ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2012Sexuelle Übergriffe in der Therapie: Opfer brauchen unkomplizierte Hilfe

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Sexuelle Übergriffe in der Therapie: Opfer brauchen unkomplizierte Hilfe

Dtsch Arztebl 2012; 109(10): A-470 / B-404 / C-400

Meißner, Marc

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Sexuelle Grenzüberschreitungen im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung sind immer noch ein Tabuthema. Vor allem für betroffene Patienten fehlen oft niedrigschwellige Angebote, um einen Übergriff zu melden.

Frau Schmidt trägt bei ihrer heutigen Therapiesitzung ein Abendkleid. Normalerweise kleidet sie sich eher schlicht, aber im Anschluss an diese Sitzung ist sie noch auf ein Fest eingeladen. Ihr Therapeut macht ihr am Ende der Sitzung ein Kompliment: „Das Kleid steht Ihnen gut. Das können Sie gerne öfter tragen.“

Beziehungen zwischen Therapeut und Patient – selbst nach einer erfolgreichen Therapie sollten Therapeuten länger keinen privaten Kontakt zu einem ehemaligen Patienten suchen. Foto: Fotolia
Beziehungen zwischen Therapeut und Patient – selbst nach einer erfolgreichen Therapie sollten Therapeuten länger keinen privaten Kontakt zu einem ehemaligen Patienten suchen. Foto: Fotolia
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Hat der Therapeut hier schon eine Grenze überschritten? Oder erst, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt? „Das hängt ganz von der Patientin ab“, befand Monika Holzbecher auf einer Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) zum Thema „Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung“, die Ende November in Hannover stattfand. Die Diplom-Psychologin ist Mitglied des Ethikausschusses der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächstherapie. „Manche Patientinnen reagieren auf ein solches Kompliment hoch verstört“, weiß Holzbecher. Sie bekämen das Gefühl, den Bedürfnissen des Therapeuten entsprechen zu müssen, und versuchten, sich bei künftigen Sitzungen entsprechend zu kleiden. Solche Patientinnen empfänden bei einem solchen Kompliment oft, dass ihr Aussehen über ihre Persönlichkeit gestellt werde, und werteten dies als Vertrauensbruch, wie die Diplom-Psychologin erklärte. „Dies kann dazu führen, dass die ganze Therapie wertlos wird.“

Wann genau der Therapeut eine Grenze überschreitet und wann noch nicht, ist jedoch schwer zu definieren. „Das hängt stark vom subjektiven Erleben der Patienten ab“, sagte Holzbecher. „Es kann sein, dass eine Bemerkung von einem Patienten positiv aufgenommen wird, während ein anderer entsetzt darauf reagiert.“

Selbst wenn es zum sexuellen Kontakt zwischen Therapeut und Patient käme, sei es oft schwierig, gleich von Missbrauch zu reden, stellte Monika Bormann, Mitglied der DGVT-Fachgruppe Frauen in der psychosozialen Versorgung, fest. „Schließlich handelt es sich um zwei Erwachsene, die eine Beziehung eingehen, und die Frauen sind weder hilflos noch unselbstständig“, erklärte sie. „Trotzdem sagen wir, es ist Missbrauch, wenn ein Therapeut eine sexuelle Beziehung mit einer Patientin eingeht.“ Bei einer psychotherapeutischen Behandlung besteht eine besondere Abhängigkeit des Patienten vom Therapeuten. Während der Patient sich öffnet, gibt der Therapeut nur sehr kontrolliert Dinge von sich preis. „Deshalb kann man sagen, dass der Patient nicht die gleichen Voraussetzungen hatte, sich für oder gegen eine Beziehung mit dem Therapeuten zu entscheiden. Das ist eine andere Situation, als wenn sie sich auf einer Party kennengelernt hätten“, stellte Bormann klar.

Grenzverletzungen in der Psychotherapie sind besonders schwerwiegend, denn während der Therapie lässt ein Patient Hemmungen und Schutzmechanismen fallen, die er in einer Beziehung zu anderen Menschen aufrechterhalten würde. Die dadurch entstehende Abhängigkeit vom Therapeuten endet nicht, wenn die Behandlung erfolgreich abgeschlossen wurde. Deshalb sehen viele Kammern und Verbände eine sogenannte Abstinenz im Anschluss an eine Therapie vor. Das heißt, der Therapeut sollte keinen persönlichen Kontakt zu ehemaligen Patienten haben. Die Meinungen, wie lange die Abstinenz dauern sollte, gehen jedoch weit auseinander. „Die eine extreme Position ist, dass mit der beendeten Therapie der Patient geheilt und damit das Verhältnis zum Therapeuten auch wieder gleichberechtigt ist“, erläuterte Bormann. „Einige Schulen vertreten hingegen die Meinung, dass sich die Abhängigkeit nie ganz auflösen wird, und empfehlen deshalb eine lebenslange Abstinenz.“

BPtK sieht mindestens ein Jahr Abstinenz vor

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hat sich in ihrer (Muster)-Berufsordnung für einen Mittelweg entschieden: Sie sieht vor, dass mindestens ein Jahr vergangen sein muss, bevor private Kontakte mit ehemaligen Patienten aufgenommen werden dürfen. Im Strafgesetz werden seit 1998 sexuelle Grenzüberschreitungen in der Therapie geahndet (§ 174 c Strafgesetzbuch) und mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft – allerdings nur, wenn der Patient noch in Behandlung ist. Eine Abstinenz danach sieht das Gesetz nicht vor.

