ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1998Multiple Chemical Sensitivity Schädigung durch Chemikalien oder Nozeboeffekt: Synergistische Wirkung erwägen

MEDIZIN: Diskussion

Multiple Chemical Sensitivity Schädigung durch Chemikalien oder Nozeboeffekt: Synergistische Wirkung erwägen

Dtsch Arztebl 1998; 95(28-29): A-1798 / B-1449 / C-1325

Halama, Peter

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Karl Walter Bock, Prof. Dr. phil. Niels Birbaumer in Heft 3/1998
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LNSLNS Die Arbeit ist rein theoretisch und akzentuiert beim MCS den sogenannten "Nozeboeffekt". Beim Plazeboeffekt glaubt der Proband/Patient, wenn er eine Tablette erhält, daß diese ihm hilft. Im Gegensatz dazu weiß der Noxengeschädigte zunächst nicht, warum er seine Beschwerden hat. Es könnte sich ein Nozeboeffekt erst sekundär einstellen. Wichtig ist die Ursachenklärung! Dazu empfiehlt sich eine exakte Anamneseerhebung bezüglich der Chronologie der Symptome und gemessenen Parameter, beispielsweise ob die Symptome psychosomatisch oder somato-psychisch sind. Nach meiner zehn Jahre langen Erfahrung mit Umweltgeschädigten gibt es auch Patienten, die dem Bereich "sowohl als auch" zuzuordnen sind. Welche praktischen Erfahrungen haben die Autoren im Rahmen der Verhaltenstherapie mit sogenannten MCS-Kranken oder mit "Pseudo-MCSKranken" oder Kranken, die sowohl psycho-somatisch als auch somato-psychisch erkrankt sind?
Noch besser als die Verhaltenstherapie wird sicherlich die Hypnosetherapie helfen, das MCS-Syndrom besser verstehen zu können (zum Beispiel Suggestibilität, Ängstlichkeit und anderes des Patienten beziehungsweise Geruchs- oder Geschmackskonditionierung). Ähnlich wie beim MCS-Syndrom werden bei der Hypnose sehr viele Organsysteme simultan beeinflußt.
Nach eigenen Erfahrungen verschlimmern psychoanalytisch-tiefenpsychologisch orientierte Therapien den gesamten Zustand des Patienten. Letztlich muß jeder "Fall" individuell therapiert werden, wobei Werte für maximale Arbeitsplatzkonzentrationen und für maximale Immissionskonzentrationen relativ wenig helfen, zumal es an festen toxikologischen Daten fehlt. Eine Aussage zu möglichen Kombinationswirkungen wäre daher nur aus theoretischen Überlegungen abzuleiten. Synergistische (überadditive) Wirkungen sind bei Gemischen von Xenobiotika, die lipophile Stoffe neben hydrophilen Stoffen enthalten, zu erwarten. Dabei kann nicht nur die Wirkung bereits toxischer Konzentrationen eines im Stoffgemisch enthaltenen Stoffes verstärkt werden. Ein Stoffgemisch kann auch dann bereits toxisch wirken, wenn die Konzentrationen der einzelnen enthaltenen Stoffe unterhalb ihrer jeweiligen Wirkschwelle (NOEC) liegen. Dies bedeutet, daß bei Expositionen gegenüber Stoffgemischen bereits weit unterhalb der Wirkschwelle der Einzelsubstanzen mit gesundheitlichen Schädigungen gerechnet werden muß, wenn synergistische Effekte zum Tragen kommen. Die tolerable Dosis von Stoffgemischen kann daher nicht ausschließlich an den Wirkschwellen der Einzelsubstanzen beurteilt werden.
Auch müßte überlegt werden, ob eine - wie bei der Verhaltenstherapie üblich - anhaltende Konfrontation mit vermeintlichen Noxen einen Kunstfehler oder eine Körperverletzung darstellen kann.


Dr. med. Peter Halama
Berner Heerweg 175
22159 Hamburg


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