ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012Organspende und Hirntod: Anstoß zum Nachdenken

POLITIK

Organspende und Hirntod: Anstoß zum Nachdenken

Dtsch Arztebl 2012; 109(13): A-621 / B-541 / C-537

Klinkhammer, Gisela; Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: laif
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Ein geändertes Transplantationsgesetz und die „Entscheidungslösung“ sollen mehr Spenderorgane bringen – darin waren sich die Fraktionen bei der ersten Lesung des Gesetzes im Bundestag einig. Gleichzeitig diskutierte der Deutsche Ethikrat über den Hirntod.

Nach jahrelanger kontroverser Debatte um die Organspende ging es am 22. März im Deutschen Bundestag erstaunlich einvernehmlich zu: Zwei Stunden diskutierten die Abgeordneten in Erster Lesung den interfraktionellen Gruppenantrag und den Antrag der Bundesregierung zur Änderung des Transplantationsgesetzes, die beide im Sommer Gesetz werden sollen. Die bisher geltende erweiterte Zustimmungslösung soll durch die Entscheidungslösung ersetzt werden. Dabei soll die Entscheidung nicht erzwungen, jedoch durch direkte Ansprache der Bürger forciert werden, hieß es einmütig.

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Die Einigkeit im Bundestag sei kein Zeichen von Langeweile, sondern ein „starkes und klares Signal“ und eine gemeinsame Aufforderung aller Fraktionen an die Bevölkerung, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP). Dem gemeinsamen Antrag der Fraktionen von Union, FDP, SPD, Grünen und Linken zufolge soll künftig jeder Bürger alle zwei Jahre von den Krankenkassen zu seiner Spendebereitschaft befragt werden. Man kann dann die Bereitschaft erklären, sie verneinen oder die Frage unbeantwortet lassen. Sobald es technisch möglich ist (wahrscheinlich nicht vor 2014), soll die Entscheidung auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden.

Druck soll trotz der langen Wartelisten auf Spenderorgane nicht auf die Bevölkerung ausgeübt werden – dies zog sich wie ein roter Faden durch die Reden der Vertreter aller Fraktionen. Sie appellierten vielmehr während der Debatte teilweise in pastoralem Ton an die Bürger, sich stärker mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), einer der Hauptinitiatoren des Antrages, betonte, Organspende sei eine höchst persönliche Entscheidung. „Mehr Druck ist der falsche Weg“, erklärte er. „Stattdessen wollen wir für die freiwillige Spende werben.“ Eine Widerspruchslösung, nach der jeder als organspendebereit gilt, der dies nicht ausdrücklich ablehnt, entspreche nicht unserer Rechtsauffassung, betonte Kauder.

Lebendspender Frank-Walter Steinmeier (SPD): 2010 spendete er seiner schwerkranken Frau eine Niere. Foto: dapd
Lebendspender Frank-Walter Steinmeier (SPD): 2010 spendete er seiner schwerkranken Frau eine Niere. Foto: dapd

Auch Mitinitiator Frank-Walter Steinmeier sagte, Aufgabe der Politik sei es, Hürden abzubauen und zu ermutigen. Für den SPD-Fraktionsvorsitzenden ist die Bereitschaft zur Organspende eine Frage der Mitmenschlichkeit: „Politik hat diese möglich zu machen.“ Man müsse aufklären und nachhaken. Steinmeier wandte sich dabei klar gegen Anreize für potenzielle Organspender. Weder mit Bonuszahlungen noch durch Beitragssenkungen der Krankenkassen dürfe die Spendebereitschaft forciert werden. „Die Organspende soll eine Spende bleiben. Es darf keine Kommerzialisierung geben“, betonte er.

Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle betonte, es dürfe keinen staatlich verordneten Entscheidungszwang zur Organspende geben: „Eine Pflicht zur Beschäftigung mit dem Thema kann aber durchaus verlangt werden. Es geht um Bürgerpflicht, nicht um Bürgerzwang“ – das sei der Leitgedanke des Gesetzentwurfs, sagte Brüderle.

Ein Aspekt sorgt noch für Diskussionen zwischen den Fraktionen: die Datensicherheit. Ein Eintrag der Entscheidung zur Organspende auf der elektronischen Gesundheitskarte kommt nach Ansicht des Fraktionschefs der Linken, Gregor Gysi, nur dann infrage, wenn die Daten tatsächlich sicher seien. Auch Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin betonte, dass die Krankenkassen nicht allein über einen Eintrag auf der Gesundheitskarte entscheiden dürften. Voraussichtlich werden die Grünen noch einen Änderungsantrag zu dem interfraktionellen Gesetzentwurf vorlegen.

Neben diesem interfraktionellen Antrag zur Entscheidungslösung beriet das Parlament auch einen Antrag der Bundesregierung zur Änderung des Transplantationsgesetzes. Er verpflichtet unter anderem die Kliniken mit Intensivstation, einen Transplantationsbeauftragten zu bestellen und die Abläufe bei der Transplantation zu verbessern. Außerdem sollen EU-weite einheitliche Qualitäts- und Sicherheitsstandards festgelegt werden. Gleichzeitig will die Bundesregierung die Situation von Lebendspendern verbessern. Dem Gesetzentwurf zufolge soll künftig grundsätzlich die Krankenkasse des Organempfängers zuständig für die Leistungen an den Spender sein. Im Falle von Komplikationen und Langzeit-Beeinträchtigungen soll der Unfallversicherungsschutz greifen.

