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ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Rituelle Gewalt: Parallelwelt der Unmenschlichkeit

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Rituelle Gewalt: Parallelwelt der Unmenschlichkeit

Breitenbach, Gaby

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Das Handbuch beschreibt eine erschreckende Parallelwelt der Unmenschlichkeit. Hier werden Kinder systematisch abgerichtet und gefoltert, für die Zwecke der Täter passgenau gequält – um auf einem sadistischen Markt Höchstpreise zu erzielen. Das Buch beleuchtet alle denkbaren Aspekte, aus verschiedenen Disziplinen, von innen und von außen, ohne Sensationshascherei.

Der erste Teil widmet sich Strukturen und Methoden. Deutlich wird vor allem: Obwohl Belege von unterschiedlichen Patientinnen für das Vorhandensein extremer und organisierter Gewalt vorliegen, scheint immer noch ein Glaubenskrieg geführt zu werden. Das wundert nicht, betrachtet man die bis heute bestehenden Kontroversen um die dissoziative Identitätsstörung.

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Verdienstvoll, dass die beiden Herausgeberinnen Betroffene zu Wort kommen lassen. Sie berichten, was unter Programmierung zu verstehen ist oder was rituelle Gewalt durch die Zuschreibung von Schuld an die Opfer anrichtet. Vielfältig thematisieren die verschiedenen Autoren Fragen von Macht und Ohnmacht, dissoziativer Identität, und beschreiben den Kenntnisstand zur systematischen Abrichtung von Kindern in Deutschland.

Weiter befasst sich das Buch mit dem Einstieg und dem Ausstieg aus rituellen Zusammenhängen: Wie viel Selbstbestimmung gibt es unter solchen Umständen? Wie kann man wieder herausfinden, und welche Konsequenzen hat die Unterstützung für die Helfer? Zudem informiert das Handbuch über psychosoziale und medizinische Hilfen und erläutert eindrücklich die Folgen, die es zu behandeln gilt. Erste Erfahrungen aus Wohngruppen sowie ambulanter und stationärer Therapie und eine ganzheitliche Betrachtung des Heilungsprozesses ergänzen diesen Teil.

Das Kapitel „rechtliche Hilfen“ drückt sich nicht um die Frage aussagepsychologischer Begutachtung – ein immer noch heikles und leider nicht allzu erfolgreiches Thema. Es wird deutlich, wie sehr strafprozessliche Anforderungen und eine dissoziative Identität auseinanderklaffen.

Der letzte Teil des Buches widmet sich der wichtigen Frage der Vernetzung zwischen den Disziplinen der Helfer. Es geht auch um das Zulassen von eigener Verletzlichkeit: Klientinnen brauchen keine Superfrauen als Therapeutinnen, sondern erreichbare und berührbare fachkompetente Menschen, die sich selbst auch um Unterstützung ihres Tuns bemühen.

Das Handbuch befreit die rituelle Gewalt vom Nimbus des Satanismus. Den gibt es auch, aber er definiert nicht das gesamte Feld. Dem Buch gelingt es, auch dem vielleicht Ungläubigen aufzuzeigen, dass rituelle Gewalt mitten unter uns existiert. Es wird erschreckend wirklich. Nur so kann gelingen, was nottut: Den Betroffenen von ritueller Gewalt, zu einem großen Teil Frauen, die Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie brauchen. Es gibt mittlerweile viel Literatur zu diesem Thema, aber keine ist so umfänglich, seriös, fundiert und doch lesbar geschrieben. Gaby Breitenbach

Claudia Fliß, Claudia Igney (Hrsg.): Handbuch Rituelle Gewalt. Pabst, Lengerich 2010, 512 Seiten, kartoniert, 40 Euro

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