ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2012Weiterbildung Allgemeinmedizin: Verbünde schaffen eine neue Weiterbildungskultur

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Weiterbildung Allgemeinmedizin: Verbünde schaffen eine neue Weiterbildungskultur

Dtsch Arztebl 2012; 109(10): A-464 / B-400 / C-396

Korzilius, Heike

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Hausärzte werden zur Mangelware. Die Weiterbildung aus einer Hand, ohne mühsame Stellensuche und Ortswechsel, soll das Fach für den Nachwuchs attraktiver machen. Die Verbundweiterbildung an der Universität Heidelberg ist für viele ein Vorbild.

Für Dr. med. Celia Richter stand von Anfang an fest, dass sie Hausärztin werden will. „Ich bin sozusagen in der Allgemeinarztpraxis aufgewachsen und fand die Arbeit immer schon total spannend“, sagt die 27-Jährige. Man könne als Hausarzt vom Kleinkind bis zum alten Menschen die unterschiedlichsten Patienten betreuen: „Eigentlich ist dort nichts alltäglich.“ Außerdem schätzt sie das Soziale am Beruf, dass man zuweilen auch ein bisschen Lebenshilfe leistet.

Richter hat im Januar 2010 ihre allgemeinmedizinische Weiterbildung begonnen. Zurzeit hat sie eine halbe Stelle in einer kleinen Belegarztklinik hauptsächlich für Chirurgie und Schmerztherapie. Die andere Hälfte der Zeit arbeitet sie an der Abteilung für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Göttingen. In dieser Funktion nimmt Richter auch am 28. Februar an einer Fachtagung der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg teil. Thema ist das dort entwickelte Konzept der Verbundweiterbildung plus, das vielen inzwischen als Vorbild dient.

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Weiterbildung darf kein Zufallsprodukt sein

Seit 2007 unterstützt und koordiniert das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin (www.weiterbildung-allgemeinmedizin.de) von Heidelberg aus den Aufbau regionaler Weiterbildungsverbünde, die Krankenhäuser und Praxen in ganz Baden-Württemberg miteinander vernetzen. Dem Kompetenzzentrum gehören die fünf baden-württembergischen Lehrbereiche für Allgemeinmedizin an – neben Heidelberg sind das Freiburg, Mannheim, Tübingen und Ulm.

Für die angehenden Hausärzte bedeutet die Verbundweiterbildung, dass sie ihre gesamte Weiterbildung nach einem festen Rotationsplan in einer Region absolvieren können – ohne mühsame Stellensuche, ohne Phasen der Arbeitslosigkeit und ohne größere Ortswechsel. Flankiert wird die Weiterbildung durch gemeinsame Schulungstage und Mentoren-Programme. Auch die Weiterbilder profitieren vom Verbund. Sie erhalten nicht nur Unterstützung bei organisatorischen Fragen, sondern können sich auch in sogenannten Train-the-Trainer-Kursen didaktisch fortbilden. „Wir haben es geschafft, eine völlig neue Weiterbildungskultur zu entwickeln“, sagt Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin an der Universität Heidelberg und Initiator der Verbundweiterbildung plus. „Wir wollen durch Verlässlichkeit und eine hohe Qualität der Weiterbildung die Attraktivität des Fachs steigern.“ Weiterbildung dürfe nicht länger ein „Zufallsprodukt“ sein. 217 Ärztinnen und Ärzte nehmen Szecsenyi zufolge derzeit an dem Programm teil. Ziel sei eine Ausweitung auf bis zu 400 Teilnehmer.

