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ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Essstörungen: Neue Wege in der Prävention

WISSENSCHAFT

Essstörungen: Neue Wege in der Prävention

Ohlmer, Ricarda; Völker, Ulrike; Jacobi, Corinna

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Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität Dresden evaluieren Online-Programme, die Mädchen und jungen Frauen mit erhöhtem Risiko für Anorexia nervosa helfen sollen, ihr Essverhalten und ihr Körperbild zu verbessern.

Essstörungen, allen voran die Magersucht (Anorexia nervosa), sind seit einigen Jahren ein medial omnipräsentes Thema. Betroffen sind hauptsächlich adoleszente Mädchen und junge Frauen. Obwohl das vollsyndromale Störungsbild eher selten auftritt, sind einzelne Merkmale des Störungsbildes weit verbreitet. In einer dänischen Studie zu Symptomen essgestörten Verhaltens (1) berichten zwei Drittel der 1 201 befragten 14- bis 21-jährigen Mädchen, bereits eine Diät durchgeführt zu haben. Sieben Prozent hatten schon einmal erbrochen, neun Prozent fasten oder hungern regelmäßig, und vier Prozent nehmen oft oder sehr oft Diätpillen, um ihr Gewicht zu regulieren. Drei von zehn der im Schnitt normalgewichtigen Mädchen stimmten der Aussage zu, sie fühlten sich „fett und abstoßend“.

Kommt es zur Ausbildung einer vollsyndromalen Anorexia nervosa (AN), ist die langfristige Prognose denkbar schlecht: Im Vergleich zur Normalbevölkerung und unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht haben Betroffene eine sechsfach höhere Mortalitätsrate (3). Bei den Überlebenden verläuft die Störung in 20 Prozent der Fälle chronisch, nahezu ein Drittel zeigt zumindest eine Besserung der Symptome, und knapp die Hälfte der Patientinnen erreicht langfristig eine Remission (4).

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Trotz hoher Mortalität und Komorbidität der Störung und einem Mangel an effektiven Therapieansätzen gibt es derzeit keine wirksamen Präventionsmaßnahmen, die sich gezielt an Mädchen beziehungsweise junge Frauen mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung einer Anorexia nervosa richten. Die Arbeitsgruppe der Goetz-Stiftungsprofessur für Grundlagen und Interventionen bei Essstörungen und assoziierten Störungen um Prof. Dr. Corinna Jacobi evaluiert derzeit zwei vielversprechende Präventionsprogramme, die sich an Eltern gefährdeter Mädchen (E@T – Eltern als Therapeuten) beziehungsweise junge Frauen mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung einer AN (Student-Bodies-AN) richten.

E@T – Eltern als Therapeuten

E@T ist ein moderiertes Online-Programm für Eltern von elf- bis 17-jährigen Mädchen, die ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Anorexia nervosa haben. Zunächst werden in einem Screening per Fragebogen und anschließendem Experteninterview mögliche Risikofaktoren bei den Töchtern abgeklärt. Dazu zählen neben auffällig niedrigem Gewicht beziehungsweise erheblichen Gewichtsverlusten erhöhte Figur- und Gewichtssorgen und/oder Korrelate beziehungsweise Frühsymptome der AN wie Perfektionismus, Essstörungen in der Familie, exzessives Sporttreiben oder primäre/sekundäre Amenorrhö.

Auf den Grundlagen eines familienorientierten Behandlungsprogramms für Anorexia nervosa (5) werden die Eltern zunächst über die Gefahren der AN und die Bedeutung einer rechtzeitigen Intervention vor Entwicklung der vollsyndromalen Störung informiert. Zudem werden sie mit wöchentlichen individuellen Rückmeldungen einer Diplom-Psychologin unterstützt, wirksame Schritte zu unternehmen, um Gewichtsreduktionsmaßnahmen wie Diätverhalten, Einnahme von Diätpillen oder extremes Sporttreiben zu verhindern. Damit wirken die Eltern einer Eskalation dieses Verhaltens und der Ausbildung psychischer und körperlicher Folgeschäden entgegen und helfen den Mädchen zu einem gesunden Essverhalten zurück. Interaktive Elemente (Tagebuch zum Essverhalten der Tochter, Videobeispiele Betroffener, Diskussionsforum) sowie zwei Telefonate mit der Moderatorin unterstützen die Eltern zusätzlich.

