ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2012Wachkoma: Ein Einspruch
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Der Vorschlag, die Bezeichnung „Syndrom der reaktionslosen Wachheit“ statt der gebräuchlichen Bezeichnungen zu verwenden, greift die Kritik an letzteren auf, ist aber nicht ohne weiteres überzeugend und hilfreich.

Einerseits ist es nicht sachangemessen, die wissenschaftliche Begrifflichkeit auf die Auswirkungen von sprachlichen Missverständnissen oder medizinischen Kenntnismängeln abzustellen, statt sie von der Sache her zu prägen. Andererseits ist fraglich, ob die Bezeichnung „Syndrom der reaktionslosen Wachheit“ wirklich vollständig „wissenschaftlich korrekt“ ist. Für den Zweifel daran ergeben sich zwei Gründe: Einerseits trifft diese Formulierung auch sehr weitgehend – wenn auch nicht vollständig – auf das Locked-in-Syndrom und den akinetischen Mutismus zu und gibt jedenfalls zu neuerlichen Verwechslungen und Missverständnissen Anlass. Andererseits folgt der Ausdruck der neopositivistisch ausgerichteten Gleichsetzung von Reaktionslosigkeit und Koma, welche das Verständnis des Wesens der Ereignisse und Zustände verstellt und zu den abwegigen Bezeichnungen „psychogene Synkope vs. Ohnmacht“ und „psychogenes Koma“ für dissoziativ-psychogene Vorkommnisse führt. Insofern ist die – übrigens nicht sachgerecht allenthalben als Laienausdruck entwertete – Bezeichnung „Wachkoma“ genau zutreffend, zumal sie die fast durchgehend nicht beachtete Verschiedenheit von Wachheit vs. Vigilanz und Bewusstseinshelligkeit vs. Luzidität beziehungsweise Schlaf und Koma mit ihren jeweiligen Störungserscheinungen bewusst machen kann.

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Hinsichtlich der international eingeführten, erfahrungsbegründeten Bezeichnung „vegetativer Zustand“ muss einfach erwartet werden, dass die sogenannte Zeitachse, das heißt der Verlauf, berücksichtigt und auch den Laien vermittelt wird. Die Prognosen des akuten, fortbestehenden und bleibenden Syndroms sind eben unterschiedlich. Daran ändert auch eine Umbenennung nichts, und es ist höchst fragwürdig-zweifelhaft, ob sich die Hoffnung erfüllt, dadurch die Behandlung und den Betreuungsstandard verbessern zu können.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. habil. Detlef Müller,01324 Dresden

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