ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2012Entwicklungsverzögerungen bei Kindern: Screening als Grundlage für eine gezielte Förderung

THEMEN DER ZEIT

Entwicklungsverzögerungen bei Kindern: Screening als Grundlage für eine gezielte Förderung

Dtsch Arztebl 2012; 109(7): A-308 / B-268 / C-264

Gottschling, Annika; Franze, Marco; Hoffmann, Wolfgang

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In Mecklenburg-Vorpommern wurden mit der Einführung eines Screeningverfahrens die Rahmenbedingungen für eine gesunde Entwicklung von Kindern deutlich verbessert. Dabei wurden Empfehlungen aus der Präventionsforschung umgesetzt.

Je früher Auffälligkeiten in der Gesundheitsentwicklung erkannt werden, desto besser kann noch gegengesteuert werden. Foto: Your Photo Today
Je früher Auffälligkeiten in der Gesundheitsentwicklung erkannt werden, desto besser kann noch gegengesteuert werden. Foto: Your Photo Today

Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) aus den vergangenen Jahren zeigen einen erheblichen Anteil an Kindern mit Entwicklungsverzögerungen. So wies bei den Einschulungsuntersuchungen im Jahr 2009/2010 jedes fünfte Kind (20,3 Prozent) Verzögerungen in der motorischen Entwicklung auf. Im Bereich der Sprache waren 17,1 Prozent der potenziellen Schulanfänger von Entwicklungsverzögerungen betroffen, und bezüglich der emotional-sozialen Entwicklung wurden bei 12,0 Prozent der Kinder Verzögerungen diagnostiziert (1). Ein erster Schritt, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wurde durch die Novellierung des Kindertagesförderungsgesetzes (KiföG M-V vom 12. Juli 2010) unternommen (2). Die entsprechende Verordnung über die inhaltliche Ausgestaltung und Durchführung der individuellen Förderung trat zum 1. Januar 2011 in Kraft. Danach gewährt das Land Mecklenburg-Vorpommern den örtlichen Trägern der öffentlichen Jugendhilfe eine jährliche Zuweisung in Höhe von fünf Millionen Euro zur Weiterleitung an die Träger von Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegepersonen. Diese finanziellen Mittel sind ausschließlich für die gezielte individuelle Förderung von Kindern gemäß Kindertagesförderungsgesetz (§ 1 Absatz 6) einzusetzen.

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Eine frühzeitige gezielte individuelle Förderung soll wesentlich zur Vermeidung von Defiziten im Rahmen der späteren Einschulungsuntersuchung beitragen. Dieser settingorientierte Ansatz wird speziell in Mecklenburg-Vorpommern durch die hohe Inanspruchnahme von Kindertageseinrichtungen begünstigt. So nehmen 94,1 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen Kindertageseinrichtungen oder Einrichtungen der Kindertagespflege in Anspruch (Bundesdurchschnitt: 91,6 %) (3). Es besteht somit eine hohe Wahrscheinlichkeit, durch Interventionen im Bereich der Kindertageseinrichtungen eine große Anzahl an Kindern zu erreichen. Für die bedarfsgerechte Verwendung der Fördergelder ist deren Bereitstellung an die Anwendung des „Dortmunder Entwicklungsscreenings für den Kindergarten DESK 3–6“ gebunden (4).

Die Politik folgte damit der Empfehlung von Wissenschaftlern, insbesondere des Instituts für Community Medicine (Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health) der Universitätsmedizin Greifswald sowie Vertretern der Universität Rostock und der Hochschule Neubrandenburg, ergänzend zur alltagsintegrierten Beobachtung und Dokumentation ein standardisiertes, valides und reliables Verfahren einzusetzen, anhand dessen der Entwicklungsstand von drei- bis sechsjährigen Kindern in den Bereichen Motorik, Sprache, sozial-emotionale Entwicklung sowie in der Gesamtentwicklung zuverlässig objektiviert werden kann.

