KULTUR

Pflegemuseum: Kranke lagen neben Toten

PP 11, Ausgabe März 2012, Seite 138

Dänzer-Vanotti, Irene

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Backsteingiebel und Säulenhallen: Das Düsseldorfer Pflegemuseum war im 19. Jahrhundert selbst ein Krankenhaus. Foto: epd
Backsteingiebel und Säulenhallen: Das Düsseldorfer Pflegemuseum war im 19. Jahrhundert selbst ein Krankenhaus. Foto: epd

Mit Bildern der Siechenhäuser beginnt der Rundgang durch das Museum zur Geschichte der Krankenpflege in Düsseldorf.

Am Anfang war das Siechenhaus. Dass sich Patienten in ein Krankenhaus begeben und dieses nach einigen Tagen oder Wochen geheilt wieder verlassen, ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Zuvor kamen Menschen nur zum Sterben in die Bettensäle, in denen Schwestern ihre Wunden versorgten und ihnen Knebel in den Mund schoben, wenn sie schrien. Nicht jeder Patient hatte ein Bett für sich, und dass Lebende neben Toten lagen, war auch keine Ausnahme. Mit solchen Szenen begann die Geschichte der Krankenpflege, und mit Bildern der Siechenhäuser beginnt auch der Rundgang durch das erste Pflegemuseum Deutschlands in der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf. Dort hat der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner 1836 die Diakonissen-Gemeinschaft und weltweit die erste Ausbildungsstätte für Krankenschwestern gegründet. Da Pflegekräfte heute in ihrer Ausbildung die Geschichte der Pflege lernen müssen, können sie jetzt bei Führungen durch das Pflegemuseum schnell, sinnlich und mit modernen Methoden einen Überblick gewinnen. „Wir sind offen für Fachleute, aber auch für Spaziergänger, die einfach vorbeikommen“, sagt Dr. Norbert Friedrich, der Initiator des Museums. Er leitet die Fliedner-Kulturstiftung, die das Museum betreibt.

Backsteingiebel, Säulenhallen, Blick in uralte Bäume: Die Räume des Museums sind im 19. Jahrhundert selbst ein Krankenhaus, in der Zeit also, in der sich Pflege von wohlmeinender und oft von Frömmigkeit getragener Zuwendung zu Patienten zu einem Beruf wandelt. In der Zeit wird die Bedeutung von Hygiene wissenschaftlich erkannt, und die Tätigkeiten, die Pflegerinnen und Hebammen bis dahin intuitiv verrichteten, bekommen ein sachliches Fundament und Systematik. Die Bedeutung von Viren und Bakterien für Krankheit und Pflege werden entdeckt, Hilfsmittel wie Lachgas, Äther oder Chloroform für Narkosen sind bahnbrechende Erfindungen, die Schmerzen lindern. Wenn zuvor Schreie durch die Räume hallten, bleibt es jetzt beim Wimmern und Stöhnen.

Im Pflegemuseum können die Besucher Tropfflaschen für Äther, einen Sterilisationsapparat und alte Blutdruckmessgeräte ausprobieren. Dass nicht nur Therapien, sondern auch Krankheiten typisch sind für ihre Zeit, wird an den Wachsabgüssen verschiedener Hautkrankheiten aus dem 19. Jahrhundert sichtbar. Einen „Patienten“ darf jeder Besucher ein- und auskleiden: Es ist eine lebensgroße Puppe, eine besonders steife Puppe, der man nur mit Mühe Nachthemd und Antithrombose-strümpfe anziehen kann.

Die Geschichte der Pflege in der NS-Zeit

Zahlreiche Quellen informieren unter anderem über die Geschichte der Pflege. Foto: Frank Elschner
Zahlreiche Quellen informieren unter anderem über die Geschichte der Pflege. Foto: Frank Elschner

Ein Raum im Pflegemuseum beschäftigt sich mit der Geschichte der Pflege in der NS-Zeit. Er ist der evangelischen Diakonisse jüdischer Herkunft Erna Aufricht gewidmet, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. „Die Diakonie in Kaiserswerth hat sich den nationalsozialistischen Gesetzen und Gepflogenheiten nicht widersetzt“, sagt Historiker Friedrich. In Kaiserswerth seien zwar keine geistig Behinderten im sogenannten Euthanasie-Programm ermordet worden. „Das geschah aber nicht aus Überzeugung, sondern weil hier keine Geisteskranken behandelt wurden“, erläutert Friedrich. Der Raum, der an die Jahre erinnert, die „kein Ruhmesblatt für Kaiserswerth sind“, lenkt Friedrich zufolge auch den Blick auf Ausgrenzung in der Gegenwart: Wem helfen wir? Wem helfen wir nicht? Wer wird heute ausgegrenzt? Diese Fragen beherrschen die Darstellung, weil es in jeder Zeit Menschen gebe, denen nicht geholfen wird. Das Pflegemuseum ist täglich von neun bis 16 Uhr geöffnet. Führungen nach Anmeldung unter: 0211 56673780.

Irene Dänzer-Vanotti

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige