ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2012Krankenkassenreport: Krankenstand steigt weiter an

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Krankenkassenreport: Krankenstand steigt weiter an

Dtsch Arztebl 2012; 109(11): A-512 / B-444 / C-440

Protschka, Johanna

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Die gesetzlichen Krankenkassen vermelden alljährlich die Zahlen zum Krankenstand ihrer berufstätigen Versicherten. Seit dem Rekordtief, das die Kassen für 2005 vermeldeten, steigen die Zahlen für die krankheitsbedingten Fehlzeiten wieder an.

Als 2006 der Bundesverband der Betriebskrankenkassen bekanntgab, dass sich die Beschäftigten so selten krank meldeten wie seit Jahrzehnten nicht mehr, war das für die deutsche Wirtschaft und die Krankenkassen gleichermaßen eine erfreuliche Nachricht. Der Krankenstand für das Jahr 2005 belief sich auf nur 12,7 Fehltage pro Beschäftigten; 30 Jahre zuvor fehlten die Beschäftigten noch doppelt so häufig am Arbeitsplatz. Während 1970 in Westdeutschland 5,6 Prozent der Arbeitnehmer krankgeschrieben waren, lag der Krankenstand 2005 deutschlandweit bei 3,3 Prozent. Doch die Zeiten der tiefen Krankenstände, scheinen nun erst einmal vorüber zu sein. Die im Durchschnitt älteren Belegschaften in den Unternehmen und die Zunahme von psychischen Erkrankungen, die in der Regel lange Fehlzeiten verursachen, werden die krankheitsbedingten Fehlzeiten der nächsten Jahre beeinflussen.

Insgesamt deuten die Zahlen auf einen Aufwärtstrend

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Der Krankenstand weist die Quote der krankheitsbedingt fehlenden Arbeitnehmer aus. Einbezogen in die Analyse werden deshalb die Daten aller arbeitsunfähig gemeldeten Pflichtversicherten, ohne Rentner und Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) erhobenen Daten zu den Krankenständen, die dem Ministerium von den gesetzlichen Krankenkassen regelmäßig gemeldet werden, deuten insgesamt darauf hin, dass sich ein moderater Aufwärtstrend eingestellt hat.

Krankenstandsentwicklung 1970 bis 2011*
Krankenstandsentwicklung 1970 bis 2011*
Grafik
Krankenstandsentwicklung 1970 bis 2011*

Die Zahlen des BMG müssen jedoch mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Denn das Ministerium arbeitet lediglich mit einer Stichtagserhebung, das heißt, es werden die Krankenstände der Kassen am Ersten eines Monats und damit zwölfmal im Jahr erfasst. Das arithmetische Mittel aus zwölf Monatswerten lässt sich zwar leicht errechnen, gleichwohl geben die Zahlen den tatsächlichen Krankenstand nicht exakt wieder, da Arbeitnehmer in der Regel an Wochenenden und Feiertagen seltener krankgeschrieben sind. Für den vom BMG ermittelten Krankenstand für 2012 wird dies Folgen haben, denn über die Hälfte der Stichtage fällt 2012 auf einen Feiertag oder auf ein Wochenende. Die Techniker Krankenkasse geht davon aus, dass deshalb die Zahlen zu den Krankenständen in diesem Jahr um 4,5 Prozent zurückgehen werden.

Versicherte im Schnitt zwei Tage länger krank

Doch allen statistischen Tücken zum Trotz ist seit 2006 ein tatsächlicher Anstieg bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten zu beobachten. Deshalb lohnt ein Blick auf die Zahlen, die die Kassen selbst erheben und analysieren: Der BKK Bundesverband hat für das Jahr 2010 ermittelt, dass pflichtversicherte Arbeitnehmer krankheitsbedingt durchschnittlich an 14,8 Tagen fehlten, was einem Krankenstand von 4,1 Prozent entspricht. Werden auch Arbeitslose mit in die Analyse einbezogen, beläuft sich der Durchschnitt sogar auf 15,3 Tage. Die DAK-Gesundheit verzeichnet für 2011 eine Erhöhung um 0,2 Prozentpunkte. Bezieht man die letzten fünf Jahre ein, ergibt sich damit eine Steigerung von insgesamt 20 Prozent. Anders ausgedrückt heißt das, dass heute ein DAK-Mitglied im Schnitt zwei Tage länger krank ist als noch 2006. Dazu komme, dass die Belegschaften in den Betrieben heute deutlich älter sind als noch vor einem Jahrzehnt. Die Bundesagentur für Arbeit ermittelte, dass sich der Anteil der 60- bis 65-Jährigen von zehn Prozent im Jahr 2000 auf 28 Prozent im letzten Jahr fast verdreifacht hat. Die DAK-Gesundheit weist deshalb darauf hin, dass ältere Belegschaften auch einen höheren Krankenstand aufweisen, so dass ein anhaltender Anstieg bei den Krankmeldungen in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich sei. „Die Belegschaften sind schon heute durchschnittlich älter als vor zehn Jahren. Ältere Mitarbeiter sind seltener krank als jüngere, aber deutlich länger“, erklärte Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, im Februar in Berlin.

