ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2012Reiss-Engelhorn-Museen: „Schädelstätte“ Mannheim

KULTUR

Reiss-Engelhorn-Museen: „Schädelstätte“ Mannheim

Krannich, Stephanie

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Foto: dapd
Foto: dapd

Mehr als 300 Exponate geben einen umfassenden Einblick in die Bedeutung von Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen.

Goethe beginnt sein Gedicht „Bei der Betrachtung von Schillers [vermeintlichem] Schädel“ mit den Versen „Im ernsten Beinhaus war’s ,wo ich beschaute,/Wie Schädel Schädeln angeordnet passten,/Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute. . . .“. Er mied im Alltag jegliche Befassung mit Sterben und Tod, reagierte geradezu panisch darauf. Gleichwohl, er hat den menschlichen Zwischenkiefer entdeckt.

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Auf eine Entdeckungsreise der besonderen Art können Besucher der Reiss-Engelhorn-Museen in den nächsten Monaten gehen. Die Ausstellung „Schädelkult“ führt sie vom Neandertaler bis in die Neuzeit und zu fast allen Kulturen. Den Auftakt bildet der (Original-)Schädel des genialen französischen Philosophen René Descartes (1596–1650), dessen „Ich denke, also bin ich“ die zentrale Bedeutung „des Schädels“ heraushebt. Der sich anschließenden Einführung dienen die Anatomie ebenso wie die Entwicklungsstadien des menschlichen Schädels und auch die Herz-Hirn-Debatte der Antike sowie des Mittelalters. Insbesondere mit den gezeigten prähistorischen Schädeltrepanationen wird Medizingeschichte spannend: Hier stellt sich die Frage, ob es sich dabei um kurative Eingriffe oder rituelle Handlungen handelte. Bereits diese erste Zeitreise schließt die Gegenwart mit all ihren technischen Mitteln und Untersuchungsmethoden ein. Diese werden im weiteren Verlauf immer dann hinzugezogen, wenn sie dem besseren Verständnis hilfreich sind.

Immenser Facettenreichtum

Der Gang führt weiter durch Vor- und Frühgeschichte mit ihren Schädelkulten, Kannibalismus und jeweiliger Totenbehandlung. Besondere Faszination geht von einem mit Lehm übermodellierten Schädel aus dem Israelischen Museum Jerusalem aus: der erste Nachweis, dass bereits vor 9 000 Jahren Menschen ihrer Verstorbenen gedachten. Dem Gang durch die Zeit(-en) folgt der durch die Kulturen Afrikas, Asiens, Ozeaniens, Amerikas, Europas und umfasst deren regionale Besonderheiten. Hier findet man unter anderem Schrumpfköpfe, Zeremonienschädel, Kopfjagden, Schädelbecher, -masken, -deformationen, -trophäen und -bestandteile für Musikinstrumente. Insbesondere in Europa war der Facettenreichtum immens: als „Memento mori“ in der bildenden Kunst, als Reliquie oder zur Gestaltung von Grabmalen. Der menschliche Schädel war aber auch in verschiedensten Darreichungsformen beliebtes Remedium in europäischen Apotheken: „Der Mensch: das Ebenbild: welches Gott ist angenehm Hat vier und Zwanzig Stück zu Arzney bequem/Bein/Marck/die Hirnschal auch/samt ihrem Mos ist gut.“ (Becher 1663)

„Schädelfaszination heute“ beschließt die schaurig-schöne, sehr empfehlenswerte Ausstellung mit: „Der Schädel in der Ästhetik und dem Weltbild der Schwarzen Szene“, „Zuckerschädel in Mexiko“, „Kriminalistik – Die Suche nach verlorenen Gesichtern“, „Hirnforschung – ein Blick hinter den Schädel“, „Gefahrensymbol, Kultobjekt und Modeaccessoire“. Spätestens dann drängt sich der Schluss von „Bei der Betrachtung von Schillers Schädel“ auf: „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,/Als dass sich Gott Natur ihm offenbare?/Wie sie das Feste lässt zu Geist verrinnen,/Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre“.

Dr. med. Stephanie Krannich

Informationen

Die Ausstellung „Schädelkult – Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen” ist bis zum 29. April 2012 in den Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Weltkulturen D5, 68159 Mannheim zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, montags geschlossen.

Der ausgezeichnete Begleitband zur Ausstellung kostet im Museum 19,90 Euro, im Buchhandel 29,90 Euro.

Weitere Informationen unter Telefon: 0621 2933150, www.rem-mannheim.de, www.schaedelkult.de.

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