Die Eignung und Akzeptanz des DESK 3–6 wurden im Rahmen von „Kinder in Kitas (KiK)“, einem Modellprojekt zur Stärkung der Kindergesundheit und Weiterentwicklung der individuellen Förderung in Mecklenburg-Vorpommern, intensiv überprüft (5). Mit dem Projekt, durchgeführt von November 2008 bis Mai 2011, sollte ein Instrument ausgewählt und erprobt werden, das eine frühzeitige Identifizierung von Entwicklungsgefährdungen ermöglicht. Insgesamt wurden bei dem Modellprojekt „KiK“ 887 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren hinsichtlich ihres Entwicklungsstands gescreent. Ergänzend wurden Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen zu den Rahmenbedingungen und zur Akzeptanz des Screeningverfahrens befragt. Eine weitere Befragung zur gesundheitlichen Situation der Kinder sowie zu den sozioökonomischen Verhältnissen innerhalb der Familie richtete sich an die Eltern. Die Ergebnisse dieses Projekts flossen in verschiedene Stellungnahmen zur Novellierung des Kindertagesförderungsgesetzes ein.

Im Vergleich zu anderen von Kindertageseinrichtungen eingesetzten Beobachtungsverfahren erfüllt das DESK 3–6 in hohem Maße sowohl wissenschaftliche Gütekriterien als auch Kriterien der Praktikabilität (6). Hierzu trägt vor allem die frühzeitige Einbindung der Erzieher(innen) bei der Verfahrensentwicklung bei. Das DESK 3–6 wurde an einer Stichprobe von 1 492 Kindergartenkindern im Alter von 33 bis 85 Monaten normiert (4). Es erlaubt eine Diagnostik in Hinblick auf erste Anzeichen für eine Entwicklungsgefährdung von Vorschulkindern. Aus ihm können die Notwendigkeit einer weiterführenden Diagnostik und ein individueller Bedarf an Frühfördermaßnahmen abgeleitet werden. Ebenso ist ein Vergleich individueller Testergebnisse mit den Normwerten des DESK 3–6 möglich.

Das Screeningverfahren umfasst Beobachtungs- und kindgerechte, in ein Rollenspiel (Zirkusspiel) integrierte Durchführungsaufgaben zu den Entwicklungsbereichen Fein- und Grobmotorik, Sprache sowie zur sozial-emotionalen Entwicklung. Zudem liefert es einen Befund zur Gesamtentwicklung. Die Aufgaben sind altersadäquat gestaltet. Innerhalb der Normtabellen, die zur Auswertung herangezogen wurden, wird zudem eine genauere, halbjährliche Altersunterscheidung der Kinder vorgenommen. Das DESK 3–6 wird von den Erziehern eigenständig durchgeführt. In Mecklenburg-Vorpommern erhalten sie zum Zweck der Qualitätssicherung im Vorfeld eine entsprechende Schulung und werden in Hinblick auf die Verfahrensanwendung und Klärung von Fragen einer gezielten individuellen Förderung fachlich betreut.

Als Ergebnis liefert das DESK 3–6 sogenannte Stanine-Werte (aus dem Englischen Standard Nine) zwischen 1 und 9. Ein Stanine-Wert von 1 impliziert einen auffälligen Screeningbefund. Das bedeutet, es besteht ein begründeter Verdacht auf eine Entwicklungsgefährdung des Kindes. Hier sollte unbedingt eine differenziertere Entwicklungsdiagnostik durch einen Fachdienst, in der Regel zunächst den Kinderarzt, erfolgen. Daher ist es wichtig, dass Kinder-, Haus- und Amtsärzte des Landes über den flächendeckenden Einsatz des DESK 3–6 informiert sind, um die objektiven Screeningbefunde richtig einordnen und bei Erfordernis entsprechende Interventionen einleiten zu können. Zudem sind die Ärzte in der Lage, medizinische Gründe als Ursache erheblicher Abweichungen vom kindlichen Entwicklungsprozess auszuschließen.

Ein Stanine-Wert von 2 bedeutet, dass die Anzeichen für eine Entwicklungsgefährdung des Kindes nicht eindeutig sind und eine weitere Beobachtung und spätere Wiederholung des DESK 3–6 sinnvoll sind. Screeningbefunde zwischen 3 und 9 sprechen für eine altersgemäße Entwicklung des Kindes.

Das DESK 3–6 zielt somit nicht auf eine Erfassung von Defiziten ab, sondern ermöglicht vor allem die Identifizierung kindlicher Stärken in den einzelnen Entwicklungsbereichen. Die Erzieher(innen) erhalten eine objektive Basis für die Gestaltung einer effektiven (Klein-)Gruppenförderung. Des Weiteren liefert das DESK 3–6 Hinweise für Elterngespräche und auf weitere individuelle Fördermöglichkeiten.