Im Rahmen einer Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass bei Töchtern teilnehmender Eltern Risikofaktoren für AN und erste Anzeichen der Erkrankung bedeutsam reduziert werden können. Die Mädchen berichten unter anderem von geringeren figur- und gewichtsbezogenen Sorgen, weniger exzessivem Sporttreiben und weniger Diäten, nachdem ihre Eltern das E@T-Programm bearbeitet haben.

Im Rahmen der derzeit laufenden randomisierten kontrollierten Hauptstudie wurden bisher mehr als 1 800 Mädchen an Schulen in Dresden und Umgebung mit Unterstützung der Sächsischen Staatsministerien für Kultus und Sport sowie für Soziales und Verbraucherschutz gescreent. Dabei bestätigten 13,8 Prozent der Schülerinnen das Vorliegen einer Kombination aus mehreren der oben beschriebenen Risikofaktoren und wurden zur genaueren Abklärung der Symptomatik gemeinsam mit ihren Eltern zu einem detaillierten Interview eingeladen. Die Untersuchung läuft voraussichtlich noch bis Dezember 2012.

Student-Bodies-AN

Nach einer vielversprechenden Pilotphase geht das Präventionsprogramm Student-Bodies-AN, das sich an junge Frauen ab 18 Jahren richtet, nun in die Erprobung als randomisierte kontrollierte Studie. Eingeschlossen werden junge Frauen, die im Fragebogenscreening von hohen Gewichts- und Figursorgen berichten, dabei jedoch mit dem Body-mass-Index (BMI) im Bereich des Untergewichts (BMI ≤ 17,5 bis 19) oder niedrigen Normalgewichts (BMI 19 bis 21) liegen beziehungsweise bei Normalgewicht (BMI 21 bis 25) ein deutlich restriktives Essverhalten zeigen. Nach Ausschluss einer bestehenden Essstörung im ausführlichen diagnostischen Vorgespräch erfolgt die Randomisierung in Kontroll- oder Interventionsgruppe. Teilnehmerinnen des Programms erwarten zehn wöchentliche Sitzungen im internetgestützten kognitiv-behavioralen Programm. Die multimedial aufbereiteten Themengebiete Körperbild und Schönheitsideale, Umgang mit negativen Emotionen, gesunde Ernährung und Sport werden erarbeitet und Informationen zum Thema Essstörungen psychoedukativ vermittelt. Tagebucheinträge und Protokolle des Essverhaltens fordern die Teilnehmerinnen auf, immer wieder Bezug zu ihrem eigenen Denken, Fühlen und Verhalten herzustellen und bisherige Einstellungen und Verhaltensweisen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern. Unterstützt werden sie dabei durch die wöchentliche individuelle Rückmeldung auf ihre Einträge durch eine Diplom-Psychologin.

Die Ergebnisse eines 6-Monats-Follow-ups der Pilotstudie zeigen, dass sich zentrale Merkmale essstörungsspezifischer und assoziierter Psychopathologie signifikant und mit Effektstärken im mittleren bis großen Bereich verbessern. So berichten Teilnehmerinnen sechs Monate nach Programmende deutlich geringere figur- und gewichtsbezogene Sorgen, weniger restriktives Essverhalten sowie geringere Unzufriedenheit mit ihrem Körper. In der untergewichtigen Teilnehmergruppe steigt der BMI um knapp ein kg/m² an, und es zeigt sich zudem ein deutlicher Rückgang depressiver Symptomatik in der Gesamtgruppe der Teilnehmerinnen. Start der Hauptstudie ist im Frühsommer 2012, gescreent wird in Hamburg, Berlin, Leipzig, Halle und Dresden.

