ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1996Rauchen: Neue Erkenntnisse zum Suchtverhalten

SPEKTRUM: Akut

Rauchen: Neue Erkenntnisse zum Suchtverhalten

Koch, Klaus

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LNSLNSLNSLNS N ikotin scheint nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern der New York State University in Stony Brook nicht die einzige psychoaktive Substanz im Zigarettenrauch zu sein. Zwar haben sie eine weitere Substanz nicht identifiziert, aber ihre Wirkung: Sie senkt im Rauchergehirn den Gehalt des Enzyms "Monoamin Oxidase B" (MAO B) um bis zu 40 Prozent. MAO B ist am Abbau des Neurotransmitters Dopamin beteiligt, der nicht nur eine wichtige Rolle in der Bewegungsregulation spielt, sondern vermutlich auch bei der Entstehung von Suchtverhalten. Der Einfluß des Rauchens auf MAO B und den Dopaminstoffwechsel des Gehirns bietet neue Erklärungen für eine Reihe von Beobachtungen. Neben der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einigen Krebsarten führt das Rauchen auch zu weniger bekannten "Nebenwirkungen".


So scheinen Raucher ein vermindertes Risiko für die Parkinsonsche Krankheit zu haben. Da Parkinson durch einen Verlust dopaminfreisetzender Neuronen in der Substantia nigra gekennzeichnet ist, liegt die Vermutung auf der Hand, daß die beobachtete Reduktion der MAO B bei Rauchern mit einem neuroprotektiven Effekt verbunden sein könnte. Das Enzym katalysiert einen Schritt im Dopaminabbau, bei dem auch Wasserstoffperoxid und andere reaktive Sauerstoffprodukte entstehen. Die könnten im Laufe von Jahren durchaus toxisch auf die benachbarten Neuronen wirken. Eine "chronische" Reduktion des MAO B könnte diese Neurotoxizität verringern. Darüber hinaus zeigen ältere Studien, daß Rauchen vorübergehend die kognitive Leistungsfähigkeit steigern kann. Eine ähnliche Wirkung läßt sich auch durch Einnahme des MAOB-Hemmstoffs "L-Deprenyl" erzielen.


Der interessanteste Aspekt der Studie (Nature, Band 379, S. 733) ist allerdings, daß die Reduktion von MAO B zusammen mit Nikotin, wie die Autoren schreiben, "die verhaltensbeeinflussenden und epidemiologischen Effekte des Rauchens verursachen könnte" – also die Sucht. Gewisse Beobachtungen aus Tierversuchen zeigten, daß es einen Zusammenhang zwischen dem Dopaminstoffwechsel und der Entstehung von Suchtverhalten gibt. Möglicherweise ist die MAO-B-Hemmung also nicht nur für die Tabaksucht, sondern auch für die bei Rauchern stärkere Neigung zu anderen Drogen – vor allem Alkohol – verantwortlich. Die Autoren vermuten deshalb, daß die Behandlung mit einem Hemmstoff der MAO B auch die Entwöhnung erleichtern könnte. Erste Erfahrungen in der Raucherentwöhnung mit Moclobemid, einem Hemmstoff der Enzymvariante MaO A, scheinen diese Idee zu stützen. Klaus Koch

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