ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Hochschulen: Ein TÜV für die Lehre

VARIA: Bildung und Erziehung

Hochschulen: Ein TÜV für die Lehre

Driesen, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Tägliches Frust-Erlebnis vieler Studenten: der Besuch einer Vorlesung oder eines Seminars. Bestenfalls bescheiden finden sie die didaktischen und pädagogischen Ambitionen der meisten Professoren. Die wiederum sonnen sich lieber im Glanz lukrativer Forschungsaufträge und Fachveröffentlichungen, als in die studentischen Niederungen hinabzusteigen. Doch nun kämpft selbst der Wissenschaftsrat gegen die Misere der Lehre.


An der sonst so beschaulichen Oldenburger Uni gab es Stunk: Weil Studenten ein häufiges Zuspätkommen ihrer Dozenten in den Vorlesungssälen bemängelt hatten, kündigte Uni-Präsident Michael Daxner an, die Einhaltung der Lehrverpflichtungen künftig systematisch zu überprüfen. Prompt hagelte es Proteste aus seiner Professorenschaft: 71 von 450 Oldenburger Hochschullehrern wehrten sich in einem offenen Brief gegen solche "diskriminierenden" Kontrollen. Prof. Volker Ruth, Wortführer der Kontroll-Gegner, beschied den Reporter der Süddeutschen Zeitung: "Beim Nebeneinander von Forschungs-, Lehr- und Verwaltungsaufgaben sind Terminüberschneidungen unvermeidlich."
Auch in Kassel mußten sich die armen Professoren gegen neumodische Schikanen wehren: in die Habilitationsordnung der Uni sollte der Vorschlag aufgenommen werden, zusätzlich hochschuldidaktische Veranstaltungen zu besuchen. Die Professoren verhinderten das – schließlich würden solche Kurse ja gar nicht immer angeboten.
Schlaglichter aus den Abgründen des Lehrbetriebs an deutschen Hochschulen. Die Umbenennung in "Leerbetrieb" legt eine Erhebung am Fachbereich Medizin der Uni Hamburg nahe, wonach im Sommersemester 1994 gerade mal 54 Prozent der Unterrichtsverpflichtungen eingehalten wurden. Und was aus Professorenmündern dringt, wenn sie doch am Pult stehen, läßt manche Studierende wünschen, ihre Veranstaltung gehöre zu den anderen 46 Prozent. Monoton und begleitet von unleserlichen Overhead-Folien werden acht Jahre alte Skripte heruntergeleiert, die an Kirchen-Litaneien erinnern. "Seit der Humboldtschen Universitätsreform und dem zentralen Postulat der Einheit von Lehre und Forschung besteht die Neigung, an Stelle einer systematischen Auseinandersetzung mit den Problemen der Hochschullehre ihre Qualität überwiegend aus der Qualität der Forschung rückzuschließen." So das jüngste Gutachten des Wissenschaftsrates, Titel: Empfehlungen zur Stärkung der Lehre in den Hochschulen durch Evaluation. Und die 54 Experten, die von Bund, Ländern und Wissenschaft bestellt werden, setzten noch hinzu: "Die institutionelle Verantwortung eines Fachbereichs für die Lehre tritt an deutschen Hochschulen stark in den Hintergrund."
In seinem Gutachten stellt der Wissenschaftsrat ferner fest, daß sich besondere Anstrengungen und Leistungen in der Lehre für die Wissenschaftler kaum auszahlen. Auch die Fachbereiche als Institutionen profitieren nicht von guter Lehre; bei der Mittelvergabe an die Hochschulen spielt dieser Aspekt keine Rolle. Um praktische Erfahrungen mit möglichen Verbesserungskonzepten zu sammeln, startete das Gremium daher den Modellversuch "Evaluation der Lehre" an elf deutschen Universitäten, wo die Fakultäts-Mitglieder und auswärtige Experten die Fachbereiche Betriebswirtschaftslehre und Physik unter die Lupe nahmen. Immer wiederkehrende Mängel:
! Studienziele sind nicht genügend aktuell definiert;
! die Organisation und Kommunikation sind vielfach unzureichend;
! die Einzelveranstaltungen ergänzen sich nicht zu stimmigen Programmen;
! die Prüfungsordnungen entsprechen nicht dem Studienverlauf;
! die Studierenden werden an den Unis zu spät an die Forschung herangeführt und darin zu wenig gefördert;
! es gibt kaum Bewußtsein für bestehende Defizite.
Evaluierungsmodelle gibt es bislang in Deutschland nur in wenigen Regionen und an einzelnen Universitäten. Nicht so in den Niederlanden; von dort bezog der Wissenschaftsrat das Vorbild, das er mit wenigen Änderungen auch hierzulande verankern möchte. Im wesentlichen besteht die Evaluation im Nachbarland aus zwei Stufen, der kontrollierten Eigenbeobachtung der Fachbereiche und der anschließenden, beratenden Peer Review dieser Ergebnisse durch ein unabhängiges Expertengremium. Dabei wird die Hochschulautonomie nicht angetastet: Träger der Evaluation ist die niederländische Hochschulkonferenz.
Um die gefundenen Mängel auch gründlich ausbügeln zu können, soll laut Wissenschaftsrat ein Evaluationszyklus vier bis sechs Jahre dauern. Absichtlich will der Rat auf die Bewertung individueller LehrLeistungen verzichten; am Ende soll nicht Dozent XY mit einer Vier Minus am Pranger stehen. Den Evaluierern geht es auch nicht um populäre, vergleichende Rankings der Hochschulen – wenngleich sie glauben, durch das neue Verfahren zu mehr Profilierungs-Bestrebungen und Wettbewerb der Hochschulen beitragen zu können. Das Geld für die Prüfer-Besuche und die hochschulinternen Datenerfassungen soll anfangs aus dem von Bund und Ländern geplanten Hochschulsonderprogramm kommen. Und: Freiwilligkeit der Teilnahme ist eine Grundregel. Oliver Driesen

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote