ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2012Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz: Entschlossen gegensteuern

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Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz: Entschlossen gegensteuern

PP 11, Ausgabe März 2012, Seite 107

Gerst, Thomas

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Schnelle Hilfe ist gefragt, wenn Mitarbeiter in Unternehmen erste Anzeichen psychischer Erkrankungen zeigen. Foto: Photothek
Schnelle Hilfe ist gefragt, wenn Mitarbeiter in Unternehmen erste Anzeichen psychischer Erkrankungen zeigen. Foto: Photothek

Arbeitgeber und Betriebsärzte setzen bei psychischen Erkrankungen auf nachhaltige betriebliche Lösungen, die von einer guten Kooperation aller Beteiligten getragen werden.

Beim Thema „psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ sehen Arbeitgeber und Betriebsärzte gemeinsam dringenden Handlungsbedarf. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) unterzeichneten am 9. Februar in Salzgitter eine Erklärung, mit der sie sich auf verstärkte Anstrengungen bei Prävention und Therapie psychischer und psychosomatischer Erkrankungen verpflichten. In einer gemeinsamen Presseerklärung wird die Zahl von 70 000 Beschäftigten genannt, die im Jahr 2010 aufgrund seelischer Leiden vorzeitig aus dem Berufsleben ausgeschieden seien. Somit sei dies die häufigste Ursache für Frühverrentungen in Deutschland. Psychische Gesundheit stelle eine wichtige Voraussetzung dar, um im Arbeitsleben bestehen zu können. Die Unternehmen, die zudem eine Zunahme von Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen verzeichnen, sehen inzwischen ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt.

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Nahtlose Therapiekette

BDA und VDBW beklagen eine nicht bedarfsgerechte medizinische Versorgung der betroffenen Mitarbeiter: Die Wartezeiten für eine erste Therapie seien sehr lang, und es fehle bei der Weiterbehandlung an einer intelligenten Vernetzung von Gesundheitssystem und Arbeitswelt. Ein solcher integrativer Ansatz bei Therapie und Weiterbehandlung könne wesentlich zur Entschärfung dieses individuellen und ökonomischen Missstandes beitragen. Als neutrale Berater und Lotsen müssten die Werks- und Betriebsärzte eine zentrale Rolle beim betrieblichen Eingliederungsmanagement einnehmen, heißt es in der Erklärung. Die Ärzte in den Unternehmen könnten rechtzeitig erkennen, wenn Mitarbeiter an psychischen Störungen leiden oder solche entwickeln, um sie dann zu beraten oder gegebenenfalls weiter an externe Experten zu vermitteln.

VDBW-Präsident Dr. med. Wolfgang Panter hält das bei der Salzgitter AG eingeführte Verfahren für beispielhaft. Betroffenen Beschäftigten werde schnell und zuverlässig geholfen. „Das Besondere bei Salzgitter ist: Der Mitarbeiter wird rasch in eine psychotherapeutische Ambulanz weiter vermittelt, um zu entscheiden, ob eine lang dauernde Psychotherapie, stationäre oder ambulante Behandlung oder ob eine Reha-Maßnahme angezeigt ist.“ Ermöglicht werde eine nahtlose Therapiekette durch die enge Vernetzung aller an der Behandlung Beteiligten sowie der Kostenträger (Betriebskrankenkasse, Rentenversicherung). Aus eigener betriebsärztlicher Erfahrung weiß Panter, dass die meisten Mitarbeiter, die vom Betriebsarzt auf psychische Probleme angesprochen werden, entsprechende Angebote auch annehmen würden. Immer häufiger kämen Mitarbeiter auch von sich aus mit psychischen Problemen auf den Betriebsarzt zu.

Betriebsärzte in der Pflicht

Die in Salzgitter unterzeichnete Erklärung betont einerseits die zentrale Rolle der Betriebsärzte für den gesamten Bereich der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung, nimmt diese aber auch in die Pflicht, sich für den Umgang mit psychischen Gesundheitsproblemen am Arbeitsplatz weiterzuqualifizieren. „Wir wollen unsere Kollegen motivieren, an diesem Thema zu arbeiten“, betont der VDBW-Präsident. „Zur psychosomatischen Grundversorgung wollen wir unseren Kollegen in nächster Zeit viel anbieten.“ Es werde eine Reihe gezielter Fortbildungsangebote geben.

Während Panter für dieses Jahr keine neuen Ansätze zur betrieblichen Prävention durch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium erwartet, bedeuten für ihn die im Oktober 2011 vom Ausschuss für Arbeitsmedizin beim Bundesarbeitsministerium verabschiedeten Empfehlungen zur psychischen Gesundheit im Betrieb einen wichtigen Schritt hin zu einer besseren Versorgung. Dies sei ein gemeinsam von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aber auch von Wissenschaft und Ministerium getragenes Papier, in dem einfache Methoden beschrieben würden, wie man das Thema psychische Gesundheit im Unternehmen angehen kann. Die Empfehlungen seien eine gute Grundlage für Betriebsärzte, um aktiv zu werden.

Thomas Gerst

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