Bisher werden die Programme E@T und Student-Bodies-AN hauptsächlich lokal beziehungsweise im Rahmen von Evaluationsstudien eingesetzt. Nun sollen diese Angebote einer breiteren Gruppe zugänglich gemacht werden. Ärzte und Psychotherapeuten, denen in der Praxis Mädchen und junge Frauen mit ersten Anzeichen von Anorexia nervosa (jedoch ohne vollsyndromale und behandlungsbedürftige Essstörung) auffallen, werden gebeten, diese Personen auf die Programme aufmerksam zu machen und zur Teilnahme zu motivieren.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2012; 11(2): 80–1

Anschrift für die Verfasser
Dipl.-Psych. Ricarda Ohlmer
Technische Universität Dresden, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Goetz-Stiftungsprofessur für Grundlagen und Interventionen bei Esstörungen und assozierten Störungen
Chemnitzer Straße 46, 01187 Dresden

Technische Universität Dresden, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie: Dipl.-Psych. Ohlmer, Dipl.-Psych. Völker, Prof. Dr. Dipl.-Psych. Jacobi

diagnostik

Diagnosekriterien Anorexia nervosa nach DSM-IV (2)

  • Untergewicht (BMI ≤ 17,5) oder fehlende Gewichtszunahme in der Wachstumsphase
  • starke Ängste vor einer Gewichtszunahme („dick werden“)
  • Störung des Körperbildes beziehungsweise übermäßiger Einfluss von Figur und Gewicht auf die Selbstbewertung
  • primäre oder sekundäre Amenorrhö

ansprechpartner

  • E@T: www.eatinfo.psych.tu-dresden.de, Dipl.-Psych. Ulrike Völker, voelker @psychologie.tu-dresden.de, Telefon: 0351 463-39619
  • Student-Bodies-AN: www.studentbodies.tu-dresden.de, Dipl.-Psych. Ricarda Ohlmer, ohlmer@psychologie.tu-dresden.de, Telefon: 0351 463-38570

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1.
Waaddegaard M, Petersen T: Dieting and desire for weight loss among adolescents in Denmark: a questionnaire survey. European Eating Disorders Review: The Journal of the Eating Disorders Association 2002; 10(5): 329–46.
2.
American Psychiatric Association, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th Edition. Washington, DC: American Psychiatric Press 1994.
3.
Arcelus J, Mitchell AJ, Wales J, Nielsen S: Mortality Rates in Patients With Anorexia Nervosa and Other Eating Disorders. A Meta-analysis of 36 Studies. Archives of General Psychiatry 2011; 68(7): 724–31.
4.
Steinhausen H-C: The outcome of anorexia nervosa in the 20th century. American Journal of Psychiatry 2002; 159(8): 1284–93.
5.
Lock J, Le Grange D: Help Your Teenager Beat an Eating Disorder. New York: Guilford Press 2006
1.Waaddegaard M, Petersen T: Dieting and desire for weight loss among adolescents in Denmark: a questionnaire survey. European Eating Disorders Review: The Journal of the Eating Disorders Association 2002; 10(5): 329–46.
2. American Psychiatric Association, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th Edition. Washington, DC: American Psychiatric Press 1994.
3.Arcelus J, Mitchell AJ, Wales J, Nielsen S: Mortality Rates in Patients With Anorexia Nervosa and Other Eating Disorders. A Meta-analysis of 36 Studies. Archives of General Psychiatry 2011; 68(7): 724–31.
4.Steinhausen H-C: The outcome of anorexia nervosa in the 20th century. American Journal of Psychiatry 2002; 159(8): 1284–93.
5.Lock J, Le Grange D: Help Your Teenager Beat an Eating Disorder. New York: Guilford Press 2006

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