ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012NS-Euthanasie: Notwendiges Erinnern

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NS-Euthanasie: Notwendiges Erinnern

Jachertz, Norbert

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Die Franziskanerinnen von Schönbrunn haben sich der bedrückenden Vergangenheit ihrer Pflegeanstalt während der NS-Zeit mutig gestellt. Spät, aber respektabel. Davon zeugen die drei in einer Schrift des Münchener Erzbistums dokumentierten Veranstaltungen: ein wissenschaftliches Symposium im Oktober 2010 sowie zwei berührende Gedenkstunden im Januar und März 2011 (DÄ, Heft 13/2011).

Aus der Anstalt Schönbrunn bei Dachau wurden in den 1940er Jahren die Pfleglinge in mehreren Wellen verlegt, um Platz für Hilfskrankenhäuser, ein Lazarett und schließlich das ausgebombte Krankenhaus des Dritten Ordens in München-Nymphenburg zu schaffen. Auf die „Verlegung“, zumeist nach Eglfing-Haar, folgte fast immer der Mord an den Patienten. Sie wurden entweder zur Tötungsanstalt Hartheim „durchgeschleust“ oder kamen in Eglfing-Haar durch Hunger um. Es kann, ausweislich der hier wiedergegebenen Referate, als sicher gelten, dass Anstaltsleiter Prälat Josef Steininger wusste, was mit den Pfleglingen geschah, bei der „Verlegung“ aber kooperierte, um die Anstalt als solche zu retten. Steininger dürfte auf der Linie des Bistums gelegen haben, wenn auch dessen Rolle und die von Kardinal Michael Faulhaber in der Grauzone verbleiben.

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Anlass für die Schönbrunner Schwestern, sich offen mit der alten Schuld auseinanderzusetzen, waren vor allem anhaltende Vorwürfe gegen Hans Joachim Sewering, einen hohen Ärztefunktionär der Nachkriegszeit. Er war ab 1942 in Schönbrunn als Arzt tätig. Verglichen mit Steininger dürfte er eher eine Nebenrolle gespielt haben. Doch führte sein „Fall“ (im doppelten Wortsinn) dazu, dass die Schönbrunner Vergangenheit aufflog. Sewering wurde 1978 nachgewiesen, eine Patientin nach Eglfing-Haar überwiesen zu haben. 1993 konnte Sewering, der bis zu seinem Tod beteuerte, von den Vorgängen in Haar nichts gewusst zu haben, sein Amt als Präsident des Weltärztebundes nicht antreten. Etwa zu der Zeit begannen die Schönbrunner Schwestern, insbesondere deren Oberin, M. Benigna, mit der Aufarbeitung der bösen Geschichten. Es stellte sich heraus, dass für die Jahre 1930 bis 1950 kaum Verwaltungsunterlagen vorhanden sind, wohl aber fand man die Patientenakten. Von Sewering tauchten insgesamt neun Überweisungen auf, fünf davon hatten tödlich geendet.

Die Namen der Opfer bringen auch uns Nachkommen nahe, dass es Mitmenschen waren, die der „Euthanasie“ zum Opfer fielen. So wichtig die Namensnennung für das Gedenken ist, so unübersichtlich ist die Rechtslage: Darf man die Opfer überhaupt offen benennen? In Deutschland ist man da ziemlich zurückhaltend. Der Datenschutz! Die Angst, Angehörige könnten widersprechen, zumal es sich um eine stigmatisierte Patientengruppe handelt. Mit dem Namennennen setzte sich – zustimmend – eine Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Mai 2011 in Irsee bei Kaufbeuren auseinander. Das ehemalige Kloster, heute eine Bildungsstätte, fungierte bis 1945 als „Irrenanstalt“ und zählte unter ihrem Leiter Valentin Faltlhauser zu den großen Mordanstalten der NS-Euthanasie, ähnlich wie Eglfing-Haar unter Hermann Pfannmüller. In Kaufbeuren wurde zudem an Kindern ein Tbc-Impfstoff getestet. Über die Krankenmorde an Erwachsenen und Kindern hier wie auch anderswo im Schwäbischen (sowie in Hessen) und die anhaltenden Bemühungen, das Andenken zu pflegen, berichtet der Tagungsband. Der Arbeitskreis schlägt darüber hinaus den Bogen zu Gegenwart: Zum einen fordert er einen Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-Euthanasie an der Tiergartenstraße 4 in Berlin, zum anderen nimmt er Stellung zur Präimplantationsdiagnostik und der mit ihr verbundenen Entscheidung darüber, welches Leben zu erhalten und welches zu „verwerfen“ sei.

Norbert Jachertz

Sr. M. Benigna Sirl, Peter Pfister (Hrsg.): Die Assoziationsanstalt Schönbrunn und das Nationalsozialistische Euthanasie-Programm. Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising, Band 15. Schnell und Steiner, Regensburg 2011, 172 Seiten, broschiert, 9,95 Euro

Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation (Hrsg.): Den Opfern einen Namen geben. NS-„Euthanasie“-Verbrechen, historisch-politische Verantwortung und Erinnerungskultur. Verlag Klemm+Oelschläger, Münster, Ulm 2011, broschiert, 256 Seiten, 22 Euro

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