MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Früherkennung Peripherer Gefässerkrankungen: Höhere Blutdruckunterschiede in den Armen relevant?

Dtsch Arztebl 2012; 109(12): A-587 / B-510 / C-506

Heinzl, Susanne

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Unterschiedliche Ergebnisse bei der Blutdruckmessung im rechten und im linken Arm gelten bis zu einer Differenz von 10 mm Hg beim systolischen Blutdruck als normal. Ein Unterschied von 20 mm Hg und mehr ist jedoch ungewöhnlich, er tritt bei etwa 4 % der Bevölkerung auf und ist in der Regel mit vaskulären Erkrankungen assoziiert. In einer Metaanalyse wurde der Frage nachgegangen, ob sich die Blutdruckmessung in beiden Armen für die Routine eignet, um frühzeitig Gefäßerkrankungen zu erkennen.

In die Metaanalyse wurden 20 Studien eingeschlossen, in denen Blutdruckdifferenzen zwischen beiden Armen gemessen wurden. Bei Unterschieden ab 10 mm Hg systolisch wurde die Häufigkeit einer Stenose der A. subclavia sowie einer peripheren, zerebralen oder kardiovaskulären Gefäßerkrankung erhoben. Aus 5 Fallserien an Patienten mit angiographisch nachgewiesener Stenose der A. subclavia ergab sich im Arm auf der Seite der Stenose ein im Mittel um 36,9 mm Hg niedrigerer Blutdruck als auf der Gegenseite. Bei einem Unterschied von 10 mm Hg oder mehr war das Risiko für eine Stenose der A. subclavia stark erhöht (relatives Risiko 8,8). Die gepoolten Daten aus nichtinvasiven Studien ergaben, dass eine Differenz im systolischen Blutdruck von 15 mm Hg oder mehr mit einem erhöhten Risiko für eine periphere Gefäßerkrankung (relatives Risiko 2,5), eine zuvor bekannte zerebrovaskuläre Erkrankung (1,6), eine erhöhte kardiovaskuläre Sterblichkeit und eine erhöhte Gesamtsterblichkeit (1,6) einherging. Schon bei einem Unterschied ab 10 mm Hg erhöhte sich das Risiko für eine periphere Gefäßerkrankung um 140 % (Risikoverhältnis 2,4). Die Autoren raten daher, den Blutdruck immer an beiden Armen zu messen, um frühzeitig Personen mit Gefäßerkrankungen erkennen zu können. Dies wird auch zum Beispiel in den Leitlinien der European Society of Hypertension und der European Society of Cardiology empfohlen, um sicherzustellen, dass der höhere der beiden Werte zur Therapiesteuerung der Hypertonie verwendet wird.

„Die Studie wurde überwiegend an selektierten Patienten mit bereits bekannten kardiovaskulären Erkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus vorgenommen“, kommentiert Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, Universität zu Lübeck. „Für Patienten, bei denen ein solches Wissen a priori nicht vorliegt, bleibt unklar, welche diagnostischen Maßnahmen bei klinischer Beschwerdefreiheit und hoher Blutdruckdifferenz (10–20 mm Hg) zwischen den Armen sinnvoll und nutzbringend sind.“ In der Arbeit von Clark et al. seien zudem die Ergebnisse nicht für den absoluten Blutdruck oder die Behandlung der Hypertonie adjustiert worden, was die Interpretation weiter erschwere. Sicher und in den Leitlinien bereits empfohlen sei dagegen, bei Hypertonikern den höheren Wert für
die Einstellung des Bluthochdrucks heranzuziehen.

So wiesen die meisten Patienten in der Metaanalyse ein deutlich erhöhtes kardiovaskuläres Risiko auf, welches auch ohne die Feststellung der hohen Seitendifferenz eine maximale (Sekundär)Prophylaxe rechtfertigen würde. Darüber hinaus handelte es sich in der Mehrzahl um Querschnittsstudien, damit bleibt unklar, ob eine Blutdruckdifferenz prädiktiv für eine künftig auftretende Erkrankung oder Marker einer bereits vorliegenden Erkrankung ist. Ein großer Unterschied beim systolischen Blutdruck bedeutet mit einer Spezifität von 96 % zwar einen sicheren Hinweis auf die Erkrankung, bei einer Sensitivität von 15 % wird allerdings nur ein kleiner Anteil der Erkrankungen entdeckt. Damit bleibt die Bestimmung des Knöchel-Arm-Index das Verfahren der Wahl, das aufgrund seiner Umständlichkeit allerdings oft nicht eingesetzt wird.

Fazit: Werden bei der Blutdruckmessung an beiden Armen Unterschiede beim systolischen Blutdruck von 10 mm Hg oder mehr gesehen, sollten diese Patienten auf weitere Gefäßerkrankungen untersucht werden. Wie in den einschlägigen Leitlinien vorgesehen, sollte die Messung an beiden Armen Standard sein. Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Clark CE, et al. Association of a difference in systolic blood pressure between arms with vascular disease and mortality: a systematic review and meta-analysis.
Lancet published Online doi:10.1016/S0140–6736(11)61710–8 MEDLINE

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