ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012Museum der Bundeswehr: Militärgeschichte ohne Glanz und Gloria

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Museum der Bundeswehr: Militärgeschichte ohne Glanz und Gloria

Jachertz, Norbert

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Der Keil durchzieht das ganze Gebäude und öffnet Ausblicke auf schräge Treppenhäuser und in tiefe Schächte. Foto: Militärhistorisches Museum
Der Keil durchzieht das ganze Gebäude und öffnet Ausblicke auf schräge Treppenhäuser und in tiefe Schächte. Foto: Militärhistorisches Museum

Dresden ohne Barock: Libeskinds spektakuläre Architektur erinnert an den 13. Februar 1945.

Der amerikanische Architekt Daniel Libeskind bürgt für zackige Architektur. Bekannt ist sein Jüdisches Museum in Berlin. Beim Um- und Neubau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden hat er jetzt einen gewaltigen Zacken aus Stahl und Aluminium durch das alte Arsenal der sächsischen Könige getrieben: den Keil. Museumsleiter Dr. Matthias Rogg sieht im Keil eine Chiffre für Gewalt. Der Keil durchzieht das ganze Gebäude und öffnet Ausblicke auf schräge Treppenhäuser und in tiefe Schächte. Vom obersten Deck ein Blick auf Dresdens wiedererstandene Altstadt. Die Keilspitze weist in den Himmel, dorthin, wo die Royal Air Force am 13. Februar 1945 ihre „Christbäume“ setzte, um die Einflugschneise für die Bomber zu markieren, die Dresdens Zentrum zerstören sollten.

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Der Besuch lohnt allein schon wegen der Architektur. Aber auch wegen des inhaltlichen Konzeptes. Keine Verherrlichung von Technik, kein Gedächtnis großer Siege, kein Glanz und Gloria. Die Zurückhaltung hat mit der jüngeren deutschen Geschichte zu tun und mit dem Selbstbild der Bundeswehr. Vom Bürger in Uniform ist öffentlich zwar nur noch selten zu hören, in Dresden lebt das Bild vom bürgerlichen Soldaten mit humanitärem Auftrag hingegen wieder auf. Rogg, Historiker, Privatdozent und Oberst des Heeres, hebt den kulturanthropologischen Ansatz des Hauses hervor, es diene dem gesellschaftlichen Diskurs, im Mittelpunkt stehe der Mensch. Die Ausstellung zeugt indes davon, dass Krieg keine humanitäre Veranstaltung ist, sondern mit Gewalt, Leid und Tod einhergeht.

Ungewöhnlich ist die Präsentation im alten Arsenal: chronologisch, im stählernen Keil, der den Altbau durchschneidet, thematisch. Zumindest die Epocheneinteilung – 1300 bis 1914, 1914 bis 1945, 1945 bis heute – erscheint diskurswürdig: Die Zeitgeschichte überwiegt. Das liegt nahe, wenn, laut Rogg, die Auseinandersetzung mit dem Militär gesucht wird. Thematisch werden elf große Problemfelder berührt: die politischen Bedingungen von Kriegen, die gesellschaftliche Einbettung des Militärs, das Leiden von Menschen und Tieren (!). Unter dem Thema „Militär und Technologie“ wird auch die Medizintechnik abgehandelt. Hier erfährt man anhand eines Röhrchens Pervitin, dass allein im April 1940 etwa 35 Millionen Tabletten dieses „Weckmittels“ (sic) verteilt wurden, um die Soldaten zum Durchhalten zu bewegen. Nicht verschwiegen wird, dass die Wirkung zuvor in Menschenversuchen in KZs erprobt wurde.

So spektakulär die Libeskindsche Architektur daherkommt, so dezent ist die Präsentation in halbdunklen Räumen. Verantwortlich dafür zeichnen die einschlägig bekannten Architekturbüros HG Merz (Stuttgart/Berlin) und Holzer/Kobler (Zürich/Berlin), zusammen mit den hauseigenen Fachleuten. Sie haben aus dem riesigen Depot von mehr als einer Million Objekte 10 000 charakteristische ausgewählt und durch Videoanimationen und Texte ergänzt.

Norbert Jachertz

Infos: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden. Geöffnet täglich (außer Mittwoch), Telefon 0351 8232803, www.mhmbw.de

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