ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2012Sportwissenschaftliche Studie: Ärztinnen glänzen bei Fitnesstest

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Sportwissenschaftliche Studie: Ärztinnen glänzen bei Fitnesstest

Dtsch Arztebl 2012; 109(13): A-639 / B-554 / C-550

Protschka, Johanna

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Sportwissenschaftler aus Karlsruhe fanden heraus: Medizinerinnen haben in Sachen Fitness klar die Nase vorn. Nicht so ihre männlichen Kollegen

Mehr Sport treiben, sich gesund ernähren, schlank bleiben. Das sind Ratschläge, die Mediziner ihren Patienten oft mit auf den Weg geben. Ein „Rezept für Bewegung“ können Ärztinnen und Ärzte mittlerweile ausstellen, um ihre Patienten zu mehr Bewegung zu animieren (DÄ, Heft 6/2012). Doch wie sieht es mit der Fitness und dem Gesundheitszustand der Ärztinnen und Ärzte selbst aus? Sind sie so gesund und fit, wie sie es ihren Patienten wünschen? Gehen die Mediziner mit gutem Beispiel voran? Junge Sportwissenschaftler um Professor Dr. Klaus Bös vom Institut für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie wollten es genau wissen und fanden heraus: Was den allgemeinen Gesundheitszustand betrifft, liegen Mediziner insgesamt etwas über der „Normalbevölkerung“. Schaut man aber genauer hin, sind es die Ärztinnen, die im Durchschnitt gesünder und vor allem fitter sind als die übrige Bevölkerung und als ihre männlichen Kollegen.

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2-km-Walking-Test lieferte am Körper gemessene Daten

Um eine Aussage über den Gesundheitszustand der Mediziner machen zu können, haben sich Bös, Manuel Armbruster, Student der Sportwissenschaften, sowie Dr. Patrick Anstett und das Team des Instituts für präventive Diagnostik, Aktivitäts- und Gesund­heits­förder­ung nicht auf eine Erhebung allein per Fragebogen verlassen, wie viele Forscher vor ihnen.

Die bisherige Datenlage zeichnet ein Bild von Ärztinnen und Ärzten, die im Vergleich mit der restlichen Bevölkerung weniger rauchen, weniger Alkohol konsumieren und damit gesundheitsbewusster leben. Die Wissenschaftler aus Karlsruhe werteten hingegen zusätzlich die „Fitness-Daten“ von etwa 2 000 Ärztinnen und Ärzten aus. Der in Finnland entwickelte „2-km-Walking-Test“ ergänzte den Fragebogen zum Gesundheitszustand und lieferte so direkt am Körper gemessene Daten. „So einen Test, wie wir ihn durchgeführt haben, gab es vorher noch nie,“ erklärt Armbruster. Für die Studie mussten die Probanden mit einem elektronischen Pulsmessgerät ausgestattet eine 2 000 Meter lange und ebene Strecke in möglichst kurzer Zeit „walken“. Die Ärztinnen und Ärzte gingen dabei in einem Bereich von 80–95 Prozent der maximalen Herzfrequenz. In den sogenannten Walkingindex (WI) rechneten die Wissenschaftler neben der Herzfrequenz auch Laufzeit, Alter und Body-mass-Index für Männer und Frauen getrennt ein. Dabei wurden die Berechnungsformeln für den WI so ausgelegt, dass der Normwert genau hundert beträgt. Der Normwert spiegelt den durchschnittlichen Wert der Normalbevölkerung nach Geschlecht wider.

Erhoben wurden die Daten der Ärztinnen und Ärzte im Rahmen von ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Diabetes und Präventionsmedizin. An mehr als 30 Veranstaltungsorten wurden niedergelassene Hausärzte, Gynäkologen und Diabetologen aus allen 16 Bundesländern getestet. Etwa 95 Prozent der angesprochenen Ärzte nahmen teil.

Laut Bös hat die Gesamtstichprobe zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, was die Sportwissenschaftler herausfanden sei aber „sehr aussagekräftig“. Über alle Altersklassen hinweg schneiden Ärzte mit ihrem WI von 91,6 signifikant schlechter als die Normwerte ab. Die Ärztinnen sind mit 102,6 dagegen sogar besser als die Norm. Sieht man sich die Ergebnisse genauer an, fällt auf, dass vor allem Ärztinnen im mittleren Lebensalter, also zwischen 36 und 55 Jahren, signifikant bessere Ergebnisse erzielen als die durchschnittliche weibliche Bevölkerung. Besonders in der Altersklasse 66 bis 75 Jahre stehen die Frauen im Vergleich zu den Normwerten sehr gut da, während die Männer in dieser Altersklasse auffallend schlechtere Resultate als die Norm vorweisen (Grafik 1 und 2). Sprich: mit zunehmendem Alter lässt bei den männlichen Kollegen die Alltagsfitness nach.

Vor allem in der Altersklasse zwischen 66–75 Jahren liegen die Ärzte mit ihrem Walkingindex deutlich unter dem für die Männer errechneten Normwert.
Vor allem in der Altersklasse zwischen 66–75 Jahren liegen die Ärzte mit ihrem Walkingindex deutlich unter dem für die Männer errechneten Normwert.
Grafik 1
Vor allem in der Altersklasse zwischen 66–75 Jahren liegen die Ärzte mit ihrem Walkingindex deutlich unter dem für die Männer errechneten Normwert.
Im Gegensatz zu den männlichen Probanden schneiden die Ärztinnen gegenüber ihren Normwerten besonders gut in der Altersklasse 66–75 Jahre ab.
Im Gegensatz zu den männlichen Probanden schneiden die Ärztinnen gegenüber ihren Normwerten besonders gut in der Altersklasse 66–75 Jahre ab.
Grafik 2
Im Gegensatz zu den männlichen Probanden schneiden die Ärztinnen gegenüber ihren Normwerten besonders gut in der Altersklasse 66–75 Jahre ab.

„Dieses Ergebnis spiegelt sich auch in der restlichen Bevölkerung wider. Frauen haben, was die Alltagsfitness betrifft, generell ein höheres Gesundheitsbewusstsein“, weiß Bös. Auch was den mit dem Fragebogen ermittelten Gesundheitszustand angeht, schnitten die Ärztinnen besser ab.

Männer haben Probleme mit der Alltagsfitness

In jungen Jahren sind Männer zwar die leistungsfähigeren, so der Sportwissenschaftler, dies kehre sich aber mit zunehmendem Alter um. Männer hätten größere Probleme, sich im Alltag zur Bewegung zu motivieren. Sie seien in der Regel sportsozialisiert, suchten deshalb aber eher den Wettkampf. Viele Männer empfänden schlichtes „Walken“ als langweilig. Bös ist deshalb der Ansicht, dass zeitnah passende Konzepte für Männergesundheit benötigt werden, denn ein harter sportlicher Wettkampf werde mit zunehmendem Alter schwieriger. Außerdem seien die vielen technischen Neuerungen unserer Zeit der Grund für immer weniger Bewegung im Alltag. Das fange schon bei dem elektrischen Rollladen an und höre beim Liftfahren auf. Bis zu 400 Kilokalorien fallen damit im täglichen Energieverbrauch weg. Damit Bewegung aber eine präventive Wirkung entfaltet, ist Bös der Ansicht, dass man idealerweise täglich eine halbe Stunde aktiv sein sollte, wenn es nicht anders geht, wenigstens drei- bis viermal die Woche.

Neben einer guten Fitness attestierten die Karlsruher den Medizinern insgesamt auch einen guten Gesundheitszustand: 73,8 Prozent gaben an, dass sie frei von Beschwerden seien. Auch hier haben Ärztinnen etwas bessere Ergebnisse als Ärzte erzielt. Mit 13,2 Prozent sind Männer überdies häufiger herzkrank oder haben einen zu hohen Blutdruck; von ihren weiblichen Kollegen sind dagegen 8,9 Prozent davon betroffen. Nur 3,1 Prozent der Probanden sind in den letzten sechs Monaten vor der Untersuchung krank gewesen, auch der Anteil der Ärztinnen und Ärzte, die angaben, von Gelenkschmerzen oder Arthrose betroffen zu sein, ist mit 13 Prozent im Vergleich zur Gesamtbevölkerung geringer.

Bös konstatiert abschließend, dass das Gesundheitsverhalten der Ärztinnen und Ärzte insgesamt ganz gut zum Gesamtbild der Bevölkerung passe: „Sie sind aber, so kann man sagen, ein klein wenig gesundheitsbewusster als der Rest der Bevölkerung und erfüllen damit in gewisser Weise eine Vorbildfunktion für ihre Patienten.“

Johanna Protschka

Vor allem in der Altersklasse zwischen 66–75 Jahren liegen die Ärzte mit ihrem Walkingindex deutlich unter dem für die Männer errechneten Normwert.
Vor allem in der Altersklasse zwischen 66–75 Jahren liegen die Ärzte mit ihrem Walkingindex deutlich unter dem für die Männer errechneten Normwert.
Grafik 1
Vor allem in der Altersklasse zwischen 66–75 Jahren liegen die Ärzte mit ihrem Walkingindex deutlich unter dem für die Männer errechneten Normwert.
Im Gegensatz zu den männlichen Probanden schneiden die Ärztinnen gegenüber ihren Normwerten besonders gut in der Altersklasse 66–75 Jahre ab.
Im Gegensatz zu den männlichen Probanden schneiden die Ärztinnen gegenüber ihren Normwerten besonders gut in der Altersklasse 66–75 Jahre ab.
Grafik 2
Im Gegensatz zu den männlichen Probanden schneiden die Ärztinnen gegenüber ihren Normwerten besonders gut in der Altersklasse 66–75 Jahre ab.

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