Durch die Einführung dieses Paragrafen sei trotzdem viel bewegt worden, stellte Dr. Giulietta Tibone fest. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie. „Obwohl Begriffe wie Abstinenz bekannt waren, wurde in der Ausbildung und in den Fachgesprächen die sexuelle Grenzüberschreitung nicht thematisiert. Es war ein Tabuthema.“ Beschwerden hätte es nur wenige gegeben, vor allem, weil es keine Stellen gab, denen ein solcher Übergriff hätte gemeldet werden können, erinnerte Tibone. Mit der Aufnahme ins Strafgesetzbuch fingen auch die Fachverbände und Psychotherapeutenkammern an, entsprechende Regelungen in ihre Satzungen beziehungsweise Berufsordnungen aufzunehmen. Auch wurden erstmals Beschwerdestellen eingerichtet und Verfahren entwickelt, wie bei Vorwürfen vorzugehen ist.

Ein eher ernüchterndes Fazit zog hingegen Dr. med. Andrea Schleu, Fachverband für Eye-Movement Desensitization and Reprocessing: „Trotz des Gesetzes hat sich wenig geändert.“ Studien zufolge gebe es circa 600 Grenzüberschreitungen pro Jahr. „Jedoch weniger als ein Prozent der Patienten kann seine Rechte geltend machen“, beklagte sie.

Dies liege vor allem an fehlenden Beratungsangeboten für die Betroffenen. „Man braucht unabhängige, niedrigschwellige, professionelle Stellen, an die sich die Patienten anonym und kostenlos wenden können.“ Gerade niedrigschwellige Angebote seien jedoch ein Problem: Da es sich um einen Straftatbestand handelt, wird fast immer eine schriftliche Beschwerde verlangt. Sprechen falle den meisten Betroffenen jedoch leichter, erklärte Schleu: „Allein die Aufforderung, die Beschwerde schriftlich einzureichen, führt oft dazu, dass die Patienten aufgeben.“

Beratungsstellen müssen der Schweigepflicht unterliegen

Wichtig sei auch, dass die Beratungsstellen der Schweigepflicht unterliegen. „Für die Patienten besteht sonst nicht nur die Gefahr einer Verleumdungsklage“, erklärte Schleu. „Es kann auch passieren, dass sie ungewollt in ein juristisches Verfahren hineingezogen werden.“ Denn sexuelle Grenzüberschreitungen durch einen Therapeuten sind ein Offizialdelikt. Das heißt: Auch wenn der Betroffene keine Anzeige erstattet, wird das Vergehen weiterverfolgt und entsprechend ermittelt.

Für die Opfer kann dies bedeuten, dass sie unter Strafandrohung gezwungen werden, ihrem Therapeuten in einem Gerichtsverfahren als Zeugen gegenüberzutreten, selbst wenn sie auf eine Strafverfolgung verzichtet haben. „Für den Patienten besteht dabei allein durch die Befragung des Verteidigers ein hohes Retraumatisierungsrisiko“, warnte die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin.

Die Opfer können sich meist erst nach einer Folgebehandlung aktiv für ihre Rechte einsetzen. Das Problem dabei: Bis diese erfolgreich abgeschlossen ist, sind die Verjährungsfristen für eine straf- oder zivilrechtliche Verfolgung meist abgelaufen. „Die Schäden durch die Übergriffe sind für die Patienten sehr viel schwerwiegender, als bei der Gesetzgebung angenommen wurde“, stellte Schleu fest. Die Zeiten müssten verlängert oder im Vorfeld juristische Vereinbarungen getroffen werden, die den Abschluss einer Nachbehandlung ermöglichen. „Das setzt aber einen geständigen Therapeuten voraus“, ergänzte Schleu.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

Resolution

Die Teilnehmer der DGVT-Fachtagung „Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung“ haben eine Resolution mit mehreren Forderungen verabschiedet, um Missbrauch im Rahmen von psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlungen zu vermeiden und die Situation der Opfer zu verbessern. Die wichtigsten Punkte:

  • Verbände, Ausbildungsinstitute und Kliniken müssen verstärkt auf eine professionelle therapeutische Beziehung zwischen Behandler und Patient achten und Fehlverhalten angemessen sanktionieren. Vertrauliche Beratungsangebote für Täter und Opfer sind dazu notwendig.
  • Die Themen Erotik in der Psychotherapie, Grenzverletzungen und sexuelle Übergriffe müssen fester Bestandteil aller Psychologie-Curricula werden. Dabei sollte der Beratung und Nachfolgebehandlung von Opfern besonderer Raum eingeräumt werden.
  • Niedrigschwellige, professionelle und kostenlose Beratungsmöglichkeiten und Nachbehandlungsangebote müssen ausgebaut und unterstützt werden.
  • In der Regel sind betroffene Patienten erst im Anschluss an eine Nachfolgepsychotherapie in der Lage, juristisch ihre Ansprüche geltend zu machen. Deshalb müssen die Verjährungsfristen bei sexuellen Grenzverletzungen entsprechend verlängert werden.

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