ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012Berufspraxis: Gefahr der Fehldiagnose
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. . . Dass für die sogenannte sprechende Medizin angeblich aufgrund bürokratischer Überbordungen keine Zeit mehr bleibe, wird seit Jahren von allen Seiten beklagt. Aber Abhilfen werden von keiner Seite überhaupt nicht ernsthaft in Angriff genommen. So erleben Patienten und ihre Angehörigen immer wieder, dass ihnen auch in hoffnungslosen Situationen kurz und bündig, unter Umständen sogar „zwischen Tür und Angel“, ohne die notwendige Empathie die bittere Prognose mitgeteilt wird. Und so werden sie dann nach dieser fatalen Eröffnung auch total alleingelassen.

Dass aber – auch wieder aus angeblichem Zeitmangel – auf sorgfältige körperliche Untersuchung verzichtet wird, ist fast noch unerträglicher. So werden zum Beispiel neurologische Untersuchungen an vollständig Bekleideten erhoben (wie kann man das Babinskische Zeichen durch die Socken wirklich beurteilen?), Lungen werden vom Ordinarius für Gastroenterologie durch die vollständige Oberbekleidung abgehört, um dann eine „Ganzkörperuntersuchung“ abrechnen zu können. Eine geklagte Gangstörung wird vom orthopädischen Hochschullehrer nicht gezielt beobachtet, die fachspezifische Untersuchung erfolgt ausdrücklich im bekleideten Zustand. So bleibt die Fehldiagnose fast zwangsläufig nicht aus . . .

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Soweit bei den vorgestellten Fällen akademische Lehrer betroffen sind, bleibt die peinliche Frage offen: Wie wird unser ärztlicher Nachwuchs eigentlich adäquat auf seine künftigen sehr verantwortungsvollen Aufgaben vorbereitet? Vorbilder sind nach wie vor ein wichtiger Faktor im beruflichen Werdegang eines jungen Menschen! Sie sind nach wie vor prägend, auch für spätere Verhaltensweisen. Ich kann mir aus meiner Assistentenzeit auch nicht im Traum vorstellen, dass wir neurologische klinische Befunde an vollständig Bekleideten erhoben hätten. Unsere Chefs hätten sich derartiges Fehlverhalten strengstens verbeten. Und wir wären zu Recht getadelt worden! . . .

Nun wird man mir wahrscheinlich vorhalten, dass meine Standpunkte „nicht zeitgemäß“ seien. Mit diesem „Argument“ erstickt man rasch jede abgewogene Diskussion. Denn manches – gerade in der Medizin – ist zeitlos und hatte gestern, hat heute und wird morgen seine Gültigkeit haben . . .

Der Mensch ist eben keine Maschine, sondern ein ganz besonderes Unikat! Und schließlich sollte nach wie vor gelten: „Suprema lex: salus aegroti“!

Prof. Dr. med. Wolfgang Firnhaber, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), 64287 Darmstadt

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