ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Hochschulen: Berufsakademien auf Erfolgsspur

VARIA: Bildung und Erziehung

Hochschulen: Berufsakademien auf Erfolgsspur

Sievers, Markus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In Baden-Württemberg haben sie bereits Tradition: Berufsakademien, die ein wissenschaftliches Studium mit einer betriebsnahen Ausbildung verbinden. Mittlerweile haben die Bundesländer Berlin und Sachsen das Modell kopiert – und doch bleibt das Konzept umstritten.


Berufsakademien (BA) zeichnen sich in der theorielastigen deutschen Hochschullandschaft vor allem durch ihre Praxisnähe aus. Dies zeigt sich schon bei der Auswahl der Kandidaten: Anders als bei einer Universität oder Fachhochschule können sich studierwillige Abiturienten nicht einfach an der Studienakademie bewerben oder einschreiben. Zugelassen wird nur, wer einen Ausbildungsvertrag bei einem Unternehmen vorweisen kann. Wer sich für eine Berufsakademie entscheidet, ist also gleichzeitig Student und Auszubildender. In der Regel wechseln drei Monate praktische Ausbildung im Betrieb und drei Monate Studium einander ab. Drei Jahre brauchen die Teilnehmer bis zum Abschluß – dann haben sie die Praxis genauestens kennengelernt, zumal die Firmen auch bei der Erstellung von Ausbildungsinhalten und Ausbildungszielen mitwirken.
Kein Wunder, daß die beteiligten Unternehmen – die auch einen Großteil der Kosten tragen – voll des Lobes sind. "Universitätsabgänger müssen bis zu zwei Jahre eingearbeitet werden, Absolventen der Berufsakademien sind nahezu direkt einsetzbar", nennt Klaus Pawlek, Leiter der Berufsausbildung bei IBM, einen der Vorteile. Berufsakademiker sind begehrte Nachwuchskräfte: 85 Prozent haben mit ihrem Diplom schon eine Anstellung in der Tasche, meist bei ihrem Ausbildungsbetrieb. Auch die Aufstiegschancen sind gut: Bei Mercedes bekleiden zwei Drittel der Berufsakademiker nach sechs Jahren Berufstätigkeit Führungspositionen. "Bei Fachhochschülern und Universitätsabgängern liegt die Quote kaum höher", berichtet Volker Göbel, Leiter der Personalentwicklung bei Mercedes.
Auch der Wissenschaftsrat hat den Akademien in einer Studie gute Noten ausgestellt. Nicht nur die kurze Studiendauer und das geringe Alter der Absolventen von durchschnittlich 23,7 Jahren beeindruckten die Gutachter. Auch die Studienbedingungen in Gruppen von maximal 30 Teilnehmern und die geringen Ausbildungskosten fielen positiv auf.
Doch solche Erfolgsmeldungen rufen nicht überall Begeisterung hervor. Kritik kommt vor allem von den Gewerkschaften, die gerade das bemängeln, was andere als den größten Pluspunkt einstufen: die Wirtschaftsnähe der Akademien. Dadurch, so heißt es beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), werde die allgemeine Bildung vernachlässigt; die Ausbildung dürfe sich aber nicht ausschließlich an den Bedürfnissen der Betriebe orientieren. Horst Kowalak, Leiter der Abteilung Bildung beim DGB, hält insbesondere das Vorrecht der Betriebe, die Kandidaten auszuwählen, für problematisch: "Die Wirtschaft bestimmt durch die Anzahl der Ausbildungsverträge die Studentenzahlen. Das ist mit dem Postulat des freien Hochschulzugangs unvereinbar." Auch aus den Kultusministerien der Länder ist überwiegend Negatives zu hören. Für den bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) fällt die theoretische Ausbildung "zu knapp" aus. Gemeinsam mit vielen anderen Kollegen fürchtet der Bayer zudem die Konkurrenz zu den Fachhochschulen, die an Unterstützung verlieren könnten, wenn die Wirtschaft stärker auf die Akademien setzt. Jahrelang weigerten sich daher die anderen Bundesländer, das Ausbildungsmodell aus Baden-Württemberg anzuerkennen. Erst vor einem halben Jahr legte die Kultusministerkonferenz den Streit bei und beschloß, die Berufsakademien Fachhochschulen gleichzustellen. Die Absolventen erhalten nun erstmals einen bundesweit gültigen Titel und können bei entsprechendem Interesse an jeder anderen Fachhochschule weiterstudieren.
Die BA fahren also auf der Erfolgsspur – und doch können sie die etablierten Ausbildungsgänge bestenfalls ergänzen, keinesfalls ersetzen. Schon allein quantitativ können sie weder mit den Fachhochschulen noch mit den Universitäten mithalten. Seit der Wiedervereinigung haben mit Sachsen und Berlin gerade zwei weitere Bundesländer das Baden-Württemberger Modell übernommen. Dennoch ist – aufgrund der zurückhaltenden Einstellungspolitik der Unternehmen – die Zahl der Erstsemester an den Akademien seit 1990 von 4 128 auf 3 339 zurückgegangen. Hinzu kommt, daß die Akademien ohne die Hilfe anderer Hochschulen gar nicht existieren könnten. Nur 20 Prozent der BA-Lehrkräfte sind als hauptamtliche Dozenten beschäftigt, die anderen kommen aus der Praxis oder werden von den Universitäten und Fachhochschulen rekrutiert. Für Gerd Schröder, Direktor der BA Mannheim, ist dieser hohe Anteil nebenamtlicher Dozenten sogar ein Strukturmerkmal, an der seine Einrichtung festhalten wolle. "Der differenzierte Lehrkörper sichert entscheidende Vorteile, so zum Beispiel die Aktualität des Lehrgeschehens. Außerdem erreichen wir durch dieses System eine hohe Flexibilität, denn Dozenten, die sich nicht bewähren, brauchen wir nicht weiter einzusetzen." Markus Sievers

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote