ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2012Teilstudienplätze in der Medizin: Garantien gibt es keine

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Teilstudienplätze in der Medizin: Garantien gibt es keine

Spielberg, Petra

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Mehrere Hundert Medizinstudierende haben in Deutschland lediglich einen Teilstudienplatz. Wann und wo ihr klinischer Studienabschnitt stattfindet, ist ungewiss. Die Chancen auf eine Fortsetzung des Studiums stehen aber nicht schlecht.

Zum Wintersemester 2012/ 2013 will der Medizinstudent Axel Ahlbrecht die erste große Hürde in seinem Studium nehmen: das Physikum. Sollte er es bestehen, könnte er im nächsten Jahr mit den klinischen Semestern beginnen. Könnte! Denn sicher ist sich Ahlbrecht nicht, dass er umgehend weiterstudieren kann. Der 23-Jährige hat aufgrund einer gerichtlichen Klage an der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) Mainz nämlich nur einen Teilstudienplatz bekommen. Das bedeutet, dass er nach dem Physikum automatisch exmatrikuliert wird und sich für die klinischen Semester neu um einen Studienplatz bewerben muss.

Begehrte Plätze: Wer bei der Studienplatzvergabe leer ausgeht, sucht oft Hilfe beim Rechtsanwalt. Foto: dapd
Begehrte Plätze: Wer bei der Studienplatzvergabe leer ausgeht, sucht oft Hilfe beim Rechtsanwalt. Foto: dapd
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Ahlbrecht bemüht sich daher jetzt schon wieder bei der Stiftung für Hochschulzulassungen (ehemals ZVS) um einen Vollstudienplatz. Sein Teilstudium kann er sich dabei grundsätzlich als Wartezeit anrechnen lassen. Nach bestandenem Physikum will er sich dann zusätzlich an alle medizinischen Fakultäten wenden, um einen klinischen Studienplatz zu finden. Das Studium hinschmeißen will er auf keinen Fall, auch wenn er mit einer Wartezeit rechnen muss. „Ich bin völlig offen bei der Studienplatzwahl, und das Handtuch werfen werde ich garantiert nicht“, betont er, „denn Arzt zu werden, ist mein Traum.“

Bettenzahl bestimmt Kapazität im klinischen Abschnitt

Wie Ahlbrecht geht es einigen Hundert Studenten in Deutschland. Sie haben ihren Teilstudienplatz wegen einer unzureichenden Abiturnote entweder eingeklagt oder ihn über Losverfahren durch die Stiftung für Hochschulzulassung erhalten.

An der JGU Mainz beispielsweise sind in jedem vorklinischen Semester circa 25 Studenten mit einem Teilstudienplatz. Auf die gesamte Vorklinik gerechnet macht das circa 100 Studierende, deren Studienplatzgarantie mit dem Physikum endet. In den vergangenen Semestern konnten hier nur sehr wenige Studierende mit Teilstudienplatz in den klinischen Ausbildungsabschnitt übernommen werden. „Das Problem tritt allerdings nicht bei allen Universitäten gleichermaßen auf, sondern nur bei etwa einem Viertel, dort aber teilweise massiv“, sagt der auf das Einklagen von Studienplätzen spezialisierte Rechtsanwalt Dr. Ulrich Mühl von der Kanzlei Rohwedder & Partner in Mainz.

Das gilt zum Beispiel für die Universitäten Göttingen und Marburg. Hier beträgt der Anteil der Teilstudienplatzinhaber in der Vorklinik zwischen 30 und 50 Prozent. „Die Universität Göttingen wurde vor vielen Jahren von der Verwaltungsgerichtsbarkeit zu diesem Vorgehen verpflichtet, da die vorklinische Kapazität deutlich größer ist als die klinische Kapazität“, erklärt Prof. Dr. Johanna Wanka vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Bemühungen, vorklinische Kapazitäten abzubauen, seien von den Verwaltungsgerichten nicht akzeptiert worden.

Wie viele Teilstudienplätze eine Hochschule zur Verfügung stellen muss, ergibt sich aus dem Kapazitätsrecht. Und das wiederum geht zurück auf das sogenannte Numerus-clausus-Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1972. „Nach der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts ist der Staat verpflichtet, in Mangelstudienfächern eine erschöpfende Auslastung der Studienplätze sicherzustellen“, erklärt Mühl. Dadurch komme es jedoch mitunter zu unterschiedlichen Kapazitätsangeboten in den jeweiligen Studienabschnitten.

