ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2012Kongenitale Katarakt: Verzicht auf Kunstlinse schiebt Komplikationen nur auf

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Kongenitale Katarakt: Verzicht auf Kunstlinse schiebt Komplikationen nur auf

Dtsch Arztebl 2012; 109(8): A-374 / B-324 / C-320

Gerste, Ronald D.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Implantation einer Kunstlinse in das Auge eines wegen kongenitaler Katarakt operierten Kleinkindes wird seit langem kontrovers diskutiert. Manche Ophthalmochirurgen haben vor allem im Hinblick auf potenzielle Komplikationen Bedenken, einem wenige Monate alten Baby eine Intraokularlinse (IOL) aus Acrylat oder PMMA anstelle der entfernten, eingetrübten Linse einzusetzen. Diese von der IOL-Implantation verursachten Probleme stellt die Infant Aphakia Treatment Study jenen Komplikationen gegenüber, die bei der alternativen Vorgehensweise auftreten: Das Kind wird aphak (ohne Augenlinse) gelassen, die optische Versorgung erfolgt zunächst mit Kontaktlinsen.

Insgesamt 114 Kinder im Alter von einem Monat bis 6 Monaten wurden wegen unilateraler kongenitaler Katarakt operiert und zwei Gruppen zugeordnet: jener, die mit einer IOL versorgt wurde, und einem zweiten Kollektiv, das aphak gelassen wurde. Nach 12 Monaten Nachbeobachtungszeit wurde das Ausmaß der intra- sowie der postoperativen Komplikationen evaluiert und die Zahl der notwendig gewordenen neuerlichen intraokularen Eingriffe ermittelt.

Intraoperative Komplikationen wurden bei 21 % der Eingriffe mit und bei 11 % der Operationen ohne IOL-Implantation registriert. Das häufigste Ereignis war dabei der Irisprolaps, der leicht zu beheben ist. Negative Folgen des Eingriffs in den folgenden 12 Monaten zeigten 77 % der Augen in der IOL-Gruppe und 25 % der aphaken Augen. Bei den mit einer Kunstlinse versorgten Augen handelte es sich fast immer um ein Problem der optischen Achse, wie der Proliferation von Linsengewebe auf der IOL, Pupillenverziehung und Bildung einer Pupillarmembran. Wirklich schwere, potenziell zu Visusverlust führende Komplikationen wie Netzhautablösung (2 Fälle) und Endophthalmitis (1 Fall) gab es hingegen nur bei den Kleinkindern ohne Linse. Ein Zweiteingriff binnen des ersten postoperativen Jahres war bei 63 % der Kinder mit IOL und bei 13 % der aphaken Kinder notwendig.

Fazit: Die höheren Komplikationsraten bei den mit einer IOL versorgten Kindern scheinen zwar gegen die Implantation in diesem frühen Alter zu sprechen, doch eine nähere Betrachtung der Ergebnisse macht diese Schlussfolgerung keineswegs zwingend, wie die Autoren resümieren. Unter den intraoperativen Ereignissen war nur der Irisprolaps bei IOL-Insertion signifikant häufiger; dieser ist meist leicht zu reponieren.

Dass Kinder mit IOL häufiger erneut operiert werden müssen, liegt fast ausschließlich an den Einschränkungen der optischen Achse. Die Proliferation von Linsengewebe auf der IOL-Oberfläche beispielsweise ist auch beim erwachsenen Kataraktpatienten nicht selten („Nachstar“) und mit dem YAG-Laser leicht zu beheben. Keiner dieser Zweiteingriffe war mit Komplikationen belastet. Der vielleicht wichtigste Gesichtspunkt: Die meisten aphaken Patienten – oder deren Eltern – werden sich später für eine Sekundärimplantation entscheiden, um der Unbequemlichkeit des Kontaktlinsentragens und -pflegens zu entgehen. Dann wird mit vergleichbaren, vielleicht sogar mehr Komplikationen zu rechnen sein als bei einer Erstversorgung des Kindes mit einer Intraokularlinse, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt. Die Autoren halten die Primärimplantation einer IOL daher für eine sinnvolle Option.

Dr. med. Ronald D. Gerste

Plager DA, Lynn MJ, et al.: Complications, adverse events, and additional intraocular surgery 1 year after cataract surgery in the infant aphakia treatment study. Ophthalmology 2011; 118: 2330–34. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema