Macht und Gewalt schwer traumatisierten Patientin EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) angewendet habe, was sich aus Sicht des Gutachters nicht mit der tiefenpsychologisch fundierten Behandlung vereinbaren lässt. Dies bestreite ich jedoch aufgrund meiner Erfahrung.

Vor kurzem war auch in PP, Heft 9, zu lesen gewesen, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss auf Antrag des GKV-Spitzenverbandes und der Patientenvertreter die Aufnahme von EMDR bei posttraumatischen Belastungsstörungen in die Richtlinienversorgung prüft und die Bundes­psycho­therapeuten­kammer sich für den Einsatz von EMDR als Methode im Rahmen einer verhaltenstherapeutischen oder tiefenpsychologisch fundierten Behandlung ausgesprochen hat. Ich bat die Kasse, das zu prüfen, und der Obergutachter hat daraufhin weitere Sitzungen befürwortet. Generell stellt sich hier die Frage, warum wir Psychotherapeuten unter Androhung von Honorarkürzung Fortbildung machen müssen, wenn wir das dort Gelernte nach Ansicht psychoanalytischer Gutachter dann nicht sinnvoll und effektiv in der Therapie anwenden dürfen oder im Bericht verschweigen müssen.

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Dipl.-Psych. Helga Knappe-Richter, 35606 Solms

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