KULTUR

Himmlers Heiler: Fingierter Lebenslauf

Dtsch Arztebl 2012; 109(9): A-436 / B-376 / C-372

Gerst, Thomas

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Vertrauter Umgang mit Heinrich Himmler (rechts), der die heilenden Hände von Felix Kersten (Mitte) nicht mehr missen wollte. Foto: Süddeutsche Zeitung Photo – Scherl
Vertrauter Umgang mit Heinrich Himmler (rechts), der die heilenden Hände von Felix Kersten (Mitte) nicht mehr missen wollte. Foto: Süddeutsche Zeitung Photo – Scherl

Felix Kersten (1898–1960) legte nach 1945 gefälschte Dokumente über angebliche Rettungstaten in der NS-Zeit vor. Er hatte 1919 als Freikorps-Leutnant einen Mord begangen und musste untertauchen.

Der Name Felix Kersten wird den meisten heute nicht mehr bekannt sein. Als Masseur und Heiler hatte er in den 1920er Jahren in Berlin eine gut gehende Praxis. Zu seinen prominenten Patienten gehörte der ehemalige Herzog von Mecklenburg. Auf dessen Empfehlung kam er an den niederländischen Königshof und wurde dort zum ständigen gesundheitlichen Betreuer und Berater der königlichen Familie. Auf Vermittlung eines prominenten Patienten traf er 1939 auf den Reichsführer SS Heinrich Himmler, der an chronischen Magenkrämpfen litt. Kersten hatte Erfolg mit seiner Therapie; Himmler wollte ihn nicht mehr missen.

Kersten wurde nicht nur Himmlers ständiger Therapeut und „Leibarzt“, sondern auch sein Vertrauter. Aus dieser Position heraus habe er – so behauptete Kersten nach dem Krieg – 1941 verhindert, dass Millionen Niederländer nach Ostpolen deportiert wurden. 1950 erhielt er dafür die höchste Auszeichnung der Niederlande, den Oranien-Nassau-Orden. Später wurde offenbar, dass die als Beleg für seine Rettungsaktion vorgelegten Dokumente Fälschungen waren, ebenso wie ein kompromittierendes Schreiben des Grafen Bernadotte an Himmler, mit dem sich Kersten die schwedische Staatsbürgerschaft erschlich. Zehntausende Juden will er zudem kurz vor Kriegsende gerettet haben – das bescheinigte ihm der Jüdische Weltkongress 1945.

In den Lebenserinnerungen seines Vaters stieß Dr. med. Werner Neuß, ehemals Chirurg an den Kreiskliniken Biberach, auf einen Hinweis zu Kersten, der für ihn den Anstoß zu einer mehrjährigen Recherche gab. Sein Vater schreibt dort über seinen Jugendfreund Felix Huberti: Dieser wurde „später eine ebenso merkwürdige wie dubiose, genauer: zwielichtige Existenz. Er ist, so vermute ich, nach der Flucht aus Deutschland – er ist der Mörder des hallischen Kommunisten Kurt Meseberg – seinem Wunsch gemäß Arzt geworden. Und ich vermute weiter in der Person des Leibarztes von Heinrich Himmler eben Felix Kersten“.

Neuß begann auf dieser Grundlage mit seinen biografischen Recherchen zu Felix Kersten. Diese bestätigten die Darlegungen seines Vaters. Ein Felix Huberti war 1919 Leutnant eines Freikorps; im März 1919 erschoss er den Vorsitzenden des hallischen Soldatenrates, Karl Meseberg, und musste schleunigst verschwinden. Er wurde nach Estland geschickt, wo noch ein deutsches Expeditionskorps kämpfte. Hier übernahm er die Identität eines getöteten jungen Baltendeutschen namens Edvard Alexander Felix Kersten. Vermutlich genoss Kersten nach seiner Rückkehr nach Deutschland die Protektion rechtsradikaler Netzwerke. Spätere Förderer, von denen einer ihn bei Himmler einführte, gehörten dem „Freundeskreis Reichsführer SS“ an.

Neuß findet überzeugende Belege für diese Geschehnisse. Er beschränkt sich aber nicht darauf, die wahre Identität des Felix Kersten zu enttarnen, sondern belegt zudem, wie kunstvoll sich dieser nach Ende des Tausendjährigen Reiches seine Biografie zurechtgebastelt hat, um sich der Justiz der Siegermächte zu entziehen und unverdiente Anerkennung zu erlangen.

Thomas Gerst

Werner Neuß: Menschenfreund und Mörder. Himmlers Leibarzt Felix Kersten. Die Lösung eines Rätsels. Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2010, gebunden, 150 Seiten, 14,50 Euro

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