ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2012Körperbilder: Lucian Freud (1922–2011) – Millionenschwere Muse

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Lucian Freud (1922–2011) – Millionenschwere Muse

Dtsch Arztebl 2012; 109(11): [84]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Sue Tilleys voluminöser Körper wabert über die altmodische Couch. Endlose Stunden hat die Britin, Lucian Freuds Muse der 1990er Jahre, nackt in dieser Position ausgeharrt. Sie ist “Benefits Supervisor Sleeping”, so der Titel, den der Maler seinem Aktbild von 1995 gab – ein ironischer Hinweis auf Tilleys Beruf als Angestellte eines Londoner Arbeitsamts. Zur Eröffnung der großen Freud-Retrospektive Anfang Februar in London stand die heute 55-Jährige erneut Modell, allerdings vor dem Gemälde und für die Pressefotografen. Ihre fließende Robe verbirgt den grobschlächtigen, schon vom Alter gezeichneten Körper, den Freud 17 Jahre zuvor in seinem Gemälde offenbarte. Sie sei sehr stolz auf das Bild, sagte sie bei der Ausstellungseröffnung, mit der Zurschaustellung ihrer Intimsphäre habe sie kein Problem: „Lucian liebte das Fleischliche. Ich denke, er hat mich engagiert, weil er bei mir so viel davon bekam.”

Lucian Freud: „Benefits Supervisor Sleeping“, 1995, Öl auf Leinwand, 149,9 × 250,2 cm: Sie ist keine „Sleeping Beauty“, eher das Gegenteil. Und doch ist das Gemälde eine Ikone der Aktmalerei, die englische „Financial Times“ brachte es auf der Titelseite. Es zeigt die nackte, zweieinhalb Zentner schwere Sue Tilley, die Freud auf dem Sofa seines Londoner Ateliers verewigte. Trotz ihrer derben Körperlichkeit strahlt sie eine gewisse Würde aus. Private Collection © The Lucian Freud Archive. Photo: Courtesy Lucian Freud Archive
Lucian Freud: „Benefits Supervisor Sleeping“, 1995, Öl auf Leinwand, 149,9 × 250,2 cm: Sie ist keine „Sleeping Beauty“, eher das Gegenteil. Und doch ist das Gemälde eine Ikone der Aktmalerei, die englische „Financial Times“ brachte es auf der Titelseite. Es zeigt die nackte, zweieinhalb Zentner schwere Sue Tilley, die Freud auf dem Sofa seines Londoner Ateliers verewigte. Trotz ihrer derben Körperlichkeit strahlt sie eine gewisse Würde aus. Private Collection © The Lucian Freud Archive. Photo: Courtesy Lucian Freud Archive

Es war eine von schonungslosem Realismus geprägte Fleischlichkeit, die den 1922 in Berlin geborenen Maler, Enkel des Psychoanalyse-Begründers Sigmund Freud, faszinierte. Wie ein Bildhauer modellierte der hochbegabte künstlerische Autodidakt, der 1933 mit seinen Eltern nach England emigriert war, auf der Leinwand die nackten Leiber seiner Modelle. In seinem Atelier positionierte er sie unter grellem Oberlicht, um kein Detail ihrer entblößten Körper zu übersehen und auf diese Weise „der Wahrheit und dem Wesen des Menschen näherzukommen“, wie Freud betonte. Das Sofa seines Ateliers, auf dem er Tilley über einen Zeitraum von zwei Jahren malte, gerät so auch zur Anspielung auf den Diwan des berühmten Großvaters, auf dem dieser die Seele seiner Patienten erforschte. Immer wieder aufs Neue schauend, in zahllosen Sitzungen, da er sich weigerte, auch nur einen Pinselstrich ohne Modell auszuführen, näherte sich Lucian Freud beobachtend dem Menschen.

Anzeige

Mit seinen exhibitionistischen Aktporträts avancierte der Künstler, der letztes Jahr 88-jährig verstarb, zu einem der prominentesten figurativen Maler der Gegenwart. Seine monströsen Körper erreichen monströse Preise: „Benefits Supervisor Sleeping“ kam 2008 bei Christie’s New York für 33,6 Millionen Dollar unter den Hammer. Einen höheren Betrag hatte bis dahin kein anderes Werk eines lebenden Künstlers erzielt. Der russische Milliardär Roman Abramowitsch bezahlte so viel für „Big Sue“ – die millionenschwere Muse. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Lucian Freud Portraits“

National Portrait Gallery, St. Martin’s Place, London WC2;
www.npg.org.uk

Mo.–Mi. und Sa./So. 10–18,
Do./Fr. 10–21 Uhr;

bis 27. Mai.

Ingrid Lange-Schmidt: „Lucian Freud. Viel mehr als nur ,der Enkel‘ – Aspekte einer künstlerischen Entwicklung“, broschiert, 216 S.,
Lit-Verlag, Münster 2010; 24,90 Euro.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema