ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Psychoanalyse: Keine Heilung ohne Empathie

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Psychoanalyse: Keine Heilung ohne Empathie

PP 11, Ausgabe Februar 2012, Seite 85

Bender, Thomas

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Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Stefano Bolognini mit einem zentralen Aspekt analytisch orientierter Psychotherapie: der Empathie. In seinem 2003 erschienenen Buch über die psychoanalytische Einfühlung erarbeitete er eine wegweisende Integration verschiedener Ansichten über die komplexe Verwicklung von Analytiker und Patient und deren Auflösung im analytischen Prozess. Weil er sich dabei trotz einer verblüffend offenen Bereitschaft zu spontanen Reaktionen ganz auf das Erspüren der unbewussten Verwicklung des Patienten mit seinen Primärobjekten konzentriert, kann er diesen quasi von innen heraus in seiner eigenen Sprache begreifen, ohne der Verführung zur Aufgabe der Abstinenz zu erliegen.

Bolognini ist ein Gentleman der Psychoanalyse, der in den heftigsten Stürmen der Übertragung eine wohlwollende und humorvolle analytische Haltung bewahrt. Aus seinem Plädoyer für ein schulenübergreifendes Verständnis von Empathie folgte die klinische Frage, auf welchen Wegen der Therapeut jenseits seiner Deutungskunst mit dem Verdrängten des Patienten so in Berührung kommt, dass es bewusst werden kann. Dieser Frage geht er nun in seiner zweiten, ins Deutsche übersetzten Aufsatzsammlung in drei Schritten nach, die eine „Theorie und Technik der interpsychischen Beziehung“ begründen sollen. Im ersten Schritt kümmert er sich um das fachliche Innenleben der Analytiker, die, wie er sagt, „der Religionskriege überdrüssig sind und einen Ideenaustausch für immer gängiger halten“. Damit lockert er das strenge, ermüdende Über-Ich vieler Kollegen, die in der Konzeption ihres therapeutischen Handelns zwischen den Schulen herumirren und nach Eindeutigkeit suchen. Was letztlich dem Patienten hilft, wird auf „verborgenen Wegen“ erreicht, die sich aber nur öffnen, wenn es gelingt, ihm inneren Raum zu verschaffen. „Die Annahme des Ausdrucks ist Teil der Behandlung und kommt vor der Deutung“, betont Bolognini.

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Deshalb untersucht er im zweiten Schritt die Mikroprozesse des Austauschs zwischen Analytiker und Patient, die das Verdrängte überraschend zu Tage fördern. Gerade in schwierigen Phasen lassen sich Verwicklungen nicht nur nicht vermeiden, sie werden von Bolognini als Katalysatoren des therapeutischen Prozesses sogar direkt provoziert. Statt unwirksamer Interpretationen empfiehlt er exakt platzierte „Interpret-Aktionen“, um etwas in die Behandlung hineinzuholen, was vom Patienten draußen gehalten wurde. Er meint jene Persönlichkeitsanteile, die lange unzugänglich bleiben und die sich jenseits des Gesprochenen wie durch eine „Katzentür“ immer wieder in die Praxis hinein- und wieder hinausschleichen. Sein besonderer Sinn für die sinnlichen Frequenzen der menschlichen Kommunikation macht ihn nicht nur zu einem besseren Zuhörer, sondern er entwickelt daraus auch ein tieferes „szenisches Verstehen“ und handelt in einer Art und Weise, die an Michael Balint erinnert. Das macht Spaß und dieses Buch zu einem Vademekum für erschöpfte Therapeuten, das sie die Freude an diesem „unmöglichen Beruf“ neu entdecken lässt.

Im dritten Schritt schließlich vertieft er seine Überlegungen auf der Grundlage seiner reichen psychiatrischen Erfahrung. In seiner Darstellung der sehr belastenden Begegnung mit schwer gestörten Patienten wird vollends deutlich, welche Schlüsselrolle der Erweiterung des psychischen Raumes dieser Menschen zukommt und wie lange man deren negative „Entladungen“ aushalten muss – was allzu oft misslingt. Es ist vielleicht sein wichtigster Beitrag, auf eine anschauliche Weise die Tiefe und Komplexität der therapeutischen Beziehung so zu ergründen, dass Psychotherapeuten die Angst davor ertragen können, ohne die analytische Denkfähigkeit zu verlieren. Denn für Bolognini ist in jeder noch so dramatischen Begegnung der „Schatten der Objekte“, also die Lebensgeschichte eines Patienten allgegenwärtig. Diese analytische Form von „Ganzheitlichkeit“ macht seine Arbeiten so wertvoll in Zeiten intellektueller Dekonstruktion und wissenschaftlicher Fragmentierung. Thomas Bender

Stefano Bolognini: Verborgene Wege. Die Beziehung zwischen Analytiker und Patient. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011, 260 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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