ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2012Sexualwissenschaft: Das sexuelle Elend existiert weiter

THEMEN DER ZEIT

Sexualwissenschaft: Das sexuelle Elend existiert weiter

Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A-311 / B-271 / C-267

Briken, Peer; Dekker, Arne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Derek Cracco, Winter Wonderland 2008, Mixed Media on Plane 149,8 cm × 110,5 cm. Sexualität und Geschlechtsleben sind die Gegenstände der Sexualwissenschaft. Foto: courtesy of the artist (www.DerekCracco.com), and beta pictoris gallery/Maus Contemporary (www.betapictorisgallery.com)
Derek Cracco, Winter Wonderland 2008, Mixed Media on Plane 149,8 cm × 110,5 cm. Sexualität und Geschlechtsleben sind die Gegenstände der Sexualwissenschaft. Foto: courtesy of the artist (www.DerekCracco.com), and beta pictoris gallery/Maus Contemporary (www.betapictorisgallery.com)

Die Sexualwissenschaft ist zwar möglicherweise nicht mehr sozialreformerisch, sie muss aber weiterhin die Vorstellungen von sexueller Gesundheit, von sexuellen Störungen, ihrer Therapie und medizinischen Versorgung kritisch hinterfragen. Deshalb braucht die Medizin die Sexualwissenschaft.

Die Sexualmedizinische Ambulanz am Klinikum der Goethe-Universität Frankfurt am Main wurde im vergangenen Jahr geschlossen. Diese Entscheidung verschlechtert nicht nur die medizinische Versorgung von Patienten mit zum Teil erheblichem Leidensdruck, sie bildet auch den vorläufigen Endpunkt der ebenso langwierigen wie unwürdigen Abwicklung des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, die im Jahr 2006 mit dem altersbedingten Ausscheiden des Direktors Volkmar Sigusch begann und zwischenzeitlich für erheblichen öffentlichen Protest sorgte. Aktuell ist die Sektion für Sexualmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein von der Schließung bedroht.

Anzeige

Das Frankfurter Institut war stets mehr als eine rein medizinische Institution: In den entscheidenden Momenten gingen von hier wichtige sexualpolitische Impulse aus, zudem war es eine der beiden Forschungsstellen der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der ältesten und größten interdisziplinären sexualwissenschaftlichen Fachgesellschaft (1).

Die Schließung bietet uns den Anlass, über die Frage nachzudenken, ob die Medizin auf Sexualwissenschaft künftig verzichten kann – oder sie weiterhin braucht.

Medizin – ars medicina – ist als Kunst des Heilens eine Erfahrungswissenschaft und keine Naturwissenschaft. Da sie sich naturwissenschaftlicher Grundlagen bedient, vergisst sie das nur zu leicht. Naturwissenschaften verwenden keinen genuinen Krankheits- und Gesundheitsbegriff. Ursachen und Erscheinungen von Krankheit und Gesundheit betrachten sie als natürliche Prozesse mit Begriffen der Norm und Normabweichung beziehungsweise Anomalie. Medizin hingegen ist – vielleicht in erster Linie – das, was sich hinter dem Altgriechischen iatrik (téchnē) verbirgt: ein mehr oder weniger kunstvoll zu beherrschendes Handwerk. Sie dient der individuellen Hilfe für kranke Menschen und der Gesunderhaltung, Prävention und Früherkennung von Krankheiten. Der zentrale Begriff der Medizin ist demnach das Helfen. Medizin ist eine hermeneutische Wissenschaft, tut aber gut daran, die Naturwissenschaften zu kennen und sie zu verwenden. Gute Mediziner begreifen, dass sie sich anderer Wissenschaften bedienen, sich dieser aber nicht bemächtigen sollen – und sich ihrerseits einer Bemächtigung nicht unterwerfen dürfen. Ebenso wenig dürfen sie sich ihrer Patienten bemächtigen. Eine ausschließlich naturwissenschaftliche Medizin verfehlt den Menschen und kann ihm nicht helfen. Damit aber verfehlt sie ihren Gegenstand.