Das jährliche Entwicklungsscreening in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, bei welchen Kindern eine gezielte individuelle Förderung erforderlich ist. Die Screening-Ergebnisse werden aber auch ein wichtiger Indikator zur Nachhaltigkeit verschiedener Interventionsstrategien sein. Umso begrüßenswerter ist es, dass die Politik auch dahingehend der wissenschaftlichen Empfehlung gefolgt ist, das DESK 3–6 als einziges Instrument für die Inanspruchnahme der Zuweisungen vorzusehen. Nur so ist ein regionen- und kindertagesstättenbezogener Vergleich unterschiedlicher Rahmenbedingungen und Förderstrategien im Kontext einer umfassenden Evaluationsforschung sinnvoll beziehungsweise überhaupt erst möglich. Die Teilnahme der Kindertagesstätten an einer wissenschaftlichen Prozessbegleitung und Evaluation ist ein weiteres zentrales Kriterium für die Bereitstellung der finanziellen Mittel. Sie umfasst neben der Auswertung des Screenings für die Kindertageseinrichtungen umfassende Befragungen zur Durchführung, Akzeptanz und Ergebnisverwertung.

Die gesetzliche Neuregelung in Mecklenburg-Vorpommern ist ein positives Beispiel für die Integration von Ergebnissen der Präventionsforschung in die Gesetzgebung. Die Befunde aus dem „Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten“ sollen nicht nur den Kindergärten als Basis für eine gezielte individuelle Förderung dienen, sondern auch den konsultierten Ärzten wichtige Anhaltspunkte für eine weiterführende Diagnostik und erforderliche therapeutische Interventionen liefern. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit verschiedener an der Entwicklung von Kindern beteiligten Institutionen im Land ist die Voraussetzung für eine Senkung der hohen Prävalenzen im Bereich der Entwicklungsverzögerungen bei Schulanfängern.

Annika Gottschling M. A.,
Dr. phil. Marco Franze,
Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann MPH
Institut für Community Medicine,
Abteilung Versorgungsepidemiologie und
Community Health,
Universitätsmedizin Greifswald,
Ellernholzstraße 1–2, 17487 Greifswald,
annika.gottschling@uni-greifswald.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0712

1.
Prävalenzraten für das Schuljahr 2009/2010; Angaben des Ministeriums für Soziales und Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern, 2011.
2.
Ministerium für Gesundheit und Soziales. http://www.regierungmv.de/cms2/Regierungsportal_ prod/Regierungsportal/de/sm/Themen/ Kindertagesfoerderung/index.jsp [zuletzt abgerufen am 25.07.2011]
3.
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme. Gütersloh: 2009.
4.
Tröster H, Flender J & Reineke D: DESK 3–6. Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten. Göttingen: Hogrefe 2004.
5.
Franze M, Gottschling A & Hoffmann W: Das Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten (DESK 3–6) als Basis gezielter individueller Förderung in Kindertages-einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern: Erste Ergebnisse des Modellprojekts „Kinder in Kitas (KiK)“ zur Akzeptanz des DESK 3–6 bei Erziehenden. Bundesgesundheitsblatt 2010; 5: 1290–7.
6.
Kliche T, Wittenborn C, Koch U: Was leisten Entwicklungsbeobachtungen in Kitas? Eigenschaften und Verbreitung verfügbarer Instrumente. Praxis Kinderpsychologie & Kinderpsychotherapie 2009; 58: 419–33.
1. Prävalenzraten für das Schuljahr 2009/2010; Angaben des Ministeriums für Soziales und Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern, 2011.
2. Ministerium für Gesundheit und Soziales. http://www.regierungmv.de/cms2/Regierungsportal_ prod/Regierungsportal/de/sm/Themen/ Kindertagesfoerderung/index.jsp [zuletzt abgerufen am 25.07.2011]
3. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme. Gütersloh: 2009.
4. Tröster H, Flender J & Reineke D: DESK 3–6. Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten. Göttingen: Hogrefe 2004.
5. Franze M, Gottschling A & Hoffmann W: Das Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten (DESK 3–6) als Basis gezielter individueller Förderung in Kindertages-einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern: Erste Ergebnisse des Modellprojekts „Kinder in Kitas (KiK)“ zur Akzeptanz des DESK 3–6 bei Erziehenden. Bundesgesundheitsblatt 2010; 5: 1290–7.
6. Kliche T, Wittenborn C, Koch U: Was leisten Entwicklungsbeobachtungen in Kitas? Eigenschaften und Verbreitung verfügbarer Instrumente. Praxis Kinderpsychologie & Kinderpsychotherapie 2009; 58: 419–33.

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