ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2012Mutterschutz: Zeitgemäße Auslegung

POLITIK

Mutterschutz: Zeitgemäße Auslegung

Dtsch Arztebl 2012; 109(9): A-402 / B-348 / C-344

Osterloh, Falk

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Die Ärzteschaft setzt sich seit langem dafür ein, dass schwangere Ärztinnen während ihrer Weiterbildung nicht benachteiligt werden. Geschehen ist bis heute nichts – doch das soll sich bald ändern.

Vor knapp zwölf Jahren hatte der damals neu gewählte Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, einen Brief an den damaligen Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) geschrieben. Darin bat er den Minister, sich für eine zeitgemäße Auslegung der Mutterschutzrichtlinien einzusetzen, da diese unangemessen restriktiv gehandhabt würden.

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Seither hat sich die Ärzteschaft, allen voran der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB), beständig für eine Lockerung dieser Richtlinien eingesetzt. Die bisherige Reaktion des Gesetzgebers fasst DÄB-Präsidentin Dr. med. Regine Rapp-Engels mit den Worten des Soziologen Ulrich Beck zusammen: „Große verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre.“ Rapp-Engels stört insbesondere, dass eine enge Auslegung der geltenden Regelungen zu einem weitgehenden Tätigkeitsverbot für schwangere Ärztinnen führe – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die berufliche Aus- und Weiterbildung. „Das Ergebnis kann sein, dass Ärztinnen ihre Schwangerschaft lange nicht mitteilen und sich selbst um ihren Schutz kümmern müssen“, kritisiert die DÄB-Präsidentin.

Ziel müsse es sein, erklärt die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Marburger Bundes, Dr. med. Magdalena Benemann, die Mutterschutzrichtlinien und die daraus abgeleiteten Leitfäden an die modernen Erkenntnisse hinsichtlich der Gefahrengeneigtheit bestimmter Tätigkeiten und Tätigkeitsorte anzupassen. „Ein generelles OP-Verbot war in Zeiten austretender Narkosegase sicher gerechtfertigt“, sagt Benemann. Heute böten geschlossene, effiziente Absaugsysteme und intravenöse Anästhesien eine größere Sicherheit. Ähnliches gelte bei der Blutabnahme sowie bei bestimmten Hygiene- und Isolierungsmaßnahmen.

Vorschnelles OP-Verbot

Nach den geltenden Mutterschutzregelungen ist der Arbeitgeber verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung für den jeweiligen Arbeitsplatz zu erstellen, erklärt ein Sprecher des für den Mutterschutz zuständigen Bundesfamilienministeriums. Ist die Gesundheit einer schwangeren Ärztin gefährdet, müsse der Arbeitgeber die Umgestaltung der Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten und einen Wechsel des Arbeitsplatzes prüfen. Erst wenn all dies nicht möglich sei, müsse der Arbeitgeber ein Beschäftigungsverbot aussprechen. Erkenntnisse aus der Praxis belegten jedoch, so der Ministeriumssprecher, dass viele Arbeitgeber vorschnell ein Beschäftigungsverbot aussprächen, ohne zuvor die Möglichkeit einer Umgestaltung des Arbeitsplatzes, einen Arbeitsplatzwechsel oder Beschäftigungsbeschränkungen geprüft zu haben. Dazu passen die Ergebnisse einer Umfrage des DÄB aus dem Jahr 2005. Danach wurde 45 Prozent der schwangeren Ärztinnen mit Hinweis auf das Mutterschutzgesetz ein OP-Verbot erteilt.

Ambivalente Erfahrungen hat Melanie Kremer* (32) gemacht. Sie hat ihre Arbeitgeber über ihre Schwangerschaften informiert. Kremer befindet sich in der Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin. Bei ihrer ersten Schwangerschaft arbeitete sie in einer Klinik für Innere Medizin. „Ich hatte das Glück, eine verständnisvolle Chefin zu haben“, sagt sie. „Mir wurde ein Ruheraum zur Verfügung gestellt, und ich musste keine Nacht- und Bereitschaftsdienste machen.“ Bei ihren jungen Kollegen habe dies jedoch zu Stirnrunzeln geführt.

Regelmäßige Vorwehen

Den Ruheraum hat sie nicht genutzt. Sie wollte sich nicht auszuruhen, während die Kollegen ihre Arbeit hätten übernehmen müssen. „Wenn eine Ärztin schwanger ist, fällt umso deutlicher auf, dass sowieso schon zu wenige Ärzte zu viel Arbeit bewältigen“, betont Kremer. Das mache es einer Schwangeren im Team nicht gerade leicht.

Trotz ihrer Schwangerschaft hat Kremer viel gearbeitet. Die Folge waren regelmäßige Vorwehen und Bauchverhärtungen. „Wie viele andere schwangere Ärztinnen habe ich meinem Körper wohl zu viel zugemutet und meinen körperlichen Bedürfnissen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, sagt sie heute. Ab dem sechsten Schwangerschaftsmonat wurde sie krankgeschrieben.

Seit langem besteht Konsens darüber, dass etwas geändert werden muss. Ziel ist es, die Gesundheit schwangerer Ärztinnen zu schützen, ohne sie beruflich zu benachteiligen. Doch ein Konzept, wie die Mutterschutzregelungen zeitgemäß ausgestaltet werden können, hat der Gesetzgeber bislang nicht gefunden. Das soll sich aber bald ändern. Denn das Familienministerium plane eine Reform des Mutterschutzgesetzes, erklärte der Ministeriumssprecher – voraussichtlich noch in dieser Legislaturperiode.

Falk Osterloh

*Name von der Redaktion geändert

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Irobri
am Donnerstag, 29. März 2012, 12:28

Ein Schritt in die richtige Richtung!

Schwanger sein heißt nicht krank sein!
Drei mal war ich in meiner Berufstätigkeit als Anästhesistin schwanger und habe die wechselnden Mutterschutzregelungen als Idiotie erlebt! 1994 durfte ich keine Gasnarkosen machen, konnte dafür aber meinen Regionalanästhesie-Katalog vervollständigen, 1998 durfte ich nicht einmal eine Flexüle legen, da ich mich hätte stechen können. Dafür waren Sevofluran- und Desfluran-Narkosen angeblich möglich, da es für die neuen volatilen Anästhetika noch keine Grenzwerte gab. IV-Narkosen waren meinem Arbeitgeber (einer Uni!) zu teuer.... Die Berufsgenossenschaft verbannte mich an den Statistik-Computer!
Das dritte Mal, 2002, sagte meine Chefin: Sie kennen sich selbst am besten aus, sagen Sie, was Sie sich zutrauen und was Sie nicht machen wollen! Und viele Kollegen dachten sehr lieb für mich mit, wenn ein resistenter Keim beim Patienten bekannt war oder ähnliches!
DAS muss der Königsweg für schwangere Kolleginnen sein: Information, Mitdenken, Entlasten, wo sie es braucht, aber keine starren Regeln, die nur die Entschädigungsansprüche abwehren wollen, falls ein beeinträchtigtes Kind zur Welt kommt - und das kommt mit und ohne Berufstätigkeit immer wieder vor und lässt sich mit allen 200%igen Regelungen nicht ausschließen!
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