ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2012Von schräg unten: Patientenbrief

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Patientenbrief

Dtsch Arztebl 2012; 109(8): [60]

Böhmeke, Thomas

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Das Patientenrechtegesetz kommt, und damit kommt, wie bei jeder Novelle und jedem Gesetz, wieder mehr Arbeit auf uns zu. Denn die Ge­sund­heits­mi­nis­ter wollen uns dazu verpflichten, für unsere Schutzbefohlenen einen Patientenbrief in verständlicher Sprache zu schreiben. Das geht völlig in Ordnung, denn, Hand auf den linken Hauptstamm, liebe Kolleginnen und Kollegen, welcher Patient findet das erlittene Drama um Leben und Tod durch NSTEMI bei 3-GE, CPR, RCA-DES anschaulich wiedergegeben? Aber für uns Ärzte ist es eine tagtägliche Übung, den Betroffenen das Geschehene greifbar zu machen, indem wir bildhafte Vergleiche bemühen. So erkläre ich meinem oben erwähnten Patienten, dass es zwar einen kapitalen Motorschaden gab, aber im Krankenhaus die Leitung wieder durchgepustet und ein Flusensieb eingebaut wurde. Nun droht keine Gefahr mehr, denn der Infarkt wurde hinter Gittern gesperrt! Meine Schutzbefohlenen sind damit glücklich; jedenfalls hat sich noch keiner beschwert. Aber reicht das noch? Ich, der approbierte Sachverständige für alles Schräge, muss im Sinne einer ganzheitlichen Prävention auf eine absehbare Kette von Komplikationen hinweisen: Es handelt sich um ein Gesetz. Dieses Gesetz muss, wie es in Deutschland üblich ist, streng kontrolliert werden. Dafür wird eine Aufsichtsbehörde gegründet. In der sitzen unsere Politiker und unsere Bürokraten. Daher müssen wir auch diese mit Redewendungen zufriedenstellen, die sie verstehen.

Im Sinne der Fortbildung auf der letzten Seite will ich nun mit gutem Beispiel vorangehen: „Es wurde brutalstmöglich im Gefäß gestochert!“ Nein, das ist ja furchtbar, jeder Mensch mit Verstand würde seinen Fluchtgedanken nachlaufen. „Der Infarkt kam nicht über die Fünfprozenthürde!“ Das kann ich schon eher anbieten. „Es wurde gestentet, was gestentet gehört!“ Nein, das geht ganz und gar nicht, das ruft wieder diejenigen auf den Plan, die etwas gegen interventionelle Kardiologen haben. „Und ich sage dir: Dein Leben ist sicher!“ Um Himmels willen, so ein haltloses Versprechen kann ich doch niemandem antun, weil strotzend vor Realitätsferne! „In so einem Land, wo der Herzinfarkt verbannt wird, können Sie ruhig weiter leben!“ Das ist gut, das klingt sogar präsidial.

Es kann sein, dass unsere Patienten, wenn sie diese Übersetzung lesen, damit unglücklich sind. Aber hat es die Bürokratie jemals interessiert, ob sie die Patienten glücklich macht?

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Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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