Die Verbundweiterbildung plus als Blaupause für Göttingen? Celia Richter verspricht sich viel von einer Weiterbildung, die besser strukturiert und auf den hausärztlichen Bedarf abgestimmt ist. „Bei den Kollegen und Chefs ist man oft ,nur’ die Allgemeinmedizinerin, die nicht richtig ernst genommen wird und manches auch nicht machen darf. Ganz spezielle Dinge will man ja vielleicht auch gar nicht lernen, weil man sie im hausärztlichen Alltag ohnehin nicht braucht.“ Aber: Zurzeit stecke hinter solchem Vorgehen kaum jemals ein Konzept. „Hier wäre ein Curriculum, wie es die Heidelberger gerade entwickeln, sehr hilfreich“, meint Richter. Einen hohen Stellenwert räumt sie auch dem „Train the Trainer“-Konzept ein. Es sei wichtig, dass die Befugten ihre Rolle als Weiterbilder ernst nähmen und die Assistenten nicht primär als diejenigen ansähen, die die Arbeit wegschafften, damit sie selbst Zeit zum Forschen hätten. Wichtig ist der angehenden Hausärztin auch die Planungssicherheit, die eine Weiterbildung im Verbund verspricht. „Man muss sich dann nicht alle drei Monate einen neuen Job suchen – samt Einarbeitungszeit, Urlaubssperre und sämtlichem organisatorischem Tamtam.“

Anschlussprobleme bei der Stellensuche, Unterbrechungen, Teilzeittätigkeit – eine Umfrage im Bereich der Ärztekammer Westfalen-Lippe habe ergeben, dass die durchschnittliche Weiterbildungszeit in der Allgemeinmedizin 9,5 Jahre dauere, sagte Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach bei der Tagung in Heidelberg. „Das ist viel länger als nötig“, so der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Um hier Abhilfe zu schaffen, brauche die allgemeinmedizinische Weiterbildung sichere Rahmenbedingungen, eine bessere Struktur und ein klares Konzept. „Leider sind wir in Hessen noch nicht so weit wie in Baden-Württemberg“, erklärte Gerlach. Aber der Boden sei bereitet. Inzwischen haben Universität, Krankenhausgesellschaft und Lan­des­ärz­te­kam­mer auch dort eine Koordinierungsstelle zur Förderung von Weiterbildungsverbünden und ein Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin eingerichtet.

Denn: „Die Bedeutung des Generalisten steigt“, ist Gerlach überzeugt. Angesichts des demografischen Wandels mit immer mehr älteren, multimorbiden, chronisch kranken Menschen und einer fortschreitenden Spezialisierung in der Medizin benötige man einen Arzt, der den Überblick behält, die Behandlung der Patienten koordiniert und diese im Zweifel vor Überdiagnostik schützt. Außerdem belegten Studien, dass eine hausärztlich koordinierte Versorgung kosteneffektiver sei. Neben solchen „Megatrends“ zeichnen sich Gerlach zufolge zwei grobe Fehlentwicklungen ab: Zum einen steht einer steigenden Zahl von Fachärzten eine sinkende Zahl von Hausärzten gegenüber. Zum anderen sind die meisten Ärzte dort, wo sie am wenigsten gebraucht werden: in den städtischen Ballungsräumen.

Viele wollen sich niederlassen – sogar auf dem Land

Für eine Niederlassung in ländlichen Regionen wirbt man im Rahmen der Verbundweiterbildung plus mit „Landtagen“, indem man Ärzte in Weiterbildung mit Verantwortlichen aus den Kommunen an einen Tisch bringt. So können gegenseitige Erwartungen abgeklopft und Vorurteile abgebaut werden. Grundsätzlich ist die Bereitschaft des ärztlichen Nachwuchses, sich auf dem Land niederzulassen, nämlich relativ hoch. Das belegt zumindest eine Online-Befragung des Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin von Ärzten in Weiterbildung im Jahr 2010. Danach konnten sich immerhin 77 Prozent der 528 Teilnehmer vorstellen, auf dem Land zu praktizieren. Die drei wichtigsten Einflussfaktoren für eine Niederlassung waren der Umfrage zufolge ein familienfreundliches Umfeld, der Ort und die Zusammenarbeit mit Kollegen. Für den Weg zur Arbeit war die Mehrheit der Befragten bereit, bis zu 30 Minuten zu investieren. Den Entscheidungsträgern vor Ort raten die Wissenschaftler deshalb unter anderem, ihr Augenmerk auf „arztfreundliche“ Bereitschaftsdienstregelungen und Arbeitsmodelle zu richten, die es erlauben, mit mehreren Kollegen zusammenzuarbeiten.

