ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2012Pflegereform: Sachfremd
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Ältere, multimorbide Patienten benötigen zehnmal mehr Notaufnahmebetten als jüngere. Daten der Alterstraumatologie zeigen, dass lediglich 50 Prozent der betroffenen Patienten wieder ihren funktionellen Zustand vor dem Trauma erreichen, circa 25 Prozent bleiben immobil. Dies stellt hohe Anforderungen an die Betreuer dieser Patientengruppe. Die im Artikel genannten Sozialarbeiter für gemeinschaftliche Wohnprojekte – mittlerweile verkündete das BMG hier monatlich mehrere Tausend Euro pro Pflegegruppe zu bezuschussen – können dies schon aus forensischen Gründen nicht leisten. Und durch die Begleitung „älterer Damen“ zum Arzt spart man auch keine Pflegekräfte ein. Denn bisher übernimmt dies gerne ein(e) Taxifahrer(in). Die geforderte Vergabe von zwei bis drei Prozent der Pflegeversicherungsgelder für „Quartiersmanagement“ ist also sachfremd. Dagegen zeigen langjährige Heimarztmodelle, wie das KV-finanzierte „Berliner Modell“ oder das vom privaten Träger finanzierte „Schwelmer Modell“, dass bei den so betreuten Pflegeheimbewohnern weniger Hospitalisierungen, Rettungswagen- und Notarzteinsätze notwendig waren. Und gäbe es nicht die Arztexistenzen bedrohenden Regresse für Heilmittelverordnungen, könnten Pflegeheimbewohner nach Frakturen und Schlaganfällen etc. wieder mobilisiert werden. Denn die Daten zeigen, dass durch die Angst vor Regressen weniger Heilmittel verordnet wurden, mit dem Ergebnis, dass die Anzahl der Pflegeeinstufungen nach zwei und drei deutlich stiegen.

Ein Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, der diese Regresse beibehält, kann niemals die finanziellen Belastungen für die Gesundheits- und Sozialsysteme reduzieren oder die Patientenzufriedenheit erhöhen.

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Übrigens lässt sich eine gute und wirtschaftlich sinnvolle Pflege nicht an Pflegedokumentationen und Qualitätsmanagement (Papier ist bekanntlich geduldig) erkennen, sondern ganz einfach daran, ob der Body-mass-Index bei dementen, multimorbiden Patienten stabil bleibt – besser noch, wenn er steigt – oder aber leider sinkt.

Dr. med. Ph. D. Rainer Lohbeck, 58332 Schwelm

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