Auch die Bundes­ärzte­kammer begrüßt die Initiative der Fraktionen. „Es eine gute Nachricht für die rund 12 000 Patientinnen und Patienten, die derzeit auf ein Spenderorgan warten, dass der Gesetzgeber die Spendebereitschaft in Deutschland erhöhen will“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Es sei unerlässlich, dass eine Erklärung zur Organ- und Gewebespende regelmäßig nachgefragt werde.

Ethikrat debattierte am Vortag über den Hirntod

Rechtliche Voraussetzung für eine Transplantation ist die Feststellung des Hirntodes. Doch sind hirntote Menschen wirklich tot? Ist der Hirntod nicht vielmehr die Einleitung eines unumkehrbaren Sterbeprozesses? Was ist der Hirntod überhaupt? Am Vortag der Ersten Lesung im Bundestag beschäftigte sich der Deutsche Ethikrat auf einem „Forum Bioethik“ mit diesen Fragen. Die Debatte darüber, ob hirntote Menschen wirklich tot sind, war durch ein im Jahr 2008 veröffentlichtes sogenanntes White Paper des US-amerikanischen President’s Council on Bioethics erneut entflammt. In der Veröffentlichung dieses dem Deutschen Ethikrat vergleichbaren Gremiums wurde davon ausgegangen, dass die bislang vertretene Begründung für das Hirntodkriterium, nämlich die Annahme des engen zeitlichen und kausalen Zusammenhangs des Hirntodes und der Desintegration der körperlichen Funktionen, empirisch widerlegt sei.

Das White Paper beruft sich dabei auf Veröffentlichungen des Neurologen Prof. D. Alan Shewmon vom Medical Center der University of California in Los Angeles, der seine kritischen Thesen auf der Veranstaltung des Ethikrates in Berlin vorstellte. Shewmon vertritt die Ansicht, dass das Gehirn nicht der zentrale Integrator aller menschlichen Körperfunktionen sei. Die Integration sei vielmehr eine Eigenschaft des Gesamtorganismus: „Hirntote sind trotz aller Abhängigkeit Organismen als Ganzes.“ Die Integrationsfähigkeit manifestiere sich zum einen darin, dass hirntote Patienten unter anderem ihre Körpertemperatur regulieren, sich gegen Infektionen zur Wehr setzen und ein ungeborenes Kind austragen können, und zum anderen darin, dass der Organismus in einigen von ihm untersuchten Fällen zur Aufrechterhaltung seiner vitalen Funktionen relativ wenig technologische Unterstützung, wie zum Beispiel die dauerhafte Beatmung, benötige.

Doch wenn man Transplantationen nicht auf dem Hirntodkonzept aufbauen wolle, käme man schnell in ein Dilemma, meint Ralf Stoecker, Professor für Angewandte Ethik an der Universität Potsdam. Denn Organspenden könnten vielen Menschen helfen und viele Leben retten. Seiner Ansicht nach kommt die Transplantationsmedizin vielmehr am besten gänzlich ohne das Hirntodkonzept aus. Es komme vielmehr darauf an, wie man mit Hirntoten umgehen solle. Sie wiesen sowohl Merkmale von Lebendigkeit als auch Merkmale des Todes auf; entsprechend müsse man sie in mancher Hinsicht wie Lebende behandeln, könne ihnen jedoch auf der anderen Seite in mancherlei Hinsicht kein Leid mehr antun, weil man sie keiner Zukunft mehr berauben könne. Deshalb hält Stoecker eine Organentnahme ethisch für gerechtfertigt. Prof. Dr. phil. Michael Quante, Universität Münster, verwies mit Blick auf Stoeckers Auffassungen auf tiefgreifende philosophische Differenzen. Quante zufolge ist die angemessene Definition des Todesbegriffs keine ethische, sondern eine metaphysische Frage nach der Existenz und deren Ende durch den Tod.

Für Prof. Dr. Dr. med. Eckhard Nagel als Transplantationsmediziner ist es undenkbar, einen Menschen zu töten, um einen anderen zu retten. Im Gegensatz zu Shewmon und Stoecker sieht er jedoch den hirntoten Patienten als eindeutig tot an und hält die Praxis der Transplantationsmedizin daher weiterhin für legitim. Auch Priv.-Doz. Dr. med. Stefanie Förderreuther, Ludwig-Maximilians-Universität München, hält den „Hirntod für ein gutes Feststellungskriterium“. Der Hirntod unterscheide sich eindeutig von anderen Syndromen wie dem Koma oder dem Locked-in-Syndrom. Eine Verwechslung von Hirntod und Wachkoma sei klinisch nicht möglich. Die Diagnostik des Hirntods erfolge nach strengen standardisierten Kriterien, auf deren Grundlage der irreversible Ausfall aller Gehirnfunktionen sicher ermittelt werden könne. Anders als Shewmon resümiert sie: „Ohne Gehirn ist der Mensch als körperlich geistige Einheit nicht mehr existent.“

Gisela Klinkhammer, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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