„Ich würde mich später gerne niederlassen, fände es aber gut, einen Praxispartner oder -partnerin zu haben“, bestätigt Celia Richter den Befund der Wissenschaftler. „Selbstständig zu sein, kann ich mir sehr gut vorstellen – sogar auf dem Land.“ Allerdings müsse sich der künftige Praxisstandort möglichst in der Nähe einer Universitätsstadt befinden. „Ich bin da partnerschaftlich gebunden.“

Heike Korzilius

Umworbenes Fach

Seit 1999 fördern die gesetzlichen Krankenkassen und (anteilig) die private Kran­ken­ver­siche­rung allgemeinmedizinische Weiterbildungsstellen. In der ambulanten Versorgung beteiligen sich Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) zu gleichen Teilen an der Fördersumme. Hintergrund des Förderprogramms Allgemeinmedizin war die Verlängerung der Weiterbildungszeit im Fach Allgemeinmedizin von drei auf fünf Jahre.

Seit dem 1. Januar 2010 können jährlich mindestens 5 000 Stellen in Krankenhäusern und Arztpraxen gefördert werden. Im ambulanten Bereich zahlen KVen und Kassen jeweils 1 750 Euro je Stelle. In unterversorgten Gebieten gibt es einen Zuschlag von insgesamt 500 Euro. Im Krankenhaus entrichten die Kassen für Stellen in der Inneren Medizin und ihren Schwerpunkten 1 020 Euro, in anderen Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung gibt es 1 750 Euro. Im Jahr 2010 flossen so etwa 84 Millionen Euro in die allgemeinmedizinische Weiterbildung.

Das Förderprogramm sieht darüber hinaus vor, flächendeckend Koordinierungsstellen einzurichten. Sie sollen unter anderem Weiterbildungsverbünde fördern, um den angehenden Hausärzten eine reibungslose Weiterbildung zu ermöglichen. In zwölf von 17 Ärztekammerbereichen existieren solche Stellen inzwischen.

3 Fragen an . . .

Dr. med. Ulrich Clever, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg

Herr Dr. Clever, was kann die Ärztekammer tun, um den hausärztlichen Nachwuchs zu fördern?

Clever: Wir versuchen hier in Baden-Württemberg, unter anderem durch Besuche in allen 49 Kreisvereinen, herauszufinden, w

o Rahmenbedingungen verbessert werden müssen und dies der Politik nahezubringen.

Ein Problem ist sicherlich, dass man sich hierzulande zu wenig darum kümmert, ob denn der Partner in der Region ebenfalls berufliche Möglichkeiten hat. Fragen wie: „Gibt es Schulen, Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten?“ sind wichtig – und zwar nicht nur für Frauen.

Ein weiterer Punkt ist: Wir müssen auch über Geld sprechen. Wir dürfen künftige Hausärzte nicht mit finanziellen Anreizen aufs Land „locken“. Es geht vielmehr darum, ihnen langfristig ein verlässliches und angemessenes Honorar zu bieten.

Wichtig ist auch eine Reform der Bereitschaftsdienstregelungen. Als Anfänger darf man nicht gleich so belastet werden, dass man es kaum bewältigen kann.

Machen sich die Kammer und das Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin gegenseitig Konkurrenz?

Clever: Ich würde sagen, Konkurrenz im positiven Sinne. Jede Idee, die dazu beiträgt, die hausärztliche Versorgung in der Fläche sicherzustellen, ist begrüßenswert. Das Kompetenzzentrum mit seiner Verbundweiterbildung plus leistet hier erfolgreiche Arbeit. Auch die Kammer organisiert Weiterbildungsverbünde. Wir treten uns aber nicht gegenseitig auf die Füße.

Die allgemeinmedizinische Weiterbildung ist die einzige, die finanziell gefördert wird. Warum fehlt es dennoch an Nachwuchs?

Clever: Da haben wir als Ärzteschaft mit unseren Klagen über schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Honorare vielleicht eine gewisse Mitschuld. Wir lernen gerade durch unsere Besuche an der Basis, die Gratwanderung zwischen der Attraktivität der Arbeit und tatsächlichen Problemen besser zu bewältigen.

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