Sexualwissenschaft ist multidisziplinär angelegt

Gegenstände der Sexualwissenschaft sind die Sexualität und das Geschlechtsleben im engeren wie weiteren Sinne. Die Arbeitsschwerpunkte der Sexualwissenschaft liegen in der theoretischen und empirischen Erforschung physiologischer, psychischer und soziokultureller Aspekte der Sexualität sowie in der Entwicklung von pädagogischen, beraterischen, medizinischen und therapeutischen Angeboten. Sexualwissenschaft ist multidisziplinär angelegt. Mit ihr befassen sich neben den Kultur- und Sozialwissenschaften die Psychologie, verschiedene Subspezialitäten der Medizin (zum Beispiel Andrologie, Urologie, Gynäkologie), die Biologie, Anthropologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft und in jüngerer Zeit die Neurowissenschaften. Fragestellungen der Sexualwissenschaft berühren unter anderem den sozialen Wandel der Sexualität, die individuelle sexuelle Entwicklung des Menschen, sein Sexualverhalten, die Sexualerziehung, sexuelle Gesundheit sowie Ursachen, Genese und Therapie sexueller Störungen.

Die Sexualmedizin – wenn sie sich begrifflich definieren will – beschäftigt sich als Teilgebiet der Medizin und der Sexualwissenschaft mit allen Aspekten, die der Erhaltung und Förderung der sexuellen Gesundheit dienen. Es gehören also das Erkennen, Behandeln sowie die Prävention und Rehabilitation von Störungen und Erkrankungen mit den Mitteln der Medizin dazu – und damit auch die nicht körpermedizinischen Verfahren wie Beratung und Psychotherapie. Um zu entscheiden, wen oder was die Sexualmedizin behandelt, müsste sich bestimmen lassen, was unter sexueller Gesundheit zu verstehen ist. Die Definition der Welt­gesund­heits­organi­sation lautet (2, eigene Übersetzung):

„Sexuelle Gesundheit ist ein Zustand physischen, seelischen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität. Sie erfordert einen positiven und respektvollen Umgang mit Sexualität und sexuellen Beziehungen sowie die Möglichkeit, lustvolle und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, die frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt sind.“

Das Private wird politisch: Mitglieder der Berliner Kommune 1 im Sommer 1967 nach den Demonstrationen wegen des Besuchs des Schah von Persien. Sie wollen eine polizeiliche Durchsuchungsaktion darstellen. Foto: SZ Photo/Thomas Hesterberg
Das Private wird politisch: Mitglieder der Berliner Kommune 1 im Sommer 1967 nach den Demonstrationen wegen des Besuchs des Schah von Persien. Sie wollen eine polizeiliche Durchsuchungsaktion darstellen. Foto: SZ Photo/Thomas Hesterberg

Sexuelle Störungen unterliegen einem Wandel

Diese Definition ist von ihrem humanen Anspruch her eindeutig, von ihrer eingrenzenden Kraft aber weich und weit. Das hat Vor- und Nachteile. Gehen wir von ihr aus, so können wir sicher sein, dass die Abwesenheit sexueller Gesundheit zwar abhängig von Abweichungen, sicher aber nicht unabhängig von dem ist, was wir sexuelle Kultur nennen können. Sexuelle Störungen unterliegen folglich einem Wandel, und eine weltweit gültige, hart eingrenzende Definition sexueller Gesundheit müsste die kulturellen Unterschiede und den Wandel übersehen. Sie stünde damit im Widerspruch zur oben genannten Definition eines zwangsfreien, respektvollen, aber auch lustvollen Umgangs des Individuums mit Sexualität. Gleichzeitig öffnet eine so weite Definition jenen Tür und Tor, die zu wissen meinen, wie gesunde oder kranke Sexualität aussieht – hier lauert eine Gefahr.

Die Validierung einer Abweichung mit naturwissenschaftlichen Mitteln macht also längst keine Krankheit. Die Diagnose einer Störung oder Erkrankung besteht aus (unter anderem, aber nicht ausschließlich naturwissenschaftlich) messbaren Fakten und ihrer Bewertung. Wenn sich Sexualität und ihre Probleme wandeln, so muss sich demnach auch der Umgang der Helfer mit den Hilfe suchenden wandeln. Hüten sollte sich die Sexualmedizin davor, die Bewertung der empirisch dingfest gemachten Sexualität anhand ihrer Häufigkeit vorzunehmen und so die Tatsache bloßen Vorkommens normativ zu wenden: Die im Geiste eines empirischen Normalismus verkündeten Pathologisierungen nichthegemonialer Sexualitäten (wie etwa der Homosexualität) gehören zu den Erbsünden der Sexualmedizin, die sich diese konsequent in Erinnerung rufen sollte.

