ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2012Wiener Bestattungsmuseum: Auf Leben und Tod

KULTUR

Wiener Bestattungsmuseum: Auf Leben und Tod

Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A-334 / B-290 / C-286

Traub, Ulrich

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Rund tausend Exponate sind im Wiener Bestattungsmuseum zu sehen – von einer Leichendroschke bis zu Galauniformen von Sargträgern.

Der „Klappsarg“ kam nur für kurze Zeit zum Einsatz. Er wurde mit der Leiche über die offene Gruft gestellt und geöffnet. Die in einem Leichensack befindliche Leiche fiel in eine offene Grube. Foto: E. Kehnel
Der „Klappsarg“ kam nur für kurze Zeit zum Einsatz. Er wurde mit der Leiche über die offene Gruft gestellt und geöffnet. Die in einem Leichensack befindliche Leiche fiel in eine offene Grube. Foto: E. Kehnel

Bei uns liegen Sie richtig!“ So begrüßt Wittigo Keller seine Gäste im Wiener Bestattungsmuseum. Die flotte Floskel ist mehr als ein Gag. Das Probeliegen in einem Sarg stoße immer auf großes Interesse, erfährt der verblüffte Besucher. Es scheint noch etwas dran zu sein am besonderen Verhältnis der Wiener zum Tod. Das Bestattungsmuseum war 1967 das erste weltweit. Auch heute gibt es nur wenige, die sich dieser Thematik verschrieben haben. Das Wiener Haus ist ein Unikum geblieben. Das garantiert Wittigo Keller, Ethnologe und Designer, der sich seit einem Vierteljahrhundert der Sammlung verschrieben hat.

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Rund tausend Exponate sind in dem Museum zu sehen – von einer Leichendroschke über Postkartenserien, die zu besonderen Begräbnissen gedruckt wurden, bis zu Galauniformen von Sargträgern und Kutschern. Es gibt historische Dokumente, dazu Bibeln, Kreuze und Madonnenstatuen, Sargverzierungen und Urnen. Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen der „schönen Leich“, womit kein gut aussehender Dahingeschiedener gemeint ist, sondern eine pompöse Bestattungszeremonie. „Dafür nahmen sich die Wiener gerne einen Tag frei“, schmunzelt Keller – wobei nicht von Angehörigen, sondern von Schaulustigen die Rede ist.

Im Wien der Monarchie, erzählt Wittigo Keller, sei der Tod allgegenwärtig gewesen. Aber im späteren 19. Jahrhundert gehörte die „schöne Leich“ dann auch zum Selbstverständnis des Bürgertums. Hinter der Inszenierung stand, laut Keller, ein ganz und gar weltlicher Wunsch: „Bitte behaltet mich in guter Erinnerung.“ Als Zeremonienmeister des Spektakels fungierten die „Pompfüneberer“. Diese Bezeichnung haben die Wiener dem Französischen entlehnt. Pompes Funèbres ist ein Bestattungsunternehmen. „Heute spricht man von Ritualbestattern“, so der Wissenschaftler. „Die Wiener setzten sich nicht mit dem Tod auseinander, sondern mit der Art ihrer Bestattung.“ Das Begräbnis diente zur Unterstreichung des sozialen Status. „Das ist in anderen Kulturen nicht so“, resümiert er.

Da kann es nicht verwundern, dass der Klappsarg nur kurz zum Einsatz gekommen ist. Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der reformerisch veranlagte Kaiser Josef II. mit diesem Modell für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Eine schnöde Kiste als Durchgangsstation, die nur dazu diente, die Dahingeschiedenen in die Grube plumpsen zu lassen. Sind nicht vor dem Tod alle gleich? Mag sein, aber mit Ausnahme der Wiener. Der Kaiser musste jedenfalls sein Dekret zurücknehmen. Auch andere Exponate sind kurios: Ein Wecker, dessen Schnur vom Handgelenk des Verstorbenen bis ins Zimmer des Totengräbers reichte, sollte im Fall der Fälle eine schnelle Rettung ermöglichen. „Die Scheintodhysterie grassierte seinerzeit“, erläutert Wittigo Keller. Und weil das so war, gab es für Persönlichkeiten, die auf Nummer sicher gehen wollten, das doppelschneidige Herzstichmesser. Ein Modell der schwarzen Leichenstraßenbahn, die zeitweise in Wien durch die Gassen ratterte und Särge zum Zentralfriedhof transportierte, sorgt für ungläubiges Staunen. Und wer glaubt, dass auf den Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Lebende zu sehen sind, täuscht sich. Zu dieser Zeit blühte die Totenfotografie. Leichen wurden ins Studio verfrachtet, wo sie in voller Montur ins rechte Licht gerückt worden sind.

Ulrich Traub

Informationen

Bestattungsmuseum Wien, Goldeggasse 19; Telefon: 0043 1/501950, www.bestattungsmuseum.at. Die Besichtigung ist – jedoch nur im Rahmen einer Führung – werktags von 12 bis 15 Uhr möglich. Eine telefonische Voranmeldung ist unbedingt erforderlich.

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