Vergleicht man die Entwicklung der Diagnosen bei den Krankmeldungen, fällt zudem ein Anstieg bei den Diagnosen der psychischen Erkrankungen auf. Das Wissenschaftliche Institut der AOK ermittelte, dass 2010 nahezu jeder zehnte Ausfalltag, der der Kasse gemeldet wurde, auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen ist. Bemerkenswert ist, dass Ärzte die Diagnose „Burn-out“ immer öfter dokumentieren. Bei den AOK-Versicherten sind die Krankheitstage aufgrund von „Burn-out“ um das Neunfache zwischen 2004 und 2010 gestiegen. Zwar kann „Burn-out“ nicht als eigenständige psychische Erkrankung kodiert werden, doch wird diese Diagnose immer öfter als Zusatzinformation angegeben. Besonders betroffen von der Diagnose sind vor allem Arbeitnehmer im Gesundheits- und Sozialwesen. Auch Arbeitnehmer aus den Branchen Erziehung und Unterricht, der öffentlichen Verwaltung und Dienstleistungsberufen sind nach Angaben der AOK stark belastet. Die BKK vermeldete im Dezember, dass seelische Leiden mittlerweile jeden achten Krankheitstag verursachen. Im Jahr 2010 lösten sie zwölf Prozent aller Fehltage bei den beschäftigten Pflichtmitgliedern aus. Im Jahr vorher waren es noch 10,7 Prozent. Die DAK kann einen Anstieg von psychischen Störungen auch für 2011 belegen. 2010 machten sie 12,1 Prozent der Fälle an den Krankheitstagen aus, 2011 waren es bereits 13,4 Prozent.

Psychische Erkrankungen fallen vor allem deshalb ins Gewicht, weil sie überwiegend lange Ausfallzeiten nach sich ziehen. Laut BKK haben sie eine durchschnittliche Fallzeit von 35,2 Tagen. Deshalb wundert es nicht, dass sie bei AOK, DAK und BKK Platz vier der häufigsten Krankheitsbilder im Jahr 2010 belegen. Sie machten jeweils 9,3, 12,1 beziehungsweise 12,0 Prozent Anteil an den Tagen einer Arbeitsunfähigkeit aus (Tabelle). Den ersten Platz in diesem Ranking belegen 2010 nach wie vor die Muskel-Skelett-Erkrankungen, gefolgt von den Erkrankungen des Atmungssystems, wobei die AOK auf Platz zwei Verletzungen und Vergiftungen verzeichnet; in ihrer Auswertung belegen Krankheiten des Atmungssystems Platz drei (Tabelle).

Häufigste Krankheitsarten: Anteil der Fälle an den AU-Tagen 2010*
Häufigste Krankheitsarten: Anteil der Fälle an den AU-Tagen 2010*
Tabelle
Häufigste Krankheitsarten: Anteil der Fälle an den AU-Tagen 2010*

Die Studie „Vorteil Vorsorge – Die Rolle der betrieblichen Prävention für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland“, die im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung durchgeführt wurde, belegt zudem, dass ein jährlicher volkswirtschaftlicher Schaden von 225 Milliarden Euro durch kranke Arbeitnehmer entsteht. Ein schlagendes Argument für Unternehmen, gerade auch in Bezug auf die immer weiter zunehmenden psychischen Erkrankungen zu handeln und in die Vorsorge zu investieren.

Erst kürzlich unterzeichnete die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) eine Erklärung (DÄ, Heft 7/2012), mit der sie sich verpflichteten, ihr Augenmerk mehr auf die Prävention und Therapie psychischer und psychosomatischer Erkrankungen zu richten. Der VDBW argumentiert außerdem, dass sich jeder Euro, der in betriebliche Prävention investiert werde, für die deutsche Volkswirtschaft mit mindestens fünf und bis zu 16 Euro auszahle. Ob eine schnelle Umsetzung von Präventionsmaßnahmen kurzfristig auch den Krankenstand senken kann, bleibt jedoch abzuwarten.

Johanna Protschka

Krankenstandsentwicklung 1970 bis 2011*
Krankenstandsentwicklung 1970 bis 2011*
Grafik
Krankenstandsentwicklung 1970 bis 2011*
Häufigste Krankheitsarten: Anteil der Fälle an den AU-Tagen 2010*
Häufigste Krankheitsarten: Anteil der Fälle an den AU-Tagen 2010*
Tabelle
Häufigste Krankheitsarten: Anteil der Fälle an den AU-Tagen 2010*

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