„Sexualwissenschaft war von Anfang an auch ein sozialreformerisches Projekt“, sagte der Sexualwissenschaftler und Sozialpsychologe Gunter Schmidt vor einiger Zeit in einem Interview (3), und weiter: „Spätestens in den 1960er Jahren verlor die Sexualwissenschaft aber ihre sexualpolitische Bedeutung. Neue, starke Bewegungen, die nicht aus der Sexualwissenschaft kamen, bestimmten nun die sexualpolitischen Debatten – Studentenbewegung, Schwulenbewegung, Frauenbewegung. Und sie waren überaus effizient. Sexualforscher lieferten hier und da noch einige wissenschaftliche Befunde oder theoretische Überlegungen zur Unterstützung, vor allem aber sortierten sie unter dem Einfluss dieser Bewegungen ihre Gedanken neu.“

Aufs große Ganze betrachtet erscheint diese Aussage zuzutreffen. Allerdings erzeugte und erzeugt jede der genannten Bewegungen auch Gegenbewegungen. Im Spannungsfeld, das daraus für das Individuum resultiert, entstehen gleichzeitig oft Verunsicherung und Angst. Ein aktuelles Beispiel ist die aufgeheizte Debatte um sexuellen Kindesmissbrauch und Pädophilie. Dort, wo sexuelle Gesundheit und Sexualmedizin in höchstem Maße politisch wirksam werden können, laufen sie auch Gefahr, zum verlängerten Arm reaktionärer Bewegungen zu werden. So wird jüngst über die Pädophilie gesprochen, als handele es sich bei ihr um eine eindeutig abgrenzbare Krankheitsentität, die entweder vorliegt oder nicht. Tatsächlich erscheint die sexuelle Neigung auf Kinder hin jedoch in sehr unterschiedlichen Formen und auch unterschiedlich starken Ausprägungen – wenngleich sie in manchen Fällen natürlich auch so ausschließlich ist, dass eine Erregung durch nichtkindliche Stimuli nie entsteht. Was mit dieser Neigung geschieht, ist in hohem Maße kontextabhängig, und wir dürfen kaum hoffen, dass Fernsehsendungen wie „Tatort Internet“ dazu beitragen, den Missbrauch von Kindern durch die Abschreckung sogenannter Tatgeneigter oder durch die Aufklärung der Bevölkerung zu verhindern.

Eine andere düstere Krone ist das vor kurzem in einem Federstreich entworfene Therapieunterbringungsgesetz. Es soll dazu dienen, als gefährlich geltende Menschen (unter anderem Sexualstraftäter) zu psychiatrisieren, die zuvor hinsichtlich der Schwere ihrer Störung nicht als krank eingeordnet wurden. Verweist man in diesem Zusammenhang auf jene Zeit der jüngeren deutschen Geschichte, in der die Psychiatrie für eben solche Zwecke missbraucht worden ist, so gilt dies schnell als überzogen. Dass angesichts derartiger Entwicklungen weder eine rechts- noch eine sexualpolitisch wehrhafte Gegenbewegung sichtbar wird, kann nur als skandalös bezeichnet werden.

Nach dem Ende der sexuellen Revolution der späten 1960er Jahre ließen sich eine Entdramatisierung und Entmystifizierung des Sexuellen und Ende der 1980er Jahre schließlich die von Volkmar Sigusch sogenannte neosexuelle Revolution beobachten (4). Hypersexualisierung, Banalisierung, sexuelle Lustlosigkeit, Viagra und die neuen Medien tanzten einen langweiligen Ringelreihen. Aktuell aber erleben wir eine neue sexuelle Panik.

