ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Louis-Ferdinand Céline: „Ein großer Schriftsteller – eine unerträgliche Gestalt“

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Louis-Ferdinand Céline: „Ein großer Schriftsteller – eine unerträgliche Gestalt“

Goddemeier, Christof

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          Vor 80 Jahren erschien das Hauptwerk des französischen Arztes und Autors.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Eigentlich heißt er Louis-Ferdinand Destouche (1894–1964), Céline ist der Vorname seiner Großmutter. Der Roman „Reise ans Ende der Nacht“ machte ihn 1932 über Nacht berühmt. Hierzulande ist Céline wenig bekannt. Erst 2003 erschien in Deutschland eine ungekürzte Übersetzung seines Hauptwerks. Wer war dieser „Höllenclown“ und „Verwandlungskäfer“ (Klaus Theweleit), dessen Selbstinszenierung den realen Menschen geschickt verbirgt? 1894 wird Céline in Courbevoie bei Paris geboren. In „Tod auf Kredit“ beschreibt er seine Kindheit als Hölle aus „Urin, Kot und Schleim“, verstopften Toiletten, Intrigen und kleinbürgerlichen Rangeleien. Der Junge hasst jede Art von Zwang. Später begegnet er auch Völkerbund, Kommunismus und Kapitalismus mit Abneigung. Ein Jahr verbringt der 13-Jährige in Deutschland, dann geht er bei Kaufleuten in Frankreich in die Lehre. 1914 meldet Céline sich freiwillig zum Militär. Die Demokratie ist seine Sache nicht. Nach eigenem Bekunden hat er nie gewählt – wenn schon wählen, dann nur sich selbst: „Ich behaupte, der einzige zu sein, der es versteht, mich zu regieren.“ Nach drei Monaten wird er am Arm verletzt, und der Krieg ist für ihn beendet.

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Zur Medizin gelangt Céline über die Rockefeller-Stiftung. Später spricht er von einer frühen Berufung, doch nicht um Kranke zu heilen, sondern wegen des sozialen Rangs, den der Arztberuf einnimmt: „Es war ein Weg, die Herkunft abzustreifen. Ein Arzt, das war für mich eine angesehene Person.“ Seine Dissertation über Ignaz Semmelweis ist eher ein Roman als eine wissenschaftliche Arbeit. Doch obwohl die Fakten nur teilweise stimmen, erhält Céline dafür die Note „sehr gut“. Drei Jahre arbeitet Céline als Hygieniker für den Völkerbund in Genf, angesehen, gut bezahlt und verheiratet mit einer Frau aus bestem Haus. Doch die Ehe scheitert, der Vertrag läuft aus, und als Theaterautor bleibt Céline erfolglos.

1927 lässt er sich als praktischer Arzt in Montmartre nieder. „In mir ruhen tausend Seiten eines Alptraums, der des Krieges selbstverständlich an erster Stelle“, schreibt er einem Freund. „Reise ans Ende der Nacht“ soll gerade kein geschlossener Roman sein, vielmehr ätzende Provokation, ein Pamphlet aus 20 000 Seiten Rohfassung, vom Autor immer wieder überarbeitet. Der Text ist so vieldeutig, dass man alles in ihm lesen kann – ein düsteres Panoptikum der Hoffnungslosigkeit, Anklage des Krieges, moderne Robinsonade, Todeserfahrung und erlebtes Elend, Ausbeutung und Gewalt, umspannt vom Bild des Lebens als Reise zum Tod.

Ein dunkles Kapitel in Célines Leben ist sein wütender Rassismus, den er in mehreren Schriften vertritt. Er sympathisiert mit Hitler und den Nationalsozialisten, doch denen ist der „Asphaltliterat“ mit seinem Anarchismus nicht geheuer. 1938 setzen sie einige seiner Werke auf ihre „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Vielleicht kann man Céline begegnen wie der amerikanische Autor Philip Roth: „Er ist wirklich ein großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht.“

Christof Goddemeier

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