ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2012Von schräg unten: Vertrauen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Vertrauen

Dtsch Arztebl 2012; 109(10): [72]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen: Haben wir nicht einen wunderschönen Beruf? Menschen in Nöten kommen zu uns, um selbstlose Hilfe zu erfahren, von allgegenwärtiger Empathie umarmt zu werden, um mit höchstmöglicher Fachkunde auf dem Weg zur Lösung ihrer Probleme geleitet zu werden. Dafür schenken sie uns das Wichtigste, was eine Verbindung zwischen Menschen so einzigartig macht wie eine spontane Thrombolyse beim Hirninfarkt, so haltbar wie der Zement an der Hüftkopfprothese: Vertrauen. Jawohl, grenzenloses Vertrauen in die Kunst der Doktoren, deren Verfügbarkeit und Verständnis. Ist das nicht wunderbar? Wir streben dafür nach höchstmöglicher Professionalität, üben überbordende Leidenschaft, um diesem geschenkten Vertrauen gerecht zu werden.

Ich für meinen Teil gehe sogar noch einen Schritt weiter und schenke meinen Schutzbefohlenen etwas ganz Besonderes. Etwas Herausragendes, was meine Energien frisst und meine ärztliche Seele immer wieder zerfleischt: Misstrauen. Jawohl, ich schenke meinen Schutzbefohlenen Misstrauen! Das fängt bei der Anamnese an: „Herr Doktor, damals, das war 1995, da habe ich Bypässe gekriegt, in Duisburg!“ Das glaube ich nicht, den OP-Bericht von 1997 kriege ich wahrscheinlich aus Köln. „Und dann nehme ich noch die rosa Pille ein, das Methionin!“ Es handelt sich wahrscheinlich um Metformin, aber solange kein Kontrastmittel droht, kann man das in Ruhe recherchieren. „Ich habe im letzten Jahr schon fünfmal Kammerflimmern gehabt!“ So fröhlich und defibrillatorfrei dieser Mensch vor mir sitzt, kann es sich nur um Vorhofflimmern handeln. „Vor 20 Jahren hat man mir eine neue Aortenklappe eingesetzt!“ Schon ein Blick in die Dauermedikation macht misstrauisch. Keine Spur einer Antikoagulation. „Was? Sie glauben mir nicht? Hören Sie mal, das ist ein starkes Stück!“ Auch das Echokardiogramm zeigt eine völlig normale Aortenklappe. „Können Sie das überhaupt? Sind Sie überhaupt Kardiologe?“ Ja, gemäß Prüfung vor der Ärztekammer. Das Echo stimmt mit dem OP-Bericht überein, den meine Mitarbeiterinnen angefordert haben: Es handelt sich um einen Vorhofseptumverschluss. Also war es korrekt, dass er all die Jahre einer plasmatischen Antikoagulation als auch Endokarditisprophylaxe genauso misstrauisch gegenüber war wie ich seinen anamnestischen Angaben. Nur durch ein tiefgründiges Misstrauen gelingt es mir, die Wahrheit an das Licht der Sprechstundenlampe zu zerren! Misstrauen als Weg zur Wahrheit, als Filter für die Fakten, als EKG der Erkenntnis!

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Leider wissen das nur wenige zu schätzen. Und so sitze ich hier in der Sprechstunde und warte darauf, dass eines Tages ein Patient kommt und fragt: „Sind Sie ein Arzt, der penetrant und penibel alles prüft, kleinkrämerisch das Kleingedruckte kritisiert, voll von mäkelndem Misstrauen ist?“ Ja. „Prima, dann bin ich richtig hier!“

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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