Die reformerische Kraft, die Wissenschaft entfalten kann, geht in dem Rückzug auf reine Naturwissenschaftlichkeit oder Empirie verloren. Die Sexualwissenschaft mag nicht mehr sozialreformerisch sein, und wir können heute über die scheinbare Naivität früherer Zeiten lachen oder uns über den Mut der früheren Akteure nostalgisch freuen. Sexualwissenschaft kann und muss aber weiterhin die Vorstellungen von sexueller Gesundheit, von sexuellen Störungen, ihrer Therapie und medizinischen Versorgung kritisch hinterfragen. Damit ist sie im Kern nie frei von Politik, nie empirisch oder theoretisch rein. Allerdings reicht die Dekonstruktion von Störungsmodellen nicht aus, um in ärztlicher oder psychotherapeutischer Tätigkeit zu helfen. Neue Modelle sollten unser Denken strukturieren, empirisch überprüft werden und dann eine Konsequenz nach sich ziehen. Dazu braucht die Medizin die Sexualwissenschaft. Empirische und theoretische Sexualforschung können so zu Teilen dessen werden, was als kritische Sexualwissenschaft bezeichnet worden ist (5).

Naturwissenschaftliche Mittel allein reichen nicht aus

Das sexuelle Elend existiert – ob wir es erklären oder nicht, ob das naturwissenschaftlich begründet geschieht oder nicht. Es bleibt, wenn wir uns nicht bemühen zu helfen. Zum Helfen gehört der Versuch des Verstehens, und das gelingt auf der Ebene des Individuums nicht allein mit naturwissenschaftlichen Mitteln. Wozu also braucht Medizin die Sexualwissenschaft im Einzelnen? Wenn sich die Medizin als eine dem Individuum helfende Wissenschaft begreifen will, so braucht sie die Sexualwissenschaft im Umgang mit Sexualität, um

  • die vorschnelle Klassifikation als Störung oder Krankheit kritisch zu hinterfragen
  • sexuelle Fantasien und sexuelles Verhalten jenseits der Norm nicht vorschnell zu pathologisieren
  • bestimmten sexuellen Vorlieben, Praktiken, Orientierungen, Varianten oder Besonderheiten der geschlechtlichen Identität gegenüber anderen nicht automatisch durch Gesundschreibung einen Vorrang einzuräumen
  • nicht jeden Fortschritt als Vorteil für den Einzelnen anzusehen
  • nicht jeden Wandel der Sexualität pessimistisch zu interpretieren
  • auf Sexualität wirklich interdisziplinär zu blicken und damit auch das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen.

Die sogenannte multifaktorielle und biopsychosoziale Genese sexueller Störungen ist inzwischen zum hülsenhaften Allgemeinplatz geworden. Ärzte brauchen mehr als medizinisches Wissen und ärztliche Haltung im Umgang mit sexualmedizinischen Fragen. Darin unterscheidet sich der Umgang mit sexuell gestörten Patientinnen und Patienten tatsächlich von dem in anderen Disziplinen der Medizin – nicht grundlegend qualitativ, aber sicher quantitativ. Genau das ist am Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft, in dem über Jahrzehnte unter anderem medizinisch-psychologisch, sozialwissenschaftlich und historisch auf Fragen der Sexualität eingegangen worden ist, in einem außerordentlichen Maß erfüllt gewesen.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A 311–3

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Peer Briken, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, briken@uke.uni-hamburg.de

1.
Sigusch V: Geschichte der Sexualwissenschaft. Frankfurt a. M., New York: Campus 2008.
2.
www.who.int/topics/sexual_health/en/
3.
Schmidt G, Briken P: Erinnerungen an die frühen Jahre. 50 Jahre Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Z Sexualforsch 2010; 23: 155–64.
4.
Sigusch V: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Frankfurt a. M., New York: Campus 2005.
5.
Sigusch V: Was heißt kritische Sexualwissenschaft. Z Sexualforsch 1988; 1: 1–29.
Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Prof. Dr. med. Briken, Dekker
1.Sigusch V: Geschichte der Sexualwissenschaft. Frankfurt a. M., New York: Campus 2008.
2.www.who.int/topics/sexual_health/en/
3.Schmidt G, Briken P: Erinnerungen an die frühen Jahre. 50 Jahre Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Z Sexualforsch 2010; 23: 155–64.
4.Sigusch V: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Frankfurt a. M., New York: Campus 2005.
5.Sigusch V: Was heißt kritische Sexualwissenschaft. Z Sexualforsch 1988; 1: 1–29.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige