ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2012Psychotherapie: Äpfel mit Birnen verglichen
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In ihrem Gutachten zu Formen und Effizienz der ambulanten psychotherapeutisch/psychosomatischen Versorgung vergleicht die KBV Äpfel mit Birnen, wenn „die psychiatrische Basisversorgung“, die „eine größere Patientenzahl bei geringerem zeitlichen Umfang“ seitens der Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie und der Nervenärzte leistet, mit der Arbeit Psychologischer Psychotherapeuten und der Ärzte mit Zusatztitel Psychotherapie/Psychoanalyse rein fallzahlbezogen aufgerechnet wird und suggeriert wird, dass letztere Gruppe zu wenig Patienten versorgt. Letztere haben schließlich nach dem Facharzt oder Psychologie-Diplom noch eine weitere jahrelange spezifische Zusatzausbildung absolviert, die sie – im Unterschied zur erstgenannten Gruppe – überhaupt dazu berechtigt, psychotherapeutische Langzeitbehandlungen durchzuführen. Damit behandeln sie dann natürlich auch weniger Patienten, nämlich diejenigen, für die diese spezielle Indikation vorliegt.

Wenn Herr Dr. Köhler . . . in den Raum stellt: „Nicht jeder Patient benötige gleich eine langfristige Psychotherapie“, dann wird damit unterstellt, Psychologische Psychotherapeuten und Ärzte mit Zusatztitel Psychotherapie/Psychoanalyse seien nicht imstande oder willens, eine gebotene Indikation für „niedrigschwellige Therapieangebote in der spezialisierten fachärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung“ zu stellen. Auch den Gutachtern, die jede einzelne Langzeit-Psychotherapie überprüft haben, gälte dieser Vorwurf. Wenn in diesem Zusammenhang von Dr. Köhler noch unterstellt wird, „die bessere finanzielle Ausstattung der antragspflichtigen Richtlinien (82 Euro pro Therapiestunde) könne leicht zu Fehlanreizen führen“, ist das nicht nur diffamierend, sondern prinzipiell unlogisch – denn für Kurzzeit-Psychotherapie gilt dasselbe Honorar. Bei einer Wartezeit von mehreren Monaten auf einen Psychotherapieplatz und gleichem Honorar kann eine unsachgemäße persönliche Vorliebe der Behandler für Langzeit-Psychotherapie nicht ausschlaggebend sein . . .

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Herr Dr. Köhler geht aber in seinem nivellierenden Vorgehen noch weiter, wenn er meint: „Nach 40 Jahren Richtlinienpsychotherapie muss es gestattet sein zu hinterfragen, ob die verankerten Säulen der Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie mit den vorgesehenen Kontingenten noch zeitgemäß sind.“ Verhaltenstherapie und Psychoanalyse beruhen auf fundamental verschiedener wissenschaftlicher Begründung und darauf aufbauender Behandlungstechnik und werden sich durch das Verstreichen einiger Jahrzehnte genauso wenig gleich wie Äpfel und Birnen im Verlauf einiger Jahrtausende. Daraus eine Chimäre bilden zu wollen, wäre ein unsinniger Verlust von begründeter Differenzierung.

Der Tenor ist klar: Gesucht wird ein nivelliertes Berufsbild Psychotherapeut, der nur noch die dringendste Symptombehandlung vornehmen soll, während Studien zur Wirksamkeit und langfristigen Kosteneinsparung durch eine gründliche psychotherapeutische Behandlung, die strukturelle Veränderungen ermöglicht, beharrlich ignoriert werden, weil sie nicht ins Bild angestrebter kurzfristiger Kosteneinsparung durch Teil- oder Scheinlösungen passen. Patienten mit komplizierten Krankheitsbildern würden dabei in ihrem persönlichen Leid im Stich gelassen.

Dipl.-Psych. Cornelia Puk, Psychoanalytikerin und Kinderanalytikerin (DPV, IPA),
71083 Herrenberg

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