Referiert

Chronische Schmerzen: Achtsamkeitsmeditation senkt Leidensdruck

PP 11, Ausgabe März 2012, Seite 134

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Die Achtsamkeitsmeditation, eine ursprünglich zur Stressbewältigung entwickelte Entspannungstechnik mit buddhistischen Wurzeln, kann bei Patienten mit chronischen Schmerzen den Leidensdruck senken. Eine Studie in „Cerebral Cortex“ zeigt, welche neuronalen Prozesse dabei im Gehirn aktiviert werden.

Die meisten Menschen versuchen, den Schmerz zu analysieren, um ihn dann zu ignorieren. Die achtsamkeitsbasierte Meditation geht den entgegengesetzten Weg. Die Meditierenden lenken ihre Sinnesempfindungen bewusst auf den Schmerz und begegnen ihm mit Neugierde und Akzeptanz, beschreibt die Gruppe um Tim Gard vom Massachusetts General Hospital in Boston das Ziel der Meditation: Anstatt sich in den üblichen Bewertungen und Reaktionen zu verlieren, brächten sich achtsame Menschen mit dem Erlebten im gegenwärtigen Moment in Kontakt. Sie würden sich und den Schmerz aufmerksam, wachsam und neutral betrachten. Einige Patienten könnten dadurch ihren Leidensdruck senken.

Wie ihnen dies gelingt, hat Gard zusammen mit Forschern des Bender Institute of Neuroimaging in Gießen untersucht. Insgesamt 34 gesunde Probanden – die Hälfte von ihnen erfahrene Achtsamkeitsmeditierende – erhielten (ungefährliche) elektrische Schmerzreize, während sie in der Röhre eines Kernspintomographen lagen. Sie wurden aufgefordert, den Schmerzreizen mit verschiedenen „inneren Haltungen“ zu begegnen: einmal mit einem Zustand der Achtsamkeit und dann in einem neutralen alltagsüblichen Zustand. 

Es zeigte sich, dass erfahrene Meditierende im Zustand der Achtsamkeit Schmerzreize anders interpretierten: Sie empfanden den Schmerz zu 22 Prozent weniger unangenehm, und die Angst vor dem nächsten Schmerzreiz war um 29 Prozent vermindert. Dies gelang ihnen, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf die Schmerzen konzentrierten, diese aber nicht aktiv bewerteten: In der funktionellen Kernspintomografie waren Areale, die für die sensorische Verarbeitung des Reizes zuständig sind, stärker aktiviert. Die Aktivierung in den seitlich-präfrontalen Arealen, in denen eine kognitive Neuinterpretation des Schmerzes stattfindet, war dagegen vermindert.

Die Probanden spürten den Schmerz also durchaus, empfanden ihn jedoch nicht als so belastend. Diese Strategie scheint vielen Patienten bei der Schmerzverarbeitung zu helfen. Laut Gard berichten viele Patienten, dass der Stress sinkt, der durch ihre jeweilige Krankheit ausgelöst wird, während sich die Lebensqualität und das Wohlbefinden verbessern. rme

Gard T, Hölzel B, Sack A et al.: Pain Attenuation through Mindfulness is Associated with Decreased Cognitive Control and Increased Sensory Processing in the Brain. Cerebral Cortex (2011; doi: 10.1093/cercor/bhr352) MEDLINE
Tim Gard, Department of Psychiatry, Massachusetts General Hospital, 120 2nd Avenue, Charlestown, MA 02129, USA, tgard@nmr.mgh.harvard.edu

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige