ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012Organspende: Das Potenzial ist hoch
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Das Potenzial ist hoch! Warum? Zum einen betrifft es den ärztlichen Umgang mit unrettbaren nichteinwilligungsfähigen Intensivpatienten, zum anderen die Ablehnungsrate . . . Es handelt sich um Entscheidungen am Lebensende nichteinwilligungsfähiger Patienten. Lässt sich der Eintritt der Sterbephase erkennen? Ja, und zwar durch tägliche Überprüfung der Prinzipien Rettbarkeit und Lebensbewahrung (= Sinn der Intensivtherapie) . . .

Die Rechtfertigung jedweder Therapie, also auch jener am Lebensende, bedarf zweier Antworten:

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1. Was ist das Therapieziel, und ist dieses Therapieziel realistisch (= Überprüfung der Therapieindikation)?

2. Stimmen dieses Therapieziel und die geplante Maßnahme mit dem Patientenwillen überein (= Selbstbestimmung, Patientenwille)?

Bei fehlender beziehungsweise inzwischen nicht mehr zutreffender Indikation (= kein realistisches Therapieziel) darf nicht behandelt werden. Im Fall der hier hinterfragten Patientengruppe ändert sich das Therapieziel weg von der Intensivmedizin (Intensivtherapiebeendigung) hin zur Palliativmedizin. Die ethischen Prinzipien Lebensrettung und Lebensbewahrung sind nicht länger zutreffend und treten hinter dem Prinzip Leidensminderung zurück. Es besteht zwar keine Rechtsverpflichtung zur Erhaltung erlöschenden Lebens, aber es bestehen eine gesetzlich verankerte Richtlinie zur Feststellung des Hirntodes und ein Transplantationsgesetz. Und beiden sollten, ja, müssten alle Ärzte, die auf einer Intensivstation solche Patienten an deren Lebensende behandeln, zutiefst verpflichtet sein, bis die Frage einer Organspende entschieden ist. Insofern gilt es, eine organprotektive konditionierende Therapie aufrechtzuerhalten, bis der mutmaßliche Patientenwille bekannt ist. Das wird aber gar nicht selten versäumt. Und damit ein wichtiges Potenzial möglicher Organspenden. – Die gegenwärtige Ablehnungsrate von mehr als 40 Prozent weist auf Miss- oder/und Unverstand in unserer Bevölkerung hin. Trotz aller Pro-Organspende-Kampagnen gelingt es nicht, selbst manchen Ärzten nicht, klarzumachen, dass die Organspende eines Toten vor allem auch ein Akt der Nächstenliebe ist, im reinsten Sinn des Wortes „Lebenshilfe“ für jene 12 000 Patienten in Deutschland, die auf der Warteliste zur Organtransplantation stehen. Dieser Unverstand ist für mich unsäglich bestürzend. Erst die Intensivmedizin mit ihrem Ersatz von lebenswichtigen Organfunktionen, nämlich Atmung (Lungen), Blutkreislauf (Herz) und Ausscheidung (Nieren) schuf die Voraussetzungen, dass der menschliche Organismus weiterhin funktioniert, obwohl sein Gehirn bereits verstorben ist. Nicht mehr und nicht weniger bedeutet die Hirntoddiagnose: – ein Mensch ohne ein lebendes Gehirn, und zwar endgültig. Ich selbst habe die Hirntoddiagnose aufgrund des Nachweises von länger als 30 Minuten fehlender Hirndurchblutung an mehr als 700 Patienten gestellt. Und der Gesetzgeber stellte dazu fest: Ein solcher menschlicher Organismus ist eine Leiche. Gerade in einer Demokratie sollten Gesetze auch eingehalten werden. Falls es andere Mehrheiten gibt, kann man sie ja ändern. Das ändert aber nichts am toten Gehirn.

Prof. Dr. med. Dietmar Schneider, Universität Leipzig, Medizinische Fakultät, Klinik und Poliklinik für Neurologie, 04103 Leipzig

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