„Während sich die Kapazitäten nach der Kapazitätsverordnung in der Vorklinik an der Zahl der Lehrkräfte orientiert, bemisst sich die Studienplatzkapazität in den klinischen Semestern an der jährlichen Zahl der tagesbelegten Betten der jeweiligen Unikliniken“, erläutert Mühl. Problematisch ist nach Ansicht des Rechtsexperten, dass bei Letzterem zumeist nur vollstationäre Patienten in die Berechnungen einfließen. „Anders als in den 70er und 80er Jahren werden heute aber auch in den Kliniken immer mehr Patienten ambulant behandelt. Dies wird bisher weder in den Berechnungen noch in der Rechtsprechung ausreichend berücksichtigt. Dadurch können sich die Berechnungsergebnisse für die einzelnen Studienabschnitte – regelmäßig zulasten der Klinik – voneinander entfernen.“

Um auf den Missstand aufmerksam zu machen, hat sich der Allgemeinarzt und Lehrbeauftragte der Universität Mainz, Dr. med. Günter Gerhardt, mit einem Rundbrief an alle zuständigen Landesministerien gewandt. „Ich habe mir erzählen lassen, dass es Studenten gibt, die nach zwei Jahren vergeblichen Wartens – nach dem Physikum wohlbemerkt – das ,Handtuch geworfen‘ haben, und das in einer Zeit, wo wir zumindest in ländlichen Regionen den Ärztemangel beklagen“, schreibt Gerhardt.

Diesen Zusammenhang sehen einige Bundesländer jedoch nicht. „Für Ihre Vermutung, Teilstudienplatzinhaber im Studiengang Medizin könnten dem Ärztemangel in ländlichen Regionen entgegenwirken, wenn sie ihr Studium im klinischen Studienabschnitt nur fortsetzen und schließlich erfolgreich beenden könnten, fehlt jeglicher Anhaltspunkt“, erwidert die niedersächsische Wissenschaftsministerin, Eva Kühne-Hörmann. Auch kann die Ministerin in der Vergabe von Teilstudienplätzen keinen „Missstand“ erkennen.

Anders beurteilt hingegen der Prodekan für Studium und Lehre der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Christian Werner, die Situation: „Für die Teilstudenten ist es ein erbärmlicher Zustand, dass sie nicht wissen, wie es nach dem Physikum weitergehen soll.“ Werner hat sich daher mehrfach mit betroffenen Studenten aus ganz Deutschland und deren Fürsprecher Gerhardt getroffen, um das Thema zu beraten.

Viele Studierende verlieren Zeit, manche die Lust

So kritisieren einige Teilstudienplatzinhaber beispielsweise, dass nicht klar sei, ob sie bei Weiterführung ihres Studiums als Quereinsteiger, Ortswechsler oder Neubewerber gelten. Auch bemängelt eine Studentin, dass diejenigen, die nach bestandenem Physikum auf einen neuen Studienplatz warten müssen, diese Zeit nicht mit einer Famulatur, einem Praktikum oder einer Forschungsarbeit im Labor sinnvoll überbrücken könnten, da hierfür eine Immatrikulation beziehungsweise ein entsprechender Versicherungsschutz notwendig sei. Probleme bereitet den Studenten auch, dass sie zum Teil in Konkurrenz zu Bewerbern treten, die ihr Physikum im Ausland, beispielsweise in Ungarn, absolviert und ihr Zeugnis dort deutlich früher erhalten haben, was ihnen bessere Chancen auf einen Platz garantiert.

An der JGU Mainz will man das Nadelöhr künftig mit Billigung des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministeriums auflösen, indem ab dem Sommersemester 2012 keine Teilstudienplätze im Fach Medizin mehr angeboten werden. „In zwei Jahren wird es das Problem an unserer Universität somit nicht mehr geben“, sagt Werner. Andere Hochschulen, wie die in Köln und Bonn, die Universitäten in Sachsen-Anhalt sowie die Medizinische Fakultät Jena, bieten schon jetzt keine Teilstudienplätze mehr an, nehmen aber Bewerber anderer Universitäten nach bestandenem Physikum bei entsprechend freien Kapazitäten auf. Auch in Bayern wurden in den vergangenen Jahren die Zahl der Teilstudienplätze gezielt zurückgeführt.

Bei der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) ist das Thema inzwischen ebenfalls angekommen. Die KMK geht aber nach den bisherigen Erfahrungen davon aus, dass die Fortsetzung des Medizinstudiums in der Regel möglich ist. „Vor dem Hintergrund, dass es sich bei der Zulassung zum Teilstudium an sich um eine begünstigende Regelung handelt, um den Einstieg in das Medizinstudium ohne unnötigen Zeitverlust zu ermöglichen und damit möglichst viele ihren Berufswunsch verwirklichen können, ein Teilstudium aber von vornherein keine Gewähr auf ein Weiterstudium bietet und dies den Betroffen auch bekannt ist, halten die Länder dies im Rahmen einer Interessenabwägung für angemessen“, sagt der Generalsekretär der KMK, Udo Michallik.

Man werde aber kritisch beobachten, wie sich die Fallzahlen in Zukunft weiterentwickelten, ergänzt Jens Thalau von der Hochschulabteilung der KMK.

Petra Spielberg

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