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Public Health im Wissenschaftszentrum Berlin: Abschied mit dürrer Tulpe

Dtsch Arztebl 2012; 109(13): A-615 / B-535 / C-531

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion

Offizielle Abschiede sind mit Blumensträußen verbunden. Meist handelt es sich um mittelgroße, brave Gebinde, die man schnell wieder vergisst. Prof. Dr. Rolf Rosenbrock (66) wird sich an seine Abschiedsblume dagegen wohl noch länger erinnern. Für ihn, der das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) altersbedingt verlässt, gab es bei seiner Abschiedstagung am 23. März von WZB-Präsidentin Prof. Jutta Allmendinger nur eine einzelne Tulpe. Sie sei wegen eines Außentermins nicht zum Blumenkauf gekommen und werde dies nachholen, sagte Allmendinger.

Die Begebenheit war symbolträchtig. Allmendinger hat 2011 bei einer Evaluation des WZB Lob bekommen für dessen inhaltliche und strukturelle Weiterentwicklung seit ihrem Antritt 2007. Doch diese Entwicklung beinhaltet auch das Ende für die Arbeit der Public-Health-Gruppe, die – mit Vorläufer – 33 Jahre lang bestand. Im Evaluationsbericht der Leibniz-Gemeinschaft heißt es: „Obwohl solide Forschungsergebnisse vorliegen, ist die Gruppe in der sozialwissenschaftlichen Diskussion weniger stark sichtbar. Die Chance, durch eine entsprechende Publikationsstrategie zu einer breiteren wissenschaftlichen Rezeption beizutragen, wurde nicht hinreichend wahrgenommen.“

Allmendinger ging darauf nicht ein, sondern lobte Rosenbrocks Arbeit: seinen Mut, zu Public-Health-Themen zu forschen, als noch alles, was nach „Volksgesundheit“ und damit Nationalsozialismus roch, verpönt war, und den Weitblick, früh für einen Forschungsschwerpunkt am WZB zu sorgen. Sie verwies auf die hohe Interdisziplinarität und den Praxisbezug seiner Forschungsgruppe, auf seine enorme Zahl von Veröffentlichungen, auf die vielen Beiratsposten, und: „Ich weiß, dass Sie noch immer für die Sache brennen.“

Rosenbrock nahm Tulpe und Würdigung an und reagierte ohne falsche Bescheidenheit: „Dank für das viele Positive und die angemessene Würdigung.“ Er gehe nicht geschlagen, betonte er selbstironisch. Schließlich forschten heute nicht Einzelne zu Public Health wie am Anfang, sondern es gebe rund 100 Professuren. Dass die Ära der Forschergruppe am WZB ende, sei aber „ein schwerer strategischer Fehler, dabei bleibe ich“.

Die Abschiedsbeiträge zum Thema „Partizipation und Gesundheit“ verdeutlichten zumindest, dass im Gesundheitswesen mehr im Argen liegt, als es Debatten um Honorare oder Qualitätssicherung manchmal erkennen lassen. So beleuchtete Dr. Nick Kratzer, München, wieso viele Arbeitnehmer heute zwar humanere und innovativere Arbeitsplatzbedingungen vorfinden als früher, trotzdem aber unter Druck geraten und mit gesundheitlichen Beschwerden reagieren. Gesine Bär, Berlin, erörterte, warum Gesund­heits­förder­ung in problematischen Stadtquartieren schwieriger ist als häufig angenommen; unter anderem, weil dort einzelne Gruppen kaum erreichbar sind und es Probleme mit dauerhaftem kommunalen Geldmangel gibt.

Die „linken“ Themen, sie kommen langsam wieder auf die Tagesordnung, scheint es. Prof. Ilona Kickbusch, Brienz, befand, nach „etwas wüsten neoliberalen Zeiten“ machten sich nun wieder mehr Menschen Gedanken, wie Gesundheitssysteme erfolgreich öffentlich gesteuert werden könnten. Sie erinnerte daran, dass es bei den Ergebnissen nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Partizipation, Wohlstand, Gerechtigkeit gehe, kurz: um einen ganzen Strauß von Themen.

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion

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