Studium

Studieren mit Kind: Nichts für schwache Nerven

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2012: 7

Wulfert, Eugenie

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Fotos: Eugenie Wulfert
Fotos: Eugenie Wulfert

Tamara mangelt es an Zeit und oft auch an Geld. Dennoch ist es ihr möglich, Liam und ihr Medizinstudium unter einen Hut zu kriegen.

Erst in zwei Stunden geht die Sonne auf. Viele Studierende schlafen noch tief und fest und können sich im Traum nicht vorstellen, um diese Uhrzeit aufzustehen. Der Wecker von Tamara Pace-Ross klingelt aber jeden Tag unerbittlich bereits um halb sechs. „Bevor ich meinen Sohn wecke, muss ich geduscht, mich angezogen und meine Unitasche gepackt haben. Denn wenn er wach ist, dreht sich alles nur noch um ihn“, erzählt die 34-jährige Medizinstudentin.

Der kleine Liam kam vor dreieinhalb Jahren zur Welt – bereits während der ersten Karriere von Tamara in der Unternehmensberatung. „Als ich gemerkt habe, wie wenig mich dieser Beruf erfüllt und wie wenig Zeit ich für Liam habe, habe ich mich entschlossen, meinen Jugendtraum doch noch zu verwirklichen und Medizin zu studieren“, erzählt sie. Vor einem Jahr startete sie dann tatsächlich ihr Medizinstudium in Berlin.

Fünf Prozent der Studierenden in Deutschland haben Kinder, das besagt die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Sie sind durchschnittlich 31 Jahre alt und damit etwa sieben Jahre älter als ihre Kommilitonen ohne Kind. Die Mehrzahl der studierenden Eltern ist verheiratet oder lebt mit einem Partner zusammen. Doch längst nicht alle: Jede zehnte studierende Mutter ist wie Tamara alleinerziehend. Die Beziehung zu Liams Vater zerbrach noch während der Schwangerschaft.

Morgens kurz nach sechs genießt Liam die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Mama.
Morgens kurz nach sechs genießt Liam die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Mama.

Medizin studieren mit Kind ist nichts für schwache Nerven. Viele Medizinstudierende fühlen sich auch ohne ein Kind mit ihrem Studium ausgelastet. Manche können sich nicht einmal vorstellen, nebenbei zu arbeiten. Feste Kurse und Anwesenheitspflicht bei Seminaren und Praktika lassen nur wenig Flexibilität zu. Wer mit Kind studieren will, braucht daher Hilfe von außen. Oft greifen die Großeltern bei der Kinderbetreuung unter die Arme. Doch wenn sie nicht vor Ort leben, so wie bei Tamara, müssen studierende Eltern ein ausgeprägtes Organisationstalent beweisen.

Der Tagesablauf der Medizinstudentin ist streng durchgeplant. Bereits kurz nach sieben Uhr bringt sie ihren Sohn zur Kita. „Von dort fahre ich direkt zur Uni. Wenn ich Freistunden habe, lerne ich“, erzählt sie. Nach der Uni holt sie ihren Sohn ab und fährt mit ihm nach Hause. Manchmal gehen sie zusammen einkaufen. Der Abend gehört dem kleinen Liam. „Erst wenn Liam schläft, fange ich an zu lernen und die Dinge zu erledigen, die im Haushalt liegengeblieben sind“, berichtet Tamara. Nur selten schafft es die Medizinstudentin vor Mitternacht ins Bett.

Seit Dezember ist der Alltag von Tamara und Liam etwas flexibler geworden. Denn sie hat einen der begehrten Plätze in der Kita am Charité-Campus des Virchow-Klinikums bekommen. Die Kita ist von 5.45 bis 20.15 Uhr geöffnet, auch an jedem zweiten Wochenende im Monat. Den längeren Weg bis zur neuen Kita nimmt sie gern in Kauf: „Vor allem in den Prüfungsphasen, wo die Nerven blankliegen, werde ich nun mehr Zeit zum Lernen haben.“ Allerdings ist es mit einem Kind nicht einfach, konzentriert zu lernen. Auch Liam kommt oft mit seinen für Erwachsene kleinen, für ihn jedoch bedeutenden Problemen zu ihr: Ob nun das Lieblingsauto, das nicht auffindbar ist, oder ein umgefallener Turm aus Lego-Steinen, der dem Jungen Tränen der Enttäuschung in die Augen treibt. Dann muss Tamara ihren Sohn trösten und vom Scheitern seines Bauprojektes ablenken. Und ehe sie sich versieht, erklärt sie Liam den Aufbau des Herzens.

Gemeinsam mit der Straßenbahn zur Charité-Kita: Für Liam und seine Kuschelente ist das jeden Tag ein kleines Abenteuer, für Tamara trotz des längeren Weges eine wichtige Entlastung.
Gemeinsam mit der Straßenbahn zur Charité-Kita: Für Liam und seine Kuschelente ist das jeden Tag ein kleines Abenteuer, für Tamara trotz des längeren Weges eine wichtige Entlastung.

„Er schaut sich sehr gerne die Bilder in meinen Medizinbüchern an“, erzählt die Medizinstudentin. Dieses Interesse hat ungeahnte Folgen. „Beim Laternenbasteln im Kindergarten wollte der Großteil der Kinder, dass die Eltern aus Papier Dreiecke oder Herzchen ausschneiden. Beim Anblick eines solchen Herzchens strahlte mein Sohn mich an und meinte: Mami, kannst du mir Lungenflügel und ein Gehirn ausschneiden!“, erzählt Tamara und lacht.

Eine Phase der Medizinerausbildung erscheint vielen studierenden Eltern als eine besonders große Hürde: Das praktische Jahr. Tägliche Anwesenheit auf Station von morgens bis abends ist Pflicht. In der Approbationsordnung ist nämlich „Teilzeit“ im letzten Studienabschnitt bisher nicht vorgesehen. Das sollte sich nach dem Willen der Bundesregierung nun ändern. Studium, praktisches Jahr, Berufseinstieg, Facharztausbildung: Es scheint, als gäbe es für Mediziner keinen idealen Zeitpunkt für die Familiengründung. Eine Studie der Ulmer Universität zeigt allerdings, dass das Studium unter allen „ungünstigen“ Zeitpunkten einer der günstigsten ist. Eine Familiengründung im Studium ermögliche ein einfacheres und flexibleres Zeitmanagement für Studium und Kleinkinderbetreuung, heißt es dort. Die Zeitressourcen seien unkomplizierter einteilbar, da die Verbindlichkeit im Studium nicht so hoch sei wie im Berufsleben.

Und dennoch haben viele studierende Eltern laut Studie mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Neben fehlender zentraler Beratung und finanziellen Problemen wurde besonders häufig die familienunfreundliche Studienorganisation genannt.

Trotz vieler bestehender Probleme hat sich in den letzten Jahren dennoch einiges getan. Viele Unis haben Beratungs- und Betreuungsangebote für Studierende mit Kindern geschaffen. Auch in der Studienorganisation versuchen viele Universitäten ihnen entgegenzukommen. „An der Charité werden Eltern im Modellstudiengang bevorzugt zu Seminaren zugelassen und können ihre Lerngruppe vor allen anderen aussuchen“, erklärt Sabine Ludwig vom Prodekanat für Studium und Lehre der Berliner Charité. So können sie die Lehrveranstaltungen wählen, die in den Öffnungszeiten der Kitas liegen. „Wir versuchen außerdem, alle relevanten Veranstaltungen in das Zeitfenster zwischen acht und 16 Uhr zu legen und nur wenige Ausnahmen zuzulassen“, versichert Ludwig.

Das alles hilft aber nur wenig, wenn der Nachwuchs krank wird. Denn Studierende mit Kind dürfen nicht länger fehlen als ihre kinderlosen Kommilitonen. „Von der 85%igen Anwesenheitspflicht kann aufgrund von Gleichbehandlungsgebot nicht abgewichen werden“, erklärt Ludwig. Allerdings könnten studierende Eltern sogenannte Ersatzleistungen erbringen oder Praktika zu einem anderen Zeitpunkt nachholen.

Auch finanziell ist es für Studierende mit Kind oft nicht leicht: Für Liam bekommt Tamara Sozialgeld und Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt. Aber um über die Runden zu kommen, arbeitet sie zudem als studentische Hilfskraft in einer Kinderklinik der Charité. „Oft habe ich schon das Gefühl, weder die Mutter- noch die Studentenrolle hundertprozentig auszufüllen“, sagt Tamara Pace-Ross. „Jede Minute ist verplant, und ständig plagt mich das schlechte Gewissen. Aber ich möchte unbedingt Ärztin werden. Daher versuche ich das Studium als etwas anzusehen, was ich für mich mache.“ Eugenie Wulfert

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