ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Biotechnologie: Mulmiges Gefühl

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Biotechnologie: Mulmiges Gefühl

Burkart, Günter

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LNSLNS Wenn man sich überlegt, was für Nachrichten in der letzten Zeit auf Kevin Standardkonsument (das ist in meiner Genealogie der Enkel des Otto Normalverbraucher sel.) herniederprasseln, dann kann er einem leid tun. Er hört:
Malariamücken, oder Giftschlangen, muß man ausrotten, weil sie für den Menschen gefährlich sind. Wenn es dann allerdings nur noch zehn Exemplare gibt, dann muß man sie unbedingt am Leben erhalten – wegen des Artenschutzes. (Großvater Otto N. hätte hier wohl noch von der "Schöpfung" oder dem "Willen Gottes" gesprochen.)
Die letzten Pockenviren, die aus eben diesem Grunde noch bis 1999 tiefgefroren aufgehoben werden, können wir aber ruhig vernichten. Sollten wir sie nämlich doch noch einmal benötigen, so besitzen wir alle nötigen genetischen Informationen, um sie künstlich wieder herzustellen. Und nun der Rinderwahn. Kevin S. hört, daß dessen Erreger vielleicht gar kein Virus ist, sondern nur eine Veränderung in einem Eiweiß, und daß man versucht, mittels gentechnischer Verfahren zu ergründen, ob die Krankheit nun von Schaf auf Rind, von Rind auf Mensch, von Rind oder Mensch auf Maus (nur zu Versuchszwecken natürlich!) übertragbar ist.
Und Kevin S. hört auch, daß für Genänderungen ein Patentschutz eingeführt werden soll, oder für gentechnisch veränderte Tiere und Pflanzen. ("... sonst läßt sich ja auch nichts daran verdienen", wie Friedrich von Hayek in anderem Zusammenhang sagte.) Zum Beispiel vielleicht für einen Monat lang haltbare Tomaten.
Tja; zum Beispiel vielleicht auch für Pockenviren? Für die Übertragbarkeit des Rinderwahns? Für die Verhinderung der Ansteckungsgefahr?...
Ist es ein Wunder, daß Kevin S. ein mulmiges Gefühl beschleicht?
Aber vor allem: Ist es nicht allerhöchste Zeit, daß Medizin-Ethiker der Politik handfeste Ratschläge und Richtlinien für das, was künftig erlaubt sein soll, an die Hand geben? Ja: Richtlinien. Und nicht bloß weiche "Orientierungshilfen"! gb
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