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Unisex-Tarife: Kaum Einsparungen

Osterloh, Falk

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Der Europäische Gerichtshof hat entschieden: Alle privaten Krankenversicherer müssen bis zum Jahresende Tarife anbieten, die für Frauen und Männer gleich teuer sind. Die Versicherer stellt das vor Probleme.

Alles begann vor knapp acht Jahren mit der Richtlinie 2004/ 113/EG der Europäischen Union (EU). Darin heißt es: „Die Mitgliedstaaten tragen dafür Sorge, dass spätestens bei den nach dem 21. Dezember 2007 neu abgeschlossenen Verträgen die Berücksichtigung des Faktors Geschlecht bei der Berechnung von Prämien und Leistungen im Bereich des Versicherungswesens nicht zu unterschiedlichen Prämien und Leistungen führt.“ Dass dennoch bis 2007 keine Unisex-Tarife in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) eingeführt wurden, lag daran, dass diese Vorgabe in derselben Richtlinie wieder aufgehoben wurde. Denn an anderer Stelle hieß es, die Tarife müssten nicht vereinheitlicht werden, „wenn die Berücksichtigung des Geschlechts bei einer auf relevanten und genauen versicherungsmathematischen und statistischen Daten beruhenden Risikobewertung ein bestimmender Faktor ist“.

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Mit dieser Einschränkung war der Europäische Gerichtshof (EuGH) jedoch nicht einverstanden. Denn diese Ausnahmeregelung passe nicht zu dem „Grundprinzip der strikten Gleichbehandlung“, der in der Richtlinie zum Ausdruck komme. Zudem sei der Gleichbehandlungsgrundsatz in der Charta der Grundrechte der EU verbürgt. Und so erklärte der EuGH diesen Passus zum 21. Dezember 2012 für ungültig.

Seit diesem Urteil wird bei den privaten Kran­ken­ver­siche­rungen gerechnet. Welche Auswirkungen hätte ein solcher Unisex-Tarif auf die Prämien? Bislang zahlen junge Frauen höhere Prämien, wenn sie einen Neuvertrag mit einem privaten Krankenversicherer abschließen; junge Männer zahlen weniger. Das liegt daran, dass die Ausgaben für junge Frauen im jährlichen Durchschnitt höher liegen. Genau dies wurde vom EuGH verboten.

Unisex-Tarife führen zu Jojo-Effekt in der PKV

Wenn nun die Prämien für Frauen und Männer gleich hoch sein müssen, wäre zu erwarten, dass die Prämien für junge Frauen sinken. Doch so einfach ist es nicht. Denn die PKV steckt in einem Dilemma: „Nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz dürfen Neukunden keine niedrigeren Prämien bezahlen als Bestandskunden“, erklärte Roland Weber vom Vorstand der Debeka- Versicherungen auf dem MCC-Kassengipfel 2012 Anfang Februar in Berlin. „Also können Bestandskunden in den günstigeren Tarif wechseln.“ Wenn aber viele Bestandskunden in die günstigeren Unisex-Tarife wechselten, seien diese unterkalkuliert, und die Prämien müssten angehoben werden. Auch dies verbiete jedoch das Versicherungsaufsichtsgesetz. Denn dort heißt es, eine Prämienerhöhung sei unzulässig, wenn ein Tarif unzureichend kalkuliert worden sei „und ein ordentlicher und gewissenhafter Aktuar dies hätte erkennen müssen“. Also müsse der Wechsel junger Versicherter in die Unisex-Tarife von vornherein einkalkuliert werden, sagte Weber.

Dadurch lägen die Prämien jedoch praktisch auf dem heutigen Frauenniveau. „Wenn nun die Bestandskundinnen keinen finanziellen Vorteil von einem Tarifwechsel hätten, würde der Wechsel in den Unisex-Tarif ausbleiben, die Tarife wären zu hoch kalkuliert und müssten gesenkt werden“, erklärt Weber. Diese niedrigen Tarife würden dann doch zu einem Bestandswechsel führen und die Prämien müssten wieder deutlich erhöht werden. „Dieser Jojo-Effekt wäre nur zu verhindern, wenn das Tarifwechselrecht zumindest für eine befristete Zeit ausgesetzt oder verändert würde“, sagt der Debeka-Vorstand. Doch dazu sei der Gesetzgeber wohl nicht bereit.

Um aus dem Dilemma zu entkommen, hat die Deutsche Aktuarvereinigung zusammen mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht einen Grundsatz zur Erstkalkulation der Unisex-Prämien erstellt. Demnach werden ein minimaler und ein maximaler Ansatz für die Tarife ermittelt. Zwischen diesen werden die Wechselströme simuliert und auf diese Weise der Jojo-Effekt antizipiert. „Aus aktuarieller Sicht ist dann das höhere, weil sichere Prämienniveau anzusetzen“, so Weber.

Neue Tarife gelten nicht bei Prämienanpassungen

Die neuen Unisex-Tarife kommen immer dann zum Tragen, wenn nach dem 21. Dezember 2012 ein Vertrag abgeschlossen wird, wenn ein Angebot vor diesem Datum abgegeben, aber erst danach angenommen wurde, und wenn PKV und Versicherter nach diesem Datum vertraglich vereinbaren, einen vorher geschlossenen Vertrag, der ansonsten abgelaufen wäre, zu verlängern. Bei Änderungen bestehender Verträge gilt die Unisex-Kalkulation immer dann, wenn sie die Zustimmung beider Parteien erfordert. Bei Prämienanpassungen oder bei einem Abschluss von Zusatz- oder Anschlussversicherungen gilt sie hingegen nicht.